Archiv des Autors: Gerhard Mersmann

Ostenmauer – 46. Jeder hat sein eigenes Bündel zu tragen

Jeder hat sein eigenes Bündel zu tragen. Das pflegte ein alter Bekannter zu sagen, wenn irgendwer sich über etwas beschwerte, das ihm widerfahren war und das er als ungerecht empfand. Der Bekannte stammte aus dem Rheingau und seine Eltern waren so genannte Bodenständige gewesen, d.h. ganz normale Leute, der Vater hatte ein Handwerk gelernt und die Mutter hatte ebenfalls einen Beruf, allerdings auf das Büro bezogen. Der Bekannte hatte  nach seinem Abitur eine Lehre absolviert und erst danach begonnen, zu studieren. Er war, wenn man ihn zu dieser Zeit kennenlernte, ein Intellektueller par excellence. Er hatte nicht nur Pharmazie studiert und den Status eines Apothekers, aber den benutzte er nur, um durch Vertretungen das nötige Kleingeld zu verdienen, um sich mit den Themen befassen zu können, die ihn in besonderer Weise interessierten. In diesem Moment, den ich mir gerade in Erinnerung rufe, waren es Themen der Musikästhetik.

Auch von seinem Habitus her war er ein Intellektueller und viele, die ihm begegneten, hielten ihn für einen arroganten Menschen, weil er immerzu sein Wissen aufblitzen ließ. Das machte er so, wie andere ihre Luxuslimousinen zeigen. Er überfrachtete einen Allerweltsdialog mit einem Verweis auf Adornos Negative Dialektik, so wie manche Snobs ihren Jaguar besteigen, um 100 Meter weiter beim Bäcker Brötchen zu kaufen. Beides kann ziemlich lächerlich sein, es kann einfach nur stören oder es kann verärgern.

Das Interessante an dem Bekannten war, dass er mit anderen besonders streng ins Gericht ging. Wie gesagt, der Verweis auf das Bündel, das jeder zu tragen hatte, war das eine. Er hasste insgesamt die Klage über das Dasein an sich. Dann geriet er in Rage und warf den Klagenden vor, sie sollten sich doch bitte bemühen und die Verhältnisse ändern oder sich hinsetzen und ihre unsägliche Dummheit bekämpfen. Und dann, das konnte nicht anders sein, zitierte er Kants berühmten Satz: Was ist Aufklärung? Aufklärung ist das Heraustreten des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit! Und dann lachte er ein nahezu diabolisches Lachen, das seine ganze Verachtung denjenigen gegenüber zum Ausdruck brachte, die schlechtes Leben hinnahmen oder sich ihm unterwarfen.

In jener Zeit, in der die Universität noch das Zentrum unseres Daseins war, waren die Nächte im Allgemeinen länger und die Gläser wesentlich tiefer. Und in einer dieser Nächte, als alle schon eines von jenen Küchengelagen verlassen hatten, bei denen so ganz en passant, nach einem Nudelauflauf das Sein und die Welt erklärt wurde, saß ich ihm gegenüber und dachte, jetzt hast du ihn, jetzt greife an.

Und ich bezichtigte ihn der Arroganz und fragte ihn, warum er ein so furchtbarer Mensch sein konnte, der alle anderen durch seine Bemerkungen über Wissen, Dummheit und Leidensfähigkeit so verletzten konnte. Und es tat sich etwas auf, das ich nie vermutet hätte. Er bekam Tränen in die Augen und erzählte von der Welt im Rheingau, dieser für ihn so schrecklichen Provinz und dem für ihn unerträglichen Leben, das auch seine Eltern führten. Er erzählte von den Ungerechtigkeiten, von der Tristesse, von der Falschheit und der Langeweile, er erzählte vom Missmut und vom Neid, von der Verzweiflung und der bösen Tat.

Es stellte sich heraus, dass der Satz, dass jeder sein Bündel zu tragen habe, der Satz überhaupt in seinem Konflikt mit seinem Vater war. Und er hielt diesen Satz für die größte Lüge des Lebens, aber auch für die beste Zustandsbeschreibung desselben. Bei der nächsten Flasche Wein kam das Mitleid gegenüber seinen Eltern hervor und bei der übernächsten der Hass gegenüber dem Unrecht, dass diese erlitten hatten.  Zu guter Letzt ließ er mich wissen, dass es nur noch eine Sünde, und dieses war wirklich seine Formulierung, nur noch eine Sünde im gottlosen Universum gebe, und das sei die der kampflosen Unterwerfung.

Das Bündel, das er zu tragen hatte, war mir jetzt sichtbar, und fortan war er mir durchweg sympathisch.

Jeder hat sein eigenes Bündel zu tragen

Dem Spuk ein Ende setzen

Egal, mit wem ich spreche, die meisten, auf die ich treffe, sind entsetzt von dem, was sie auf der politischen Bühne hierzulande erleben müssen. Ja, es gibt Ausnahmen. Eigenartigerweise sind es jene, denen man aufgrund ihres Bildungsgrades und ihrer Biographie eine andere, kritischere Herangehensweise unterstellen müsste. Allein dieser Umstand zeigt bereits, wo sich die Gesellschaft befindet. Auf der einen Seite eine Überzahl an Entsetzten, auf der anderen leicht mit der Zunge schnalzende gut in einer sozialen Blase aufgehobenen Exklusivkonsumenten.

Das zunächst mit Unglauben, dann mit Schock und heute nur noch mit nacktem Entsetzen Begutachtete, sind die politischen Verhältnisse, in denen wir uns befinden. Alles, was das Selbstverständnis und die politische Bildung einmal ausgezeichnet hat, ist einer grausamen Propagandaschlacht gewichen, in der durch die Monopole in Funk und Presse exklusiv diejenigen zu Wort kommen, die alles repräsentieren dürften, aber nicht die Interessen des ganzen Landes. Wenn, so sagte mir jüngst ein italienischer Nachbar, wenn das das Ergebnis einer funktionierenden Demokratie ist, dann handelt es sich um eine denkbar schlechte Staatsform. 

Und in letzterem muss man ihm mittlerweile recht geben. Alles, was wir heute erleben müssen, ist – mit wenigen Ausnahmen – formal korrekt verlaufen. Dass als Produkt dieser Verfahren Hetzer, Korrumpierte, Landesverräter, Blender und Hasardeure die höchsten Ämter bekleiden, ist womit zu erklären? Ist es das Ergebnis einer Gesellschaft, die zu lange den großen Schluck aus der Pulle genossen hat und nun benebelt auf dem Sofa liegt? Ist es das Werk von Putschisten, die Schritt für Schritt die Säulen des politischen Systems infiltriert haben? Sind es die Propagandisten aus den Pressemonopolen, die den Journalismus als Kontrolle aller Institutionen kalt guillotiniert haben? Lange lässt sich darüber rätseln. Wahrscheinlich spielt alles zusammen. Und wenn das so ist, dann hilft nicht ein Papier von Experten, was nun im täglichen Geschäft zu verändern ist. Dann muss radikal verändert werden.

Wäre es nicht so beschämend, dann sollte man sich noch einmal der Weisheit südamerikanischer Rebellen aus einer anderen Zeit besinnen, die da sagten, um an die Macht zu kommen, brauchst du die Zeitung, die Lehrer und die Polizei. Dass ausgerechnet die wirtschaftliberalistischen Frondeure sich dessen beherzigten, gleicht einer Demütigung aller, die das Wort Freiheit oder Befreiung in ihrem politischen Bewusstsein mit sich herumtragen. Sie haben nicht nur die Presse, sie haben die Schulen und Universitäten, sie haben das Militär, Teile der Polizei und die Gerichte – sie haben alles besetzt. 

Und weil sie die Arbeit vollbracht haben, ist der Zeitpunkt auch gekommen, dem ganzen Spektakel ein Ende zu bereiten. Wer will denn, dass das Land auf einen durch die eigene schäbige, unterwürfige und dilettantische Diplomatie immer wahrscheinlicher werdenden Krieg zusteuert? Wer will, dass die Militarisierung, getrieben von korruptem, lumpenproletarischem Gesindel, bezahlt wird von denen, die im Verwertungsprozess des spekulativen Finanzkapitalismus den Boden unter den Füßen verloren haben? Und wer will, dass die kollektive Verblödung, eskortiert von Denkverboten und einer reaktionären Moral, zum Standard einer Gesellschaft wird, die mental mit den Zähnen aufs kalte Pflaster geschlagen ist?

Schätzungsweise 10 Prozent der Bevölkerung. Der Rest befindet sich noch im Stadium der Irritation. Die Frage, die sich stellt, ist nicht die, ob, sondern wann das Gewitter losbricht, das dem Spuk ein Ende setzt!

Dem Spuk ein Ende setzen

Die sedierte Gesellschaft

Erst wenn sich Überdruss breit macht, strebt die ganze Geschichte auf einen Siedepunkt zu. Solange es noch gelingt, dass sich große Teile der aktiven Diskutanten wie die Schakale auf Symbole stürzen, um ihre Aggressionen an den Mann zu bringen, ist diese Phase noch nicht erreicht. Noch gelingt es, ab und zu den Menschen, die sich als engagiert betrachten, ein Stöckchen hinzuhalten, und schon setzen sie zum Sprung an. Und je ferner die angeblich so aufregende Angelegenheit von der realen Lebenswelt entfernt ist, desto intensiver wird darüber gestritten. Im fernen Amerika gibt es ungeheuer viele Dinge, über die es sich zu echauffieren lohnt, da sind die Experten im Auftrag der medialen Meinungsmaschinen bis zum Überschlagen der Stimme kritisch. Russland, das sich in der alleinigen Hand des Despoten Putin befindet, ist ganz selbstverständlich zum heldenhaften Aufbegehren geeignet wie der totalitäre Überwachungsstaat China. Und die Araber sind, in allen Variationen, mit ihrem Islam schon immer blutrünstige Säbelschwinger gewesen.

Und, wenn das Abarbeiten an anderen Ländern, sozialen Systemen oder auch exponierten Figuren so gut funktioniert, warum sollten sich die profiliertesten Platzhirsche eines bis zur Unkenntlichkeit verkommenen Diskurses da noch um die Verhältnisse im eigenen Land kümmern? Das könnte ja Folgen haben. In einem Land, in dem es nicht weniger drunter und drüber geht als in den gestern noch lupenrein demokratischen und heute schon kriminell despotischen USA, da verbrennen sich die Experten mit den Hasenherzen nicht so gerne den Mund. Da kuschen sie mit ihren geübten Akzenten und verpfuschten Punkfrisuren und pflegen eine Konversation wie an einem Mädcheninternat der sechziger Jahre des letzten Jahrhunderts. Artig sitzen sie da, legen ihre panisch schwitzende Hände auf die keusch zusammen gekniffenen Knie und sagen die Gedichte auf, die ihnen ihre Herren und Gebieter als Hausaufgabe aufgegeben haben.

Nein, mit dem, was eine jede Gesellschaft ausmacht, in der der Gleichheitsgrundsatz genauso gilt wie die Rechtssicherheit und der Wettstreit um den besseren Weg, ist ein derartiges Schauspiel, wie es die Bundesrepublik Deutschland momentan bietet, nicht zu vergleichen. Wenn man so will, trotz allem lauten Geschrei, treffen wir hier auf eine sedierte Gesellschaft.  Diejenigen, die jetzt auch gefragt wären, versinken in elitärem Konsumismus und die Underdogs sind zu sehr damit beschäftigt, legal am Leben zu bleiben. Was nicht heißt, dass das alles so bleiben muss. Was heute aussieht wie ein Friedhof, kann morgen schon ein Schlachtfeld sein.

Es existieren Zeichen, die darauf hindeuten, dass alles, was aus den Organen der Regierungsführung wie der Meinungsbildung abgesondert wird, seine Wirkung zunehmend verfehlt und der Überdruss auf Expansionskurs ist. Kaum jemand von jenen, die noch versuchten, sich mit den hingeworfenen Argumenten auseinanderzusetzen, wird noch von Wut und Zorn übermannt. Die Zorndepots sind bereits prall gefüllt und was sich zum wachsenden Überdruss gesellt, das ist das Lachen. Und letzteres ist immer ein sicheres Indiz dafür, dass die herrschenden Gedanken, die immer die Gedanken der Herrschenden sind, zielsicher auf ihr Verfallsdatum zugehen. Das Modell der sedierten Gesellschaft ist am Ende. Sie weiß es nur noch nicht. 

Die sedierte Gesellschaft