Archiv des Autors: Gerhard Mersmann

Demokratie: Hysterie und harte Fakten

Wenn ich an meine Zeiten als Wahlhelfer zurückdenke, fallen mir viele Geschichten ein. Zum einen die derjenigen, die da in meinem Viertel zur Wahl kamen. Die unterschiedlichsten Menschen mit sehr verschiedenen Lebensgeschichten. Eingebrannt haben sich mir diejenigen, die noch die Nummern aus den KZs auf dem Arm tätowiert hatten. Zumeist waren es Sinti, die mit einer Art Genugtuung und Stolz zur Urne gingen. Und da waren die mit den Trachtenanzügen, von denen man ahnen konnte, wen sie wohl wählen würden und nach welchen Zeiten sie sich zurücksehnten. Und die Freaks, die immer ein bisschen ungläubig wirkten und sich fragten, ob so eine Wahl überhaupt Sinn machte, die aber trotzdem genauso kamen wie die, für die das Wählen als die erste Bürgerpflicht galt und auch diejenigen, die sehr gut wussten, was geht und wo die Illusion beginnt.

Und selbstverständlich erinnere ich mich an die Auszählungen. Eine gewisse, geringe Anzahl von Stimmzetteln war bewusst als ungültig gestaltet, auf anderen fand sich mal das Emblem von Hammer und Sichel, mal ein Hakenkreuz und es fanden sich Bemerkungen wie „Sieg im Volkskrieg“, „Heil Hitler“, „Alle Macht den Räten“ oder auch „Freibier für alle“. Wahlzettel, die so gekennzeichnet waren, wurden als ungültig registriert und fertig. Niemand wäre auf die Idee gekommen, anlässlich derartiger Vorkommnisse die Ermittlungsbehörden einzuschalten oder sonst etwas zu tun. Es stand auch nicht in der Presse. Es gehörte zum Verständnis der Prozedur, dass es immer Menschen gibt, die entweder die Wahl für überflüssig, oder die anstehenden Kandidaten oder Parteien als nicht wählbar erachteten und die ihre gegenwärtige Ohnmacht dokumentieren wollten.

Angesichts der heutigen Hysterisierung unserer Gesellschaft kommen mir diese Zeiten vor wie die goldenen der damaligen Demokratie. Man ging mit Unwillen, so schrill er auch formuliert war, sehr souverän um. Was heute für viele Menschen als ein Fall für den internationalen Gerichtshof in Den Haag erscheint, wurde damals mit einem trockenen „ungültig“ der Statistik beigefügt.

Die alle Lebensbereiche durchdringende Hysterie ist ein starkes Indiz für die Schwäche der allgemeinen Verfasstheit. Und wenn von der allgemeinen Verfasstheit die Rede ist, dann ist selbstverständlich damit auch das politische System gemeint. Der Eindruck lässt sich nicht leugnen, dass, je lauter die Rettung der Demokratie beschworen wird, desto fragiler ihr tatsächlicher Zustand ist. Eine starke, in sich gefestigte Demokratie, geht mit anderen Vorstellungen der politischen Konstitution gelassener um. Da gibt es kein Lamento, kein Aufbauschen von tatsächlichen Petitessen und kein Schreien nach Verboten. Da ginge es, würde es sich um eine kühle Analyse der Verhältnisse handeln, um die Frage, welche entscheidenden unterschiedlichen politische Positionen bei welchem Kontigent der Wählerschaft zu Ablehnung oder Zustimmung führt. Doch wenn diese Sichtweise von einem Großteil der politischen Konkurrenz als unerheblich betrachtet wird, dann ist die Wurzel der Krise genau dort zu suchen. 

Die Volksvertreter in dem hier diskutierten Modell sind die für einen bestimmten Zeitraum legitimierten Interessenswahrer derer, die sie wählen. Wenn die Mandatsträger  dieses, in zunehmend größeren Anteilen, als eine irrelevante Betrachtungsweise ansehen, dann hat sich das politische System überlebt. Und da helfen dann auch keine hysterischen Bacchanale. Die sind dann nur noch inszeniert, um von dem eigentlichen Elend abzulenken. In der Demokratie geht es nicht um Hysterie, sondern um harte Fakten.

Demokratie: Hysterie und harte Fakten

China-Besuch: Auf Krawall gebürstet!

Dass die Motoren der kapitalistischen Entwicklung nicht mehr so richtig laufen, ist zu einer Allerweltsweisheit geworden. In Sachen Produktivität ist der Gigant China seit langem erwacht, in Bezug auf die Rechtssicherheit ist vieles ins Fließen geraten und der freie Welthandel ist längst Geschichte. Das kann man bedauern, aber man sollte es zumindest registrieren und darüber nachdenken, was zu tun ist, um in den Heimländern des Kapitalismus und der westlichen Demokratien wieder in die Nähe der Stärken zu kommen, die sie einst groß und potent gemacht haben. 

Die Produktivität hängt nicht nur mit Bildung, Infrastruktur, einer gut ausgebildeten und motivierten Workforce zusammen, sondern auch mit der Attraktivität für diejenigen, die Leistungen und Innovationen entwickeln, die sich patentieren lassen und in einem korportierten Prozess zu Standards werden können. Dass zur Verwertung von guten Ideen im Technologiebereich auch die Verfügbarkeit von bezahlbaren Ressourcen gehören, ist eine triviale Feststellung, die mehr und mehr in Vergessenheit geraten zu sein scheint.

Was den freien Welthandel betrifft,  so sind es gerade die Kernstaaten des Kapitalismus gewesen, die sich seit langem durch Zölle von Konkurrenten abzuschotten suchten. Die Begründungen für derartige Zölle, die auch die EU lange vor den Vereinigten Staaten eingeführt hatte, hatten zumeist fadenscheinigen Charakter. Entweder handelte es sich um kolonialistische Gesten oder man sprach von ungleichem Wettbewerb, der durch staatliche Begünstigungen bei der Konkurrenz zustande käme, obwohl der Grad der staatlichen Subventionierung im eigenen Wirkungsbereich gleiche Dimensionen erreichte. Dass die USA unter dem jetzigen Präsidenten Trump die Zollkeule wie ein archaischer Kämpfer schwingt, ist auf die strategische Defensive der Hegemonialmacht zurückzuführen.

Die Kriege, die momentan geführt werden und die Positionen, die sich konturieren, zeugen wiederum davon, wie sehr der kapitalistische Produktionsprozess in Bezug auf seine Ressourcenverfügbarkeit ins Holpern geraten ist. Unterbliebene Investitionen in die eigene Workforce, Zollkriege und zunehmend schwierigerer Zugang zu wichtigen Ressourcen beschreiben in einem Satz, wie es strategisch um die Ökonomien der gewichtigen EU-Staaten bestellt ist. 

Eine Strategie zu entwickeln, die Zölle vermeidet, den Zugang zu Ressourcen erleichtert und sie bezahlbar macht, die Schaffung interessanter und zugänglicher Märkte und die Investitionen in Bildung und Infrastruktur sind die primordialen Aufgaben, denen sich das leitende Personal widmen sollte. Wer daran glaubte, sieht sich bitter enttäuscht und zunehmend in einer Position ungläubiger Beobachtung.

Das leitende Personal der EU wie die Staatsführungen der protagonistischen Länder hat sich in das Zolldenken zunehmend eingefunden, es wird in Sonderschichten an Feindbildern gearbeitet, man setzt auf die Karte Krieg und investiert in Rüstung auf Kosten aller Faktoren, die kluge und motivierte Köpfe hervorbringen, man träumt vom Sieg über Konkurrenten, die über Ressourcen verfügen und schottet sich ab. Mit Intelligenz hat das nichts zu tun. Und  folglich nichts mit einer Strategie, die den Ländern, die sie vertreten, gut täte.

Heute fahren EU-Vertreter nach China. Und sie werden, da kann man sicher sein, die Frontlinien betonen und nicht danach streben, vernünftige, nach den Interessen beider Seiten ausgerichtete Vereinbarungen zu treffen. Da wird der kolonialistische Stumpfsinn anreisen und mehr Schaden anrichten, als man selbst verkraften kann. Die Chancen, die sich böten, wenn man mit China und der in einer gigantischen Investition zustande gebrachten Seidenstraße zu Vereinbarungen käme, die in beiderseitigem Interesse läge, wären groß. Doch wer permanent auf Krawall gebürstet ist, hat nicht mehr alle Sinne beisammen.  

China-Besuch: auf Krawall gebürstet!

Ostenmauer – 47. Things Ain ´t What They Used To Be

Wahrscheinlich haben viele die Erfahrung schon gemacht. Ein bestimmtes Erlebnis prägt sich nicht nur wegen des eigentlichen Geschehens ein, sondern es bekommt noch eine bestimmte, unverwechselbare Note, weil es mit Begleitumständen verbunden ist, die es eigentlich unvergesslich machen. Das hängt, wie so vieles, von den Präferenzen desjenigen ab, dem es widerfährt. Bei Menschen, die eine große Affinität zur Musik haben, wie es auch bei mir ist, werden die Umstände des Erlebens durch ein besonderes Stück Musik unvergesslich. Mir selbst ging das oft so und ich habe mir überlegt, ob es nicht reizvoll sein könnte, bestimmte Musikstücke in den Kontext der eigenen Erfahrung zu stellen.

Ich will den Versuch mit Duke Ellingtons Things Ain ´t What They Used To Be beginnen. Ich kannte das Stück damals noch nicht von ihm, sondern in einer Interpretation, die Musiker anläßlich des griechisch-britischen Blues-Musikers Alexis Körner zu dessen 50. Geburtstag gespielt hatten. Ich war von diesem Stück und seiner Botschaft sofort begeistert und hörte es gerne. 

Anlässlich der Einladung zu einer Hochzeit im portugiesischen Faro, auf der ein Brite, dessen Eltern wiederum aus Pakistan stammten und portugiesische Wurzeln hatten, eine Deutsche, nämlich meine Cousine, heiratete, fand sich folglich eine bunt gemischte Gesellschaft ein, die aus vielen Teilen der Welt stammte. Und es dauerte nicht lange und ich fand einen guten Kontakt zu einem schrill wirkenden Typen, der sich als Ire entpuppte und im damals vom Bürgerkrieg geschüttelten Belfast als Kinderpsychologe in einer Klinik arbeitete. Er erzählte mir, wie deprimierend es sei, zu sehen, wie die Kinder in dieser Stadt das meiste Leid an diesem von Gewalt geprägten Irrsinn zu ertragen hatten. Er war so weit, gestand er mir, dass er das selbst nicht mehr lange ertragen könne. 

Doch die Tiefe der ersten Gespräche verbargen noch eine andere Schwingung, die uns verband. Wir sonderten uns, zum Ärger seiner Frau und anderer Familienmitglieder, immer wieder von der Gesellschaft ab und machten die Nacht zum Tag. Und wir stellten sehr bald fest, dass uns der Jazz genauso verband wie der unbändige Lebensdrang. Da die Hochzeit ungefähr eine Woche dauerte, hatten wir genug Zeit, um uns immer wieder davon zu machen, um morgens, wenn die Sonne aufging, noch in irgend einer Spelunke im Hafen zu sitzen und gemeinsam auf dem Tisch zu trommeln. Dennis Morton, so war sein Name, hatte sich als Trompeter geoutet, blies dann die Melodie bestimmter Tunes auch ohne Instrument durch die Zähne und ich schlug dazu auf den Tisch. Zum Abschluss, wenn der Morgen schon längst sein aufdringliches Gesicht zeigte und wir uns ermahnten, dass wir es nicht übertreiben sollten, kam als Abschluss immer Things Ain ´t What They Used To Be. Es wurde unser Erkennungszeichen.

Wir hatten eine großartige Woche, und nachdem die wunderbare Feier zu Ende war, blieben wir in Kontakt. Über viele Jahre. Wir schafften es allerdings nie, uns noch einmal zu sehen. Ich erfuhr, dass Dennis mit seiner Frau irgendwann nach Edinburgh gegangen war und dort in seinem Beruf weiter gearbeitet hatte und dass er dem Jazz treu geblieben war und in einer Band spielte. Edinburgh war für einen Iren zu dieser Zeit auch kein angenehmes Pflaster und nach vielen Jahren fassten er und seine Frau den Mut, auch dort die Koffer zu packen und sie zogen ins irische Cork. Dennis schrieb mir in seinem letzten Brief, er ginge jetzt zurück nach Hause und er sei glücklich.

Doch, so ist das Schicksal, ihm war in der alten Heimat nicht mehr viel Zeit gegeben. Nach etwa einem Jahr erhielt ich die Nachricht, dass er an einem Krebsleiden verstorben war. Die Botschaft traf mich sehr, obwohl unser Treffen in Portugal mittlerweile mehr als zwanzig Jahre zurück lag. Noch einmal einige Jahre später traf ich seine Frau auf der Geburtstagsfeier des damaligen Bräutigams, dessen Schwester sie war. Wir unterhielten uns und sie berichtete mir über ihr Leben mit und ohne Dennis. Und dann sagte sie, ich solle einen Moment warten, sie hätte etwas für mich. Als sie zurückkam überreichte sie mir die alte Kamera von Dennis, mit der er damals die Bilder gemacht hatte, die als Andenken an diese wunderbare Woche bis heute dienen. Sie sagte mir, Dennis hätte das so gewolIt. Ich war sprachlos und ergriffen. Als ich das alte Lederetui öffnete, um das mittlerweile antike Instrument zu begutachten, fiel ein kleiner, vergilbter Zettel in meine Hände, auf dem in krakeliger, verzweifelter Schrift die Botschaft aus dem Jenseits stand: Things Ain ´t What They Used To Be!     

Things Ain‘ t What They Used To Be