Archiv des Autors: Gerhard Mersmann

Krieg ist gut, Moral ist schlecht!

Nun hat sich ein Unding mit Hilfe zwielichtiger Gestalten ins Kanzleramt geschlichen und spielt dort das Spiel demokratischer Normalität. Was man dem staunenden Publikum konzedieren muss, ist ein nicht zu brechender Glaube an die Legitimität dessen, was es als demokratische Verfahren und seine Institutionen gelernt hat. Insofern muss man dem Plebs, wie er in den Köpfen der Demonteure genannt wird, eine überdimensionierte Portion guten Glaubens auf die Habenseite schreiben. Mehr aber auch nicht. 

Die eigene Lebenserfahrung nämlich hätte mehr zu sagen. Denn wer akzeptierte schon, bei sich zu Hause, in der Firma oder im Verein einen Vorstand, der mit einer gewissen Agenda ins Rennen ging und nach der Inthronisierung genau das Gegenteil von dem machte, womit er warb? Und wer erklärte sein d´ accord zu einem, der sich überhaupt nicht für die internen Belange interessierte und nur mit einem Megaphon über Land führe und in enervierender Lautstärke die eigene Bedeutung anpriese? Und wem würde nicht schlecht, wenn er sähe, wie unterwürfig und speichelleckerisch dieser Gernegroß sich verhielte, sobald er bei seinen Touren auf jemanden träfe, der mit mehr Gewicht und Gewalt zu brillieren wüßte?

Ja, die Enttäuschung bei vielen ist groß. Selbst bei denen, die das eigene Lager des Unding ausmachen. Sie reiben sich die Augen und sind noch benommen, von den Zurechtweisungen, die sie bereits seit der internen Inthronisierung erfahren mussten, wenn sie sich anmaßten, so etwas wie eine eigene Meinung zu artikulieren. Und dass das Gleiche bei der Partnerorganisation, mit der das Unding nun gemeinsam das Land massakriert, ebenso geschieht, passt in das Verständnis von Führung dieser Spezies von Dekonstrukteuren zumindest einer formalen Demokratie. Auch im anderen Lager reiben sich die niederen Kohorten die Augen und verstehen die Welt nicht mehr. Krieg ist gut, Moral ist schlecht und Verbrechen sind notwendige Operationen. Die Programmatik dieser Agentur lässt die Umwertung aller Werte in einem eigenartigen Licht erscheinen. 

Was die Köpfe in den Entscheidungsetagen eint, ist die vermeintliche Vorbereitung auf einen Krieg, der das Potenzial hat, in vielen Bereichen dieses Planeten endgültig das Licht ganz auszulöschen. Diejenigen, die das Gemetzel an Mensch, Zivilisation und Natur zum Geschäftsmodell haben, unterhalten solche Charaktere wie das Unding, um ihre chronisch kranke Gier weiter zu stillen, obwohl es gar nicht geht. Die Sucht ist ein Modell, das mit sozialen Systemen als Leitmotiv nicht vereinbar ist. Aber, wen dieser Akteure würde das schon stören? 

Das Blättern in den Annalen bereits erlebter Katastrophen hilft zuweilen, um sich ein Bild von dem zu machen, was mit euphemistischer Verve versucht wird als alternativlos  an den Mann und an die Frau zu bringen. Da war in einem Journal, das kurz nach dem letzten großen Krieg erschien, zu lesen:

„„Mit welchen Waffen, was meinen Sie, wird man nach einem Atomkrieg dann künftige Kriege führen?“ fragte ein Journalist einen hohen amerikanischen Offizier, der an den Atombombenversuchen auf Bikini teilgenommen hatte.

„Wahrscheinlich mit Pfeil und Bogen“, antwortete der Befragte lakonisch.““

Um lakonisch zu bleiben: In der Erkenntnis, wohin eine bestimmte Politik und der Einsatz von Waffen führen kann, waren vorhergehende Generationen bereits wesentlich weiter. 

Krieg ist gut, Moral ist schlecht!

Ostenmauer – 45. Herbie, the Big Boss of the Black Market

Zu Ende des Krieges nahmen sie die Stadt. Die Bevölkerung empfing sie als Befreier. Schon oben aus der Luft hatten sie sich entschieden, nach Heidelberg sollten die Headquarters, das blieb verschont, Mannheim mit seinen Industrieanlagen musste daran glauben. Trotzdem waren die meisten froh, als ihre Panzer durch die Straßen rollten. Mit vierzigtausend Mann schlugen sie ihre Quartiere auf. Und sie blieben Jahrzehnte. Mit ihnen kamen nicht nur Konsumgüter und Aufbauhilfen, sondern auch der Blues und der Jazz. Eine Stadt, die schon immer Identitäten in der Musik gefunden hatte, konnte da nicht ruhig bleiben. Clubs entstanden und es wurde heiß in den Quadraten. Da die unteren Dienstgrade mehrheitlich mit Schwarzen belegt waren, kamen die Rhythmen aus Louisiana, Alabama und Tennessee schnell in die Quadrate. Rotlichtbezirke entstanden, die bald jegliche Proportionen der Stadt außer Kraft setzten. 

Die Zahlkraft der GIs war immens und es krachte aus allen Fugen. Viele junge Deutsche, die aus dem Kapitel der vergangenen Geschichte entfliehen wollten, wurden von dem Lebensgefühl angesteckt und es dauerte nicht lange, bis einige respektable lokale Musikerinnen und Musiker zusammen mit den amerikanischen Bands auf den Bühnen standen und das Publikum entflammten. Und dann kamen die Großen. Louis Armstrong gastierte in der Stadt, er brachte es sogar auf eine Suite im ersten Hotel am Platz, später folgten Miles Davis und jüngere Jazzer. 

Die Coleman Barracks waren legendär, dort, im Mannheimer Norden, residierte der Süden der USA. Steigt man heute noch in ein Taxi, in dem ein älterer Fahrer sitzt und schreit beim Einsteigen, Hey Man, bring me to the chicken house, dann lacht er und schwärmt von den alten Zeiten, die leider vorbei sind. Der Prozess ging über Jahrzehnte. Als Deutschland das vollzog, was so gerne das Wirtschaftswunder genannt wird, drehten sich die Verhältnisse. Die Deutschen hatten plötzlich das Geld in der Tasche und die GIs waren klamm bei Kasse. Vorbei die Zeiten, in denen sie mit Straßenkreuzern durch die engen Gassen geschlichen waren und faszinierte Blicke auf sich gezogen hatten. Nun fuhren sie in Kleinwagen herum und verschwanden immer mehr aus dem öffentlichen Bild. 

In diesen Jahren suchten die GIs ihre Einkommen ein bisschen aufzubessern, indem sie vor allem Bourbon und Zigaretten aus den PX-Läden unter der Zivilbevölkerung zu verhökern suchten. Dafür brauchten sie Kontaktmänner, die sie zumeist in den vielen kleinen deutschen Bands fanden. Herbie war so einer, er spielte in einer Rock ´n´ Roll Band und kannte eine Menge Leute. So konnte es passieren, dass man am Wochenende auf einer Privatfete saß und es irgendwann gegen Mitternacht an der Tür klingelte und Herbie die Wohnung betrat, eskortiert von zwei mächtigen GIs. Herbie zu verstehen war nicht so einfach, er kam aus einem kleinen Ort in der Pfalz mit einem unaussprechlichen Namen und kauderweschlte ein Englisch, das nahezu nicht dechiffrierbar war. 

Natürlich wussten wir, wenn Herbie mit diesen gewaltigen Gestalten auftauchte, was Sache war. Wir boten den Herrschaften dann Bier oder Wein an und es dauerte nicht lange, bis die Herren dann selber die Verhandlungen führten, die eigentlich keine waren. Eine halbe Gallone Jim Beam ging für 25 Mark über den Tisch, eine Stange Zigaretten kostete 15 Mark. Hatten alle ihre Wünsche geäußert, dann ging einer der beiden Adjutanten unten zum Wagen und brachte die Ware. War der Deal gelaufen, schüttelten wir uns alle die Hände und Herbie war dann an der Reihe, das Ritual zu beenden, Hey Guys, who is the big boss of the black market? Worauf hin seine Begleiter dann skandierten You, Herbie, it´s You und dabei so tief und amüsiert lachten, dass nichts blieb als gute Stimmung. Soviel ich weiß, lebt Herbie wieder in der Pfalz und die sympathischen Jungs haben hoffentlich einen netten Club in Baton Rouge oder Memphis.

Herbie, the Big Boss of the Black Market