Archiv des Autors: Gerhard Mersmann

Wie eine Familiensaga?

Erst verkalkulierst du dich in deinem Größenwahn und dann bist du tödlich beleidigt, wenn dein vermeintliches Opfer die Zähne zeigt und dich eines Besseren belehrt. Dann erweisen sich deine Verbündeten als frivole Gesellen, die mehr ihren eigenen als den gemeinsamen Vorteil im Sinn haben. Und es kommt hinzu, dass dein großer Bruder plötzlich alles Mögliche veranstaltet, nur nicht das, was du von ihm gewohnt bist. Wenn dir soviel Schlimmes widerfährt, dann solltest du keinen schlechten Branntwein trinken, sondern dich besinnen.

Stattdessen fällt dir nichts anderes ein, als die alten Gewissheiten, die längst keine Geltung mehr zu besitzen, zu beschwören. Immer wieder, bis auch deine eigene Familie mit fug und recht beginnt an deiner Redlichkeit oder deinem Verstand zu zweifeln. Zunächst glaubt dein näheres Umfeld tatsächlich, du littest an einer Unpässlichkeit. Doch je länger deine Halsstarrigkeit in einem veränderten Umfeld anhält, desto mehr wird dir eine schwere Krankheit attestiert. Dass du es mit den anderen hältst, die dich nach Strich und Faden an der Nase herumführen, will immer noch niemand glauben. Denn solch ein Frevel ist in der ganzen Familiengeschichte noch nicht vorgekommen. Aber so langsam zweifeln alle. Denn die eigenen Oberhäupter aus Krankheitsgründen unter Kuratel zu stellen, davor schrecken immer noch alle zurück.

Über dem Haus lastet wahrlich ein Fluch. Das Unternehmen hat sich grandios verzockt.  Der Ruin winkt und man muss um alles fürchten, was den alten Wohlstand ausgemacht hat. Der handwerklichen Mühe und Perfektion will sich niemand mehr widmen. Die getätigten Anlagen erwiesen sich als falsch. Und die Nachkommen sehen in der Tradition keine Perspektive mehr und sinnen aufs Auswandern. Und damit nicht genug. Der Familienfrieden ist dahin, die Nachbarn werden zunehmend gehässiger, es wird immer widerlicher um Kleinigkeiten gestritten, jeder denkt nur nicht an sich selbst und handelt nach der Devise „Nach mir die Sintflut!. Das einzige, was den Familienrat noch inspiriert, ist die Frage nach den Schuldigen. Alles andere tritt in den Hintergrund.

In einer solchen Situation noch an Selbstheilungskräfte zu glauben, fällt zunehmend schwer. Der Vater liegt krank im Bett, die Mutter ist überlastet und wird zunehmend hysterisch, die Kinder sind aus dem Haus geflohen, die Untermieter warten auf eine günstige Stunde ohne Aufsicht, der eine Onkel lässt sich längst von einem Übernahmeinteressenten bezahlen und verrät wichtige Interna, der andere sitzt mit Omas Schmuck bereits am Spieltisch im Casino und die Tante treibt es mit Offizieren aus Übersee.

Ja, so werden Familiensagas geschrieben, die sich irgendwann für großes Kino eignen, im Moment ihres Geschehens jedoch als Tragödien erlebt werden. Und sollte ein solches Szenario irgendwen an aktuelle Ereignisse, auch in größerem Rahmen, erinnern, dann ist das sicherlich nicht rein zufällig. Aber keinesfalls boshaft geplant!  

Wie eine Familiensaga?

Ostenmauer – 71. November Blues

Volle Tüten mit unnützem Zeug, Nachrichten, die nicht stimmig sind, Etikette, die nur zu Gurken passen, verbitterte Mienen ohne Grund, Empörung über Selbstverständliches, Erkalten bei Tragödien, Gelächter bei anderer Leute Not, Besserwissen ohne Kenntnis, Lobpreisung von Profanem, Echauffieren in der Sado-Maso-Tracht, gieriges Lecken an der Oberfläche, angeekeltes Abwenden vom wahren Kern, Feinde überall, den Blick immer im Tunnel, das eigene Dasein als Prototyp, ergiebig Baden im falschen Schein, kein Sinn ohne Nutzen, kein Erfolg, kein Schlüssel, viel Mammon und wenig Sein, nackt vorm Spiegel, der zerbrochen ist, der Regen ist die Signatur, wenn alles so bleibt, sollte diese Jahreszeit für immer sein. 

November Blues

Die Felle schwimmen weg

Wo sind sie jetzt? Die tollkühnen Verteidiger des Völkerrechts? Die, die immer davon reden, man dürfe keine Handbreit zurückweichen vor den Frevlern und Aggressoren, die das internationale Recht missachteten? Die immer so kryptisch von einer regelbasierten Ordnung reden? Was meinen sie damit? Jetzt, wo der einstmals große Weltpolizist einmal wieder seine schönen Waffen zeigt, mit denen er alles bezwingen kann? Der, auf Verdacht und Mutmaßung, Schiffe versenkt und hinterher behauptet, an Bord seien exklusiv nur Drogendealer? Der den größten Flugzeugträger, den er hat, vor den Küsten eines souveränen Landes patrouillieren lässt, und darauf hinweist, dass er nicht zögern wird, die Hölle über Venezuela hereinbrechen zu lassen? Dem Land, das außerhalb des Nahen und Mittleren Ostens über die größten Ölvorkommen verfügt?

Wo sind sie? Die Herren Außenminister und Bundeskanzler, die vielen Grünen Magnifizenzen, die mit nackter Brust Freiheit und Recht zu verteidigen bekräftigen? Und die ganzen Schergen in Funk und Fernsehen, die sich nicht zu verkommen sind, im einen Fall moralinsaure Tränen zu vergießen und im anderen auf irgendwelche Rechte verweisen, die Zerstörung und Mord an der Zivilbevölkerung rechtfertigen, damit die Linsen, der Zaster, die Mücken und zur Not auch Rubel herüberwachsen von den Strippenziehern, die sich in der Anonymität verschanzen? 

Noch ist, bis auf den offenen, kaltblütigen Mord auf See, nicht viel passiert. Und sollte es dazu kommen, kann es sogar sein, dass ein Flächenbrand entsteht. Denn Südamerika ist nicht mehr der mit Folterfleisch zugehängte Hinterhof der us-amerikanischen Selbstherrlichkeit. Und, neben der lateinamerikanischen Solidarität könnten auch andere Verbündete mit auf den Plan gerufen werden, die sich bis heute dezent zurückhalten. Diese Kontexte, auch das sollte bedacht werden, bleiben den hiesigen bellizistischen Schreihälsen bereits verborgen. Die bemerken ja nicht einmal, wie sie hier, vor der eigenen Haustür, in einen heißen Krieg durch die kleinen Kettenhunde im Osten des eigenen Syndikats getrieben werden. Wer einmal durch die eigene Angst paralysiert ist, wird nie mehr zu einem Kämpfer für das eigene Recht.

Nein, es herrscht Friedhofsruhe, wenn das alte Imperium, so sehr man auch von ihm enttäuscht ist, wieder einmal zum Halali bläst. Die Frage bleibt offen, ob der Sinn für die Realität im Weißen Haus von weißen Koksnasen bereits vom Feld gewiesen wurde, oder ob es wieder einmal nichts als Rasseln ist. Man wir sehen.

Was bereits, wieder einmal, deutlich geworden ist, ist das beredte Schweigen der hiesigen, kriegsgeilen Mischpoke in Bezug auf das Treiben des großen Verbündeten. Auch das wiederholt. Da ist nichts mehr zu erwarten. Internationales Recht? Geschenkt! Die eigenen Werte? Verlogene Phrasen! Solidarität mit den Schwachen? Ein Märchen aus Tausend und einer Nacht!

Das einzige, was sich durch zahlreiche, in kurzer Zeit aufeinander gefolgte Beispiele belegen lässt, ist die Einigkeit darüber, dass das, was sich einmal der Westen nannte, nichts anderes mehr verteidigt als das Recht auf Imperialismus. Eben das zu tun, was er für richtig hält, ohne Rücksicht auf Verluste. Und auch wenn das die durch Dekadenz und Kraftlosigkeit dahinsiechende Gesellschaft nicht einmal mehr wahrnimmt, sondern  die Parolen der Kreuzritter des Banditentums mit heult – der Rest der Welt, der weitaus größer ist als das eigene Vorstellungsvermögen, sieht es genau! Charakter und Zweck. Man mache sich nichts vor. Die Felle schwimmen weg! 

Die Felle schwimmen weg!