Archiv des Autors: Gerhard Mersmann

Ostenmauer – 51. Historische Relativität

Historische Relativität! Noch so ein Begriff, der aus dem Handwerkskasten des Denkens allmählich verschwunden ist. Sein Überdenken wäre in Zeiten gravierender Veränderungen umso wichtiger. Denn alles, was entsteht, ist wert, dass es zugrunde geht. Nicht nur Mephistopheles in Goethes Faust wusste das, sondern das kritische Denken, das der klassischen Deutschen Philosophie folgte, insgesamt. Alle wussten, dass alles, was existiert, eben auch Gesellschaftsordnungen und ihre Institutionen, nur in bestimmten historischen Kontexten Bestand haben konnten und irgendwann Bedeutung wie Existenz verloren. Ein ganz normaler Vorgang also. Wenn man um die historische Relativität weiß. Kein Grund zur Panik also.

Diese Panik aber ist es, die derzeit viele Diskussionen überstrahlt. Warum? Weil viele Menschen davon ausgehen, dass mit dem Untergang von Ordnungen und Institutionen, so wie wir sie kennen, der Untergang der gesamten Gattung Mensch oder gar des Planeten einherginge. Wer sich ein Bild von der Untergangsphantasien vorheriger, längst überlebter Epochen machen will, möge das tun, große Bibliotheken sind reich gefüllt mit den Horrorszenarien der letzten Tage untergehender Ordnungen. Dass die Zerstörungspotenziale in Bezug auf Menschheit und Planeten in einem nie gekannten Ausmaß vorhanden sind, ist nicht zu bezweifeln. Wie wäre es jedoch, ihre Destruktivität in Verbindung gerade mit dem Funktionieren der bestehenden, wankenden Ordnung in Beziehung zu setzen?

Wenn das Prinzip der Kapitalverwertung und des damit korrelierenden permanenten Wachstums Ursache für die krisenhafte Entwicklung sind, dann kann der Zerfall dieser Ordnung zuversichtlich stimmen. Die Frage ist nur, ob mit dem Zerfall der politisch und gesellschaftlich relevanten Institutionen nicht gerade die alte, destruktiv wirkende Ordnung einen weiteren Versuch startet, ihre eigene, unangefochtene Herrschaft weiter auszubauen? Auch dafür existieren historische Beispiele. Notbremse für historisch überlebte Systeme bildet immer die Diktatur. Auch, wenn eine solche nur herausschiebende Wirkung hat, von den humanen und kulturellen Schäden einmal abgesehen.

Und noch einmal zurück zur historischen Relativität. Das, was momentan zu beobachten ist, dokumentiert nahezu eine klassische Situation eines solchen Falles. Die bestehende Ordnung produziert eine Krise nach der anderen und ihre eigenen politischen Institutionen sind nicht mehr in der Lage, diese Krisen so zu managen, dass die Benachteiligten und Opfer der Ordnung nicht zunehmend zu der Überzeugung kämen, dass sich grundsätzlich etwas ändern müsste. Insofern befinden wir uns in einer komfortablen Situation. Das Nadelöhr, durch das die Erkenntnis von der historischen Relativität der alten Ordnung und dem Versuch von etwas Neuem muss, ist die politische Artikulation des Willens.

Und auch in diesem Kontext stellt sich die Frage nach der historischen Relativität. Sind Mittel wie politische Zusammenschlüsse und Parteien im altbekannten Sinne noch die Instrumente, die dabei helfen, Menschen so zu vereinen, dass sie als politisch organisierter Wille in der Lage wären, Veränderungen zu gestalten? Scheitert es an der Organisationsform solcher Zusammenschlüsse oder sind die Menschen, die heute anzusprechen sind, bereits sozial nicht mehr dazu in der Lage, weil sie durch die exzessive Fortführung des systemimmanenten Individualismus nicht befähigt oder willens sind, ihren alltäglichen Willen einem höheren sozialen Ziel unterzuordnen? 

Die Hitze, die in allen mit den aufgeworfenen Debatten entsteht, führt nicht zu den Ergebnissen, die erforderlich sind, um kühlen Kopfes die notwendigen Veränderungen zu gestalten. Das Phänomen der historischen Relativität dabei im Kopf zu behalten, ist ein empfehlenswertes Mittel, um den Pulsschlag nicht allzu sehr nach oben zu treiben. Was sich überlebt hat, geht auch unter. Und was kommen muss, das kommt. Mit und ohne eigene, innere Erregung.

Historische Relativität

Das Treffen in Alaska und der strenge Pfad der Gnade

Es ist ja nicht so, als habe das immer wieder durch Kriege geschundene Europa nicht den Preis bezahlt, den Aischylos den strengen Weg der Gnade genannt hat, die am Weltensteuer sitzt. Oder, um es zeitgenössisch verständlicher auszudrücken: Wenn in der Geschichte irgendwo ein Sinn herrscht, dann offeriert sie den Menschen Momente, in denen sie das Dasein für einen Augenblick begreifen. In der Staatskunst sind Menschen mit diesem Einblick selten, wiewohl es sie immer wieder gibt. Ob sie einem gefallen oder nicht, aber Figuren wie ein Richelieu, ein Zhou Enlai, oder, um in dem auf Irrwegen zumeist zuhause befindlichen Deutschland zu bleiben, gab es auch einen Bismarck und einen Brandt, übrigens die einzigen, die, obwohl sie politisch sehr unterschiedlich sozialisiert waren und gegensätzliche Interessen vertraten, die einzigen waren, die um den Faktor Russland in einem europäischen Frieden wussten.

Der Westfälische Frieden war auch so eine Sternstunde. Als alles am Boden lag und ausgeblutet war, einigte man sich in einem innerhalb von zwei Jahren in Münster und Osnabrück ausgehandelten Frieden auf die Grundlagen der modernen internationalen Diplomatie: keine Einmischung mehr in die inneren Angelegenheiten des anderen, Vereinbarungen auf Augenhöhe und das Streben nach gegenseitigem Vorteil. Henry Kissinger, historisch kein Unschuldslamm, befand jedoch dieses Prinzip, das übrigens in der gesamten angelsächsischen Literatur als die Westfalian Order beschrieben wird, als das Leitsystem mit der größten Friedensaffinität.

Ein Blick in die täglichen Journale dokumentiert in bedrückender Weise, dass sich zumindest die rudimentäre Entität, die sich großspurig als Europa bezeichnet, sich wohl  auf dem weitest möglichen Punkt entfernt von den Frieden ermöglichenden Diplomatie befindet. Da existieren nur kriegerische Aktionen, auch wenn sie sich hinter Zöllen, Embargos und Rechtsakten verbergen. Denn, auch dieses muss man benennen, zu einer tatsächlichen kriegerischen Auseinandersetzung mit den Großmächten dieser Welt ist man gar nicht in der Lage. Und, man mache sich keine Illusionen, wird man trotz der ganzen Auf- und Hochrüstung nicht in der Lage sein.  Man nennt das Friedensdividende. Mental fehlt es an Kriegsvolk, egal, wie sehr sich auch die Agenten der Waffenindustrie anstellen.

Richelieu sagte einmal, ein Diplomat regt sich nicht auf, der macht sich Notizen. Allein diese Aussage würde bei den Vertretern, die momentan in unserem Namen das heilige Feld der internationalen Politik besudeln, nichts als großes Unverständnis hervorrufen. Das Groteske an diesen Figuren ist, dass sie reden, als ginge es auf den nächsten Kreuzzug, aber bitte ohne Risiko und persönliche Konsequenzen.

Von Mao Ze Dong stammt der Satz, dass die Macht aus den Läufen der Gewehre komme. Dieses bezieht sich nicht nur auf innere Konflikte, sondern auch auf die Spieleröffnung, wenn zwischenstaatlich die Diplomatie versagt hat und keine Rolle mehr spielt. In beidem sind Deutschland und die irrlichtende Administration der EU auf dem Weg zum Bankrott. Die Diplomatie wurde über Bord geworfen und die nötigen Waffen, die beim vermeintlichen Feind Eindruck erwecken würden, sind nicht vorhanden. 

Deshalb sitzen am kommenden Freitag in Alaska auch die am Verhandlungstisch, die über beides verfügen: Diplomatie und Gewaltpotenziale. Ob einem das gefällt oder nicht. Die Vereinigten Staaten und Russland sind die Player. So sieht es aus auf dem strengen Pfad der Gnade. Und Dilettanten haben dort nichts verloren.  

Das Treffen in Alaska und der strenge Pfad der Gnade

Außenpolitik: Von Brunnenfröschen und Ozeanen

Wenn Kriege toben, existiert kein Sommerloch. Und zwei Ereignisse werden den Verlauf der vor uns liegenden Woche prägen. Zum einen die Entscheidung der Bundesregierung, keine Waffen mehr an Israel zu liefern, die in Gaza eingesetzt werden könnten. Unterstellt man, dass es sich dabei um eine ernst zu nehmende Meldung handelt, weil dem Kaufmann Krieg nie zu trauen ist und das Tötungshandwerk immer den Weg zu seiner Nutzung findet, dann wird spannend sein, ob der gegenwärtige Kanzler vom Meinungsmagnaten Springer zum Abschuss freigegeben wird oder nicht. Was vielen eigenartigerweise immer wieder entgeht, ist das Faktum, dass vor allem in der Bildzeitung politische Karrieren gemacht und auch beendet werden. 

Wer sich noch an das Ende des Bundespräsidenten Wulf erinnert, dem fällt zunächst so ein Blödsinn ein wie von Dritten bezahlte Hotelaufenthalte, geschenkte Bobby-Cars und Einladungen zu exklusiven Dinners, aber weniger die Initialzündung, die zu seinem Sturz geführt hatte. Der frevelhafte Satz, der Islam gehöre zu Deutschland, hat dem Hause Springer, seinerseits dem Staate Israel verpflichtet und verschrieben, gereicht, um die Kampagne zu eröffnen, die den präsidialen Hasen zur Strecke brachte. Bleibt abzuwarten, wie es dem Niederwild Merz in den folgenden Wochen ergeht. Böse Beller aus der eigenen Meute haben sich bereits gemeldet.

Die andere Geschichte wird sich im fernen Alaska abspielen. Wenn dort am kommenden Freitag der amerikanische und der russische Präsident zusammentreffen, wird es um das weitere Schicksal der Ukraine gehen. Was bereits heute vielen gegen den Strich geht, ist die Realität, die diesem Treffen zugrunde liegt. Dass nämlich der Konflikt, der zu einem Jahre währenden Krieg geführt hat und unter dem vor allem die Ukraine leidet, durch ein Kräftemessen derer, die dort verhandeln werden, verursacht wurde. Russland wollte aus sicherheitspolitischen Erwägungen die strategische Tiefe gewahrt wissen und keine erneute Erweiterung der NATO vor seiner Tür und die damalige amerikanische Administration wollte Russland zeigen, wer der Koch und wer der Kellner ist. 

Die Forderungen Russlands haben sich nicht geändert, der neue amerikanische Präsident will die Beziehungen zu Russland einigermaßen normalisieren, um es aus der Allianz mit China wieder etwas herauszulösen. Das sind geostrategische Motive, bei denen die Ukraine ein kleines Steinchen ist. Mehr nicht. 

Dass das wiederum den irregeleiteten Medialstrategen in Deutschland und dem EU-Kordon gar nicht gefällt, ist seit langem bekannt. Dass besagtes Ensemble strategisch so lange in den Ofen schaut, als man der Illusion anhängt, als Schwanzfortsatz der USA die Neuaufteilung der Welt mit einer anderen Ordnung formidabel überleben zu können, weiß man übrigens in Washington wie in Moskau. Doch wer wie Provinz denkt, bleibt Provinz. So einfach ist das. Für manche der Handelnden ist das allerdings eine Weisheit, die mit Hochverrat gleichgesetzt wird.

Folglich werden wir besonders hinsichtlich des bedeutenden Treffens in Alaska hierzulande wieder Zeugen sein, welcher semantische Unrat vor allem die deutsche Debatte um einen passablen Weg im internationalen Gefüge dominiert. Da werden wieder Hobby-Experten von schlecht gespielten Journalisten interviewt werden und ihren Unsinn zum besten geben. 

Und wieder, ob im Falle Gazas oder der Ukraine, wird einem nichts übrig bleiben als resigniert das kluge Wort aus Asien zu zitieren: Mit einem Brunnenfrosch kann man nicht über den Ozean reden.