Archiv des Autors: Gerhard Mersmann

Europa, kontinental gedacht

Wenn die Hektik groß ist und die Verwirrung zum vorherrschenden Gefühl wird, ist es  hilfreich, einige Schritte zurückzugehen und sich das Geschehen aus größerer Distanz zu betrachten. Das beruhigt den Blick und gibt einer größeren Objektivität eine Chance. Ein noch größerer Gewinn ergibt sich, wenn man die disputierten Maßstäbe beiseite lässt und andere Fakten zur Grundlage der Beobachtung nimmt. Das kann, dieses Risiko besteht, die gegenwärtig existierende Denkweise sogar aushebeln. Es birgt dann die Möglichkeit, die Gemengelage neu zu überdenken und andere Lösungsansätze zu begünstigen.

Bei dem Europa, von dem gegenwärtig in unseren Breitengraden die Rede ist, handelt es sich um ein zunächst ökonomisches, dann politisches und neuerdings auch ein militärisches Bündnis, das als Folge des II. Weltkrieges und des darauf folgenden Kalten Krieges entstanden ist und nach dessen Beendigung 1990 noch voran getrieben wurde. Mit dem europäischen Kontinent ist dieses Gebilde nicht identisch. Es umfasst nur einen Teil.

Nimmt man die in Europa als Muttersprache gesprochenen Sprachen, so sieht der Kontinent anders aus als das Residual-Europa, das momentan als gesamtes gehandelt wird. Die meist gesprochene Sprache in Kontinentaleuropa ist Russisch, das von 120 Millionen Menschen gesprochen wird. Es folgt das Deutsche, mit dem 100 Millionen kommunizieren. Danach kommen 80 Millionen Menschen, für die das Französische die Primärsprache darstellt und erst danach das Englische und das Türkische, beide Sprachen werden von 70 Millionen Menschen gesprochen. Die offiziellen Sprachen der als Europa gehandelten EU sind jedoch Französisch und Englisch.

Sieht man sich diese Dimensionen an, dann ist das Europa, von dem hier täglich die Rede ist, nur ein Bruchteil des Kontinents, der sich anmaßt, im Namen des Ganzen zu sprechen. Man kann die Disposition aber auch noch anders sehen. Sowohl der Polit-Geograph des British Empire, Halford Mackinder (Heartland Theorie), als auch der Hegemonial-Theoretiker der amerikanischen Dominanz, Zbigniew Brzezinski (The Great Chessboard), sprachen davon, dass es, um die eigene globale Vorherrschaft zu sichern, essenziell sei, einen Keil in die europäische Landmasse zu treiben, um vor allem Deutschland mit seinem kulturellen Hintergrund und technischen Know-How von dem an Ressourcen reichen Russland zu trennen. Gelänge dieses nicht, sei die eigene Weltherrschaft dahin. Der gegenwärtige Blick auf den europäischen Kontinent zeigt, dass die aus dieser Strategie abgeleitete Politik erfolgreich war und die europäischen Verhältnisse auf den Kopf gestellt hat.

Die britischen wie us-amerikanischen Hegemonialtheorien haben sich in dem Rest-Europa als Staatsräson durchgesetzt und sind bis in die Sphären gegenwärtig hier zelebrierter Historiker zu verfolgen, ob sie Münkler oder Winkler heißen. Sie konzedieren den maritimen Weltmächten, die ihrerseits einen Krieg nach dem anderen vom Zaun brachen und brechen, das Attribut einer liberalen Demokratie, während sie den Landmächten Russland und China das des autokratischen Despotismus zuordnen. 

Von den Politikern Rest-Europas, die in das gleiche Horn stoßen, sei hier nicht die Rede. Das Debakel, in dem wir uns hier, am Rande Europas befinden, ist ein den Kontinent negierendes Sektierertum, das anderen Interessen als denen des europäischen Kontinents dient. Nähme man die Mehrheitsverhältnisse der Muttersprachler als Protagonisten kontinentaler Politik, dann wäre z.B. eine Allianz aus Russland, Deutschland und Frankreich das Architekturbüro. 

Doch wem das zu gefährlich klingt, bleibe weiterhin Zeuge, wie selbst der große Zeus die alles andere als schöne Europa verschmäht.

Europa, kontinental gedacht

Die kränkelnde Blässe der Misanthropie

Die Zeiten, in denen der Dramaturg Heiner Müller zu Protokoll gab, zum Frühstück gebe es bei ihm ein Stück blutiges Fleisch und eine Tasse Benzin und ein Wolf Wondraschek verlauten ließ, der Tag beginne mit eine Schusswunde, ein Eric Burdon sang, er sei mit einer Pistole im Mund aufgewacht und Charles Bukowski der Menschheit bescheinigte, sie hätte einfach nicht das Zeug dazu, etwas Vernünftiges auf die Beine zu stellen und ein Gerhard Zwerenz brüllte, die Erde sei unbewohnbar wie der Mond, diese Zeiten liegen hinter uns. Was in den Ohren heutiger junger Mitbürger klingt wie ein universelles No Go, war damals der Ausdruck eines Lebensgefühls, das die Widrigkeiten der Verhältnisse anerkannte und gleichzeitig ein Trotzdem verlauten ließ. Es war eine lebensbetonte Kampfansage an Herrschaft par excellence, und es verriet eine Phantasie, die ihres gleichen suchte. Für Melancholie, Nostalgie, Lethargie und, nennen wir es beim Namen, blasierte Arroganz, war da kein Raum. Und die Zeiten, in denen diese Atmosphäre herrschte, waren besser. Nicht, weil die Verhältnisse besser waren, sondern weil die Bereitschaft da war, zu verändern und zu gestalten.

Heute sitzen diejenigen, die das kulturelle Schaffen für sich reklamieren, vor ihren sie steuernden Displays, sie folgen einem restringierten Code, der von den Herrschenden zertifiziert wurde und der nur noch suggerieren kann, man sei kreativ. Mental sind wir Zeugen einer pathologischen Passivität geworden, die zu keiner wirklichen, das heißt die Verhältnisse ändernden Vision passt. Die grümpfte Nase ist vielleicht der signifikanteste Gestus, den diese Spezies der Misanthropie noch hervorbringt. Misanthropie deshalb, weil sie ein ungeheures Wissen darüber akkumuliert hat, was Menschen alles falsch, aber nichts darüber verlauten lassen, was sie richtig machen können und müssen, wenn sie die Verhältnisse ändern wollen. Die vielen Fehler lassen nur den Rat zu, alles so zu lassen, wie es ist, oder alles noch schlimmer machen zu sollen, als es sein könnte. Die weit verbreitete Aura unserer Tage, die sich als ein Vorabend erweisen werden, ist die kränkelnde Blässe der Misanthropie.

Was an diesem Vorabend, der Ausdruck einer bevorstehenden neuen Zeit ist, fehlt, was aber kommen muss und kommen wird, dass ist die Ansage mit offenem Visier, das Frühstück mit blutigem Fleisch und Benzin, die Schusswunde im Morgengrauen und die Bereitschaft, das zu sagen, was ist. 

Die kränkelnde Blässe der Misanthropie

Ostenmauer – 44. Queremos fumar un Puro?

Antonio Quirino Toledo Fuentes, der Mann, der bereits mit 14 Jahren als Busfahrer die Linie Conception – Santiago fuhr, danach eine höhere Schule für Technik besuchte, in der er Klassensprecher war und als solcher begrenzte politische Ziele formulierte, um die Bedingungen zu verbessern, Antonio Quirino Toledo Fuentes wurde wie viele andere vom Putsch des Generals Pinochet kalt erwischt. Aufgrund seiner Funktion als Klassensprecher wurde er festgenommen und gefoltert, bevor die Schergen des Generals den kleinen Fisch wieder frei ließen. Der war dann richtig politisch und organisierte sich im Untergrund. Und er wurde gefasst und gefoltert, so wie das damals eben war, wie er immer erzählte. Aufgrund einer internationalen politischen Initiative gehörte er zu einer Gruppe, die frei kam, aber als Auflage das Heimatland Chile verlassen musste. Antonio Quirino Toledo Fuentes folgte seinem Bruder, der bereits das Land verlassen hatte, nach Buenos Aires. Kurze Zeit, nachdem er sich eingelebt hatte, kam in Argentinien ein gewisser General Videla zur Macht, der den Flüchtlingen bedeutete, entweder sie verließen unverzüglich das Land, oder sie würden direkt zurück an die chilenische Grenze gebracht. So kam Antonio Quirino Toledo Fuentes in ein Arbeiterwohnregal in Ludwigshafen am Rhein.

Als ich Quirino, wie er kurz genannt werden wollte, kennenlernte, war das in der Rolle eines Lehrers für Deutsch als Fremdsprache. Schnell kamen wir über den Unterricht hinaus in Kontakt und Quirino unterbreitete mir den Vorschlag, ich solle doch ihm und seiner spanischen Freundin Deutsch beibringen, als Gegenleistung brächten sie mir das Spanische näher. Es folgte mehr. Über mehrere Jahre trafen wir uns einmal in der Woche, kochten, aßen, tranken und redeten. Über Gott und die Welt, aber meistens über Politik. Dann präsentierte Quirino immer die Frage: Queremos fumar un puro? Es war das Zeichen für eine Zigarre. Obwohl ich bereits ab und zu zu diesem Medium der Inspiration gegriffen hatte, lehrte mich Quirino, was es bedeutete.

Es wurde ein Ritual, auch zuweilen ohne unsere Frauen, wir trafen uns in einer Bar oder auf einer Parkbank, Quirino hatte wieder einmal Cargo aus Mittelamerika bekommen und wir rauchten kubanische Puros. Dabei erzählte mir Quirino die ganzen Legenden um das Rauchen, er zitierte Poeten der ganzen Welt, die der Zigarre gehuldigt hatten, malte aus, wie im Vuelta Abajo, jenem einmaligen Tal auf Kuba jene Qualität entstand, für die Verehrer rund um den Globus nahezu jeden Preis zu zahlen bereit waren. Seit diesen Tagen war ich dem Medium verfallen, allerdings mit dem Bonus versehen, nur dann Verlangen danach zu verspüren, wenn ich von meiner inneren Ruhe her dazu bereit bin, was nicht allzu häufig der Fall ist.

Antonio Quirino Toledo Fuentes heiratete seine damalige Freundin, Marie Luz Lorrente Villaroya, und die beiden zogen nach Spanien, in die Nähe von Valencia. Dort besuchten wir sie noch einmal, es war eine wunderbare Zeit, und Quirino erzählte mir bei einer Zigarre, er wolle einen Schusterladen aufmachen. Marie Luz, die Lehrerin, fand das nicht gut, aber Quirino war durch seine Lebensgeschichte auf die Grundlinien der Existenz zurück gekommen. 

Nach diesem Besuch hatten wir noch einmal telefonischen Kontakt, dann gingen wir für einige Jahre nach Asien, in Chile verlor Pinochet die Macht und wir wissen nicht, ob Quirino Antonio Toledo nicht doch zurück ist in seine Heimat. Heute rauche ich Zigarre mit Willy. Der war auf heimlichen Versammlungen der Tabakbauern in der dominikanischen Republik zugegen und weiß, wovon er spricht. Wir rauchen die Zigarren zumeist allein, weil es ungestört von Fragen nach Preis, Genuss und Technik einfach am entspanntesten ist. Manchmal, bei einer Corona Doble, die soviel Zeit in Anspruch nimmt wie ein Fußballspiel inklusive Pause, reden wir gar nicht, oder nur über Dinge wie den Brand, die Festigkeit oder die Vorzüge des Labels („Eine Bolivar betrügt dich nie“). Oder über Jazz, denn wir beide spielen das gleiche Instrument, das verbindet. 

Antonio Quirino Toledo Fuentes ist übrigens immer dabei, denn aus der geheimen Gesellschaft kann niemand austreten, wohin das Schicksal ihn auch immer treibt. Der Geist einer guten Puro, das ist ein starkes Band.

Quremos fumar un puro?