Archiv des Autors: Gerhard Mersmann

Do it again, Sam?

Wenn sich die Zeiten und die Verhältnisse ändern, ruft die menschliche Psyche oft nach Trost aus der Vergangenheit. Das ist verständlich, helfen tut es nicht. Der Wunsch nach dem Vergangenen wird umso stärker, je mehr die Gegenwart überfordert. Das trifft nicht nur auf das private, individuelle Schicksal zu, sondern auch auf die Prozesse, in denen sich große Kollektive befinden. Die Geschichte ist voll von solchen Episoden, die nichts anderes produziert haben als handfeste Tragödien. Immer, wenn sich das Chaos von existenziellen Krisen ausbreitete, griffen betroffene Kollektive auf die Erlebnisse zurück, die illustrierten, wie erfolgreich sie auch sein konnten. Karl Marx beschrieb diesen Umstand in seinem 18. Brumaire des Louis Bonaparte mit den Worten: In der Geschichte passiert alles zweimal: einmal als Tragödie, und einmal als Farce. Die Worte sollten in der Bewertung historischer Ereignisse Geschichte machen.

Das, was sich gegenwärtig in Afghanistan abspielt und die Gemüter in Aufruhr bringt, bringt vieles mit sich, um es unter dem Aspekt der Trauma-Bewältigung mit dem Rückgriff auf bessere Zeiten zu betrachten. Es is handelt sich dabei, aus Sicht der USA, um einen doppelten Trugschluss. Denn die erfolgreichen Geschichten militärischer Intervention greifen weit, sehr weit in der Geschichte zurück. Und sie wurden nicht durch das getragen, was das Debakel in Vietnam und nun das in Afghanistan in einem besseren Licht erscheinen lassen könnten. Die glorreichen Zeiten der USA, in denen sie die Position erreichen konnten, die sie für lange Zeit zu einer die Welt beherrschenden Supermacht gemacht hatten, waren die Interventionen in den beiden Weltkriegen des 20. Jahrhunderts. Dort hatten sie einerseits die Zeit auf ihrer Seite und andererseits Alliierte, die schnell danach zu ihren Rivalen wurden. 

Das, was danach zu großen Debakeln führte, waren einseitige Interventionen, die von der Hybris getragen wurden, durch kriegerisch inszenierten Regime-Change die Welt zu einer besseren machen zu wollen. Dabei setzten sie Mittel ein, die nichts mit ihrer eigenen Staatsdoktrin zu tun hatten, die ein Gegenentwurf zu Kolonialismus und Imperialismus war, obwohl diese selbst von der Entstehungsgeschichte selbst bereits durch doppelte Standards kontaminiert wurde. Sie proklamierten Freiheit und Menschenrechte und pflegten gleichzeitig noch die Sklaverei. Somit trugen sie immer den Keim einer Begrenzung der eigenen Überzeugungskraft in sich. 

Die endgültige Etablierung als Welt-Hegemon war die Stunde, in der sich die Überzeugungskraft einer befreienden Macht wandelte in ihr Gegenteil. Eine nicht enden wollende Blutspur durchzieht ihr Wirken im 20. und im 21. Jahrhundert. Allein die unter dem Slogan des Regime-Change geführten Kriege in den letzten Jahrzehnten hat nach vorsichtigen Schätzungen nicht nur zu unzähligen Toten geführt, sondern 38 Millionen Menschen zu Flüchtlingen gemacht. Die Bilanz ist jedermann zugänglich und sollte dazu führen, sowohl innerhalb der USA als auch außerhalb über die Ursachen nachzudenken. Dieser Weg, so sehr er auch von dem Vokabular der amerikanischen Konstitution geprägt ist, führt zu nichts Gutem. Es ist Zeit, daraus die richtigen Schlussfolgerungen zu ziehen.

Joe Bidens Reaktion auf den Anschlag am Kabuler Flughafen war geprägt von der Vergeltungsterminologie, die auch George W. Bush benutzt hatte. Das waren, im Vergleich zu den sonstigen Freiheitshymnen, ehrliche wie verhängnisvolle Worte. Und sie zeigten, dass Lernprozesse von dieser Administration nicht zu erwarten sind. Onkel Sam ist senil geworden, gefährlich ist er geblieben.    

Die Beleidigung der Wahrheit

Das Portfolio ist klar umrissen. Die USA, auch unter Joe Biden, sind von ihrer außenpolitischen Doktrin nicht abgewichen. Regime-Change oder Subversion gegen die Konkurrenten. Das zeigt nun auch wieder der Fall Afghanistan. Weg mit den schnöden Worten einer Wertevermittlung! Es geht um Macht und Einfluss. Dass von diesem Standpunkt auch Fehleinschätzungen ausgehen, zum Beispiel dass man in der Lage wäre, ein Land mit Gewalt zu befrieden, zeigen bereits viele Beispiele. Letztere, nehmen wir einmal Libyen, haben ein ebensolches Desaster hervorgerufen wie nun in Afghanistan. Warum das Narrativ vom Demokratie-Export immer noch überall präsent ist, beantwortet nicht der kühle Verstand, sondern eine Presse, die mehrheitlich unreflektiert alles wiederkäut, was von Regierungsseite verlautbart wird. Wenn Afghanistan etwas deutlich zeigt, dann ist es die existenzielle Bedeutung von kritischen Gegenstimmen.

Nun, da sich die Truppen zurückziehen, konzentriert sich die Berichterstattung nahezu exklusiv auf die dramatischen Szenen am Kabuler Flughafen. Nicht umsonst können alle, die sich an dem War Against Terror beteiligt haben, ohne große Widerrede erzählen, der Einsatz sei richtig und vernünftig gewesen. Und vieles, was mit der Invasion in Afghanistan und der Jagd nach al-Kaida zusammenhängt, bleibt wie immer im Dunkeln. Letztendlich wurde Osama Bin Laden nicht in Afghanistan, sondern im mit den USA auf gutem Fuß stehenden Pakistan zur Strecke gebracht. Ob das ohne Wissen des pakistanischen Geheimdienstes geschehen konnte, mag glauben wer will. Im Grunde hat die Liquidierung Osama Bin Ladens bereits die Begründung für die Invasion Afghanistans zunichte gemacht. 

Der ehemalige Bundespräsident Köhler, seinerseits ein Mann der Finanzwelt, hatte in einem unbedachten Augenblick einmal von sich gegeben, in Afghanistan gebe es nicht nur den Terror, sondern auch Seltene Erden. Wenige Tage später war er nicht mehr im Amt. Da hatte jemand ein wichtiges Motiv, dass dem Narrativ vom Demokratie-Export widersprach, einem zu großen Publikum geflüstert, und schon war er sein Amt los. Der heutige Bundespräsident, seinerseits Chef im Kanzleramt, als sich die damalige Bundesregierung entschied, mit in den Krieg am Hindukusch zu ziehen und dort die deutsche Sicherheit zu gewährleisten und die Demokratie zu verteidigen, formulierte an anderer Stelle, als er seinerseits bereits Bundespräsident war, den sprachlich fürchterlichen Satz, wir müssten uns alle ehrlich machen.

Was er oder sein Redenschreiber damit meinte, war ein Appell an die Redlichkeit. Ein solches Momentum sollte, gerade in diesem Augenblick, nicht verhallen. Es ist deutlich geworden, wie gleichberechtigt die Kooperation mit den USA tatsächlich ist, wie wenig deutsche und europäische Interessen dort ernst genommen werden, wie absurd es ist, durch Kriege die Demokratie nach westlichem Vorbild zu exportieren und wieviel noch übrig bleibt, wenn die Fassade einmal gefallen ist. Von dem humanistisch getränkten Narrativ gilt nichts mehr. Nicht das Wort, nicht die Redlichkeit, nicht die gute Absicht. Das, was der vermeintlich unverzichtbare Partner dort vorexerziert, ist die Perversion der eigenen Ideologie. Außer geostrategische Lüsternheit bleibt da nicht mehr viel.

Wie wäre es, um bei der Redlichkeit zu bleiben, sich zu überlegen, wie eine Sicherheitspolitik aussehen müsste, die die eigene Verteidigung zum Zentrum hat und nicht kriegerische Interventionen auf allen Kontinenten. Wie wäre es, sich auf die Grundlagen einer Diplomatie zu besinnen, die sich auf das Austarieren gegenseitiger Interessen konzentriert und danach sucht, über politische und kulturelle Grenzen hinweg Formen der Kooperation zu finden? Der ständig wiederholte Sermon der lernresistenten Hardliner, die nichts im Kopf haben als Feindbilder, ist eine Beleidigung der Wahrheit.