Archiv des Autors: Gerhard Mersmann

Fundstück: Gentrifizierung in der Metzgerei

07.07.2016

In der Skizzierung eines um sich greifenden Musters beschreibt Christoph Twickel unter dem Titel Gentrifidingsbums genau das: Woran ist zu bemerken, dass ein städtisches Quartier von diesem Prozess ergriffen worden ist? Von einem Prozess, der mit einem Fremdwort belegt ist, mit dem sich viele Menschen schwer tun? Und wie soll erklärt werden, was Gentrifizierung tatsächlich ist, wenn es sich doch um einen schleichenden Prozess handelt? Twickel selbst macht das am Beispiel Hamburgs sehr gut und anschaulich. Er weist darauf hin, dass zuerst der türkische Gemüsehändler durch ein veganes Café ersetzt wird, dass am Platz der letzten Bar im Viertel nun eine Kinderkrippe entsteht. Und, das wohl treffendste Bild dieser Beobachtung, nachts leuchten aus den antiken Cafés die Apple Logos der aufgeklappten Rechner, hinter denen ätherisch anmutende Gestalten sitzen. Vieles davon ist stereotyp, und wer noch schnell in demnächst lukrativen Wohnraum investieren will, der sollte jetzt schnell aktiv werden. Und wer dann lange genug wartet, der kann, wenn er Glück hat, irgendwann durch ein wunderschönes Viertel flanieren, in dem es wenige Menschen gibt, vor dessen Häusern exklusive Kinderfahrräder der Firma Manufaktum stehen und in dem die Langeweile die Herrschaft übernommen hat.

Wer sich allerdings mit dieser Stereotypie zufrieden gibt, kann sich auch gewaltig irren. Denn die Gentrifizierung kann schon ihre Spezifika aufweisen und in ganz anderen Mustern auf sich aufmerksam machen. Mitunter trifft in diesem Prozess nämlich nicht ein Ghetto auf das andere, sondern das neue Ghetto schleicht sich in das alte und versucht es durch seine Lebensweise zu majorisieren. 

Wie das aussehen kann, erlebe ich immer samstags, wenn ich meiner obligatorischen Einkaufsroutine folge und dabei auch beim Metzger lande. Ja, sie haben richtig gehört, beim Metzger! Wenige hundert Meter von dieser Metzgerei, die in der Hauptstraß des Viertels liegt, hat vor kurzer Zeit einer der jungen Stararchitekten, die in Design und ökologischer Bauweise hervorstechen, einen größeren Komplex mit chiquen Apartments und Ateliers gebaut. Obwohl der Kaufpreis pro Quadratmeter mehr als das Doppelte des üblichen Verkehrswertes betrug, waren die Objekte schnell verkauft und bezogen. Seitdem tauchen auch beim Metzger nicht mehr exklusiv nur Handwerker, Rentnerinnen, Studentinnen und Studenten sowie der eine oder andere Arbeiter oder Bildungsbürger auf, sondern auch neuartige Sozialtypen und Charaktere.

Da ist dann schon mal ein massiger Mann mit Schlägermütze und Hornbrille, der mit einem breiten Wiener Akzent und einer Lautstärke, als würde er auf einer Theaterbühne extemporieren, kiloweise Rinderfilet ordert, oder sein Pendant, die feingliedrig und nahezu asiatisch anmutende Philologin, die mit drei Scheiben Schinken und einem Paar Frankfurter nach Hause geht, oder der seinem Pulk von ungezogenen Kindern dozierende Welterklärer, der vor lauter politischer Korrektheit eigentlich keinen Hunger haben dürfte oder die leidende bildende Künstlerin, die schon am frühen Morgen mit rotweingeölter Stimme die Vergeblichkeit ihrer Kochbemühungen beklagt und auch die auf eine Inspirationskrise zurückführt.

Eingebettet ist das Ganze in den alten Stamm des Viertels, wie erwähnt, Rentnerinnen und Rentner mit übersichtlichen Bezügen, raubeinige Handwerkern mit radikalen Ansichten, Studenten aller Couleur, Lebenskünstler der alten Kategorie und Musiker, die zu der Besonderheit des Quartiers schon immer gehörten und die vielleicht eine der Ursachen sind, warum es andere Kreative dorthin zog. 

An einem dieser Samstage nun hatte eine hoch betagte Rentnerin ihre spärlichen Wünsche geordert und mit ihrer brüchigen Stimme ein Das wärs angeschlossen. Gebeugt schritt sie zur Kasse, kramte aus ihrer Einkaufstasche das Portemonnaie heraus und wartete auf die Bedienung, als ihr schweifendes Auge auf einem technischen Gerät haltmachte. Was ist denn das? sprudelte es aus ihr heraus. Die nun sich ebenfalls dort befindliche Chefin des Hauses erklärte es ihr: Das ist für Kreditkartenzahlung. Auf das von der Rentnerin eingeworfene Was soll denn das? folgte gleich die Erklärung: Das ist für Kunden, die hier für größere Beträge einkaufen, die wünschen sich, dass sie auch in dieser Form bezahlen können.

Die Rentnerin schüttelte den Kopf und fragte nach dem Preis, den sie zu zahlen hatte. Die ihr mitgeteilten fünf Euro neunundachtzig zählte sie passgenau in das Zahlschälchen., wobei sie, mehr für sich, dabei erklärte, dass das, was sie hier kaufte, immer gleich und bar bezahlt würde. Ich brauche so etwas nicht, schloss sie, mit einem leicht verächtlichen Blick auf die ihr nicht vertraute Apparatur. Dann drehte sie sich um und ging mit einem kaum vernehmbaren, durch das Anstoßen der Zunge am Gaumen erzeugten, dreimal wiederholten Missfallenston aus dem Geschäft. Das Publikum in der gut besuchten Metzgerei sah sich zum Teil belustigt, zum Teil vielsagend an. Manche verstanden, was da gerade geschah, manche verstanden es nicht. Die, die nichts verstanden hatten, schienen den größten Spaß zu haben.

Das Monopol der „Freien Presse“

Nicht nur etwas ist faul im Staate. Während man auf der einen Seite in den Archiven nach Indizien für eine Affinität des einen oder anderen politischen Opponenten für rechtsradikale und abstruse Verwicklungen sucht, nimmt man in Kauf, dass mittlerweile deutsche Panzer mit SS-Runen gegen russische Streitkräfte ziehen. Letzteres ist bis in die deutsche Botschaft in Moskau bekannt und man weiß dort auch, dass die ukrainischen Verbände durchsetzt sind mit handfesten Nazis. Einmal abgesehen von der mit Doppelmoral noch verharmlosend zu bezeichnenden Haltung, hat dieses Treiben zu einem Stimmungsumschwung in Russland geführt. Man könnte auch sagen, die russische Bevölkerung hat wohl mehr Antifaschismus in ihrem Bewusstsein als die hiesigen geschichtslosen Protagonisten vermutet haben.

Die politischen Akteure, die sich an dem Spiel der Verleumdung auf der einen und der Kollaboration mit Faschisten auf der anderen Seite beteiligen, werden sich früher oder später dafür zu verantworten haben. Ihr Karriereende liegt in nicht allzu weiter Ferne. Dieses von allen  Spielen perverseste mit den doppelten Standards konnte nur seinen Lauf nehmen, weil die in Deutschland monopolisierte Presse nicht nur mitmachte, sondern auch noch die Karten ausgab.  Es wäre ein fataler Fehler, die politischen Täter exklusiv für die – übrigens im Balkankrieg bereits erprobte – Zusammenarbeit mit faschistischen Terrorgruppen verantwortlich zu machen. Dass dieses schäbige Vorgehen überhaupt möglich war, war und ist nur einer Presse zu verdanken, die so etwas deckt. 

Das beste Mittel, von politischen Manövern abzulenken, die sich jenseits des Vorstellbaren abspielen, ist die Lenkung der Aufmerksamkeit auf initiierte Skandale, an der sich das durch den Moralismus eingeübte  öffentliche Bewusstsein abarbeiten kann. Die woke Ideologie ist für solche Fälle das wohl wirksamste Opiat. Man muss sich nur einmal vorstellen, in welcher Relation der vermeintliche und der tatsächliche Skandal stehen. Das fremdländische Kostüm in einem Seniorenensemble steht da Waffenlieferungen an faschistische Freischärler gegenüber. Oder, um nicht nur bei dem einen Beispiel zu bleiben, da lässt jemand den Motor seines PKWs zu lange laufen und wird dafür an den Pranger gestellt, während ein Monat Krieg, den hier anscheinend niemand beenden will, 10 Jahre ökobewusstes Verhalten der Bevölkerung zunichte macht. 

Insofern kann man sagen, dass die Methode solange gut funktioniert, wie sie nicht öffentlich demontiert wurde. Die Hintermänner und Hinterfrauen, letztere vor allem bei dem Prozess der Monopolisierung einer demokratiefeindlichen Presse, treiben quasi die gesamte politische Klasse zu Handlungsweisen, die dem geostrategischen Imperialismus entsprechen und dabei en passant alles, was den nationalen und den kontinentalen Interessen entspricht, langfristig zerstört.

Es gilt nicht nur, die Methoden der zeitgenössischen Verdunkelung ins Visier zu nehmen und immer wieder anzuprangern, sondern es geht auch darum, das Monopolkonstrukt, das sich hinter dem trügerischen Begriff der Freien Presse verbirgt, der Öffentlichkeit immer wieder ins Gedächtnis zu rufen. Das ist keine neue Erkenntnis. Und es sei daran erinnert, dass die Geschichte der Veränderungen undenkbar wäre, wenn sie nicht immer wieder damit verbunden gewesen wäre, die Interessen, die sich hinter Teilen der Presse verborgen waren, öffentlich zu machen und anzuprangern. Die breite Öffentlichkeit kennt die Namen der Besitzer nicht einmal. Es wird Zeit, dass sie ins Rampenlicht rücken und zu Figuren werden, die etwas zu verantworten haben. Das wäre einmal ein Anfang!

Der saubere Joe Biden und der amerikanische Leuchtturm

Es kommt immer darauf an, was einem wichtig erscheint. So ist es logisch, dass die hiesige Berichterstattung über die Politik in den USA in großen Teilen auf den Prozess gegen Donald Trump wegen versuchter Wahlfälschung einen großen Raum einnimmt. Selbstverständlich es das berichtenswert, denn ein US-Präsident im Amt, der versucht, die Instanz demokratischer Legitimation per se mit unlauteren Mitteln zu beeinflussen – das muss Gegenstand der Vermittlung sein. Wenn allerdings zur gleichen Zeit ebenfalls in den USA bereits Untersuchungsausschüsse existieren, die sich mit den Aktivitäten des heutigen Präsidenten im Amt während seiner Zeit als Vize-Präsident befassen, dann sollte das die eine oder andere Note wert sein. Ist es aber nicht. Grund, und das ist keine Überraschung, ist die Zugehörigkeit vieler in der Bundesrepublik aktiver Journalisten zu von amerikanischen Demokraten (im Sinne der Parteizugehörigkeit) ins Leben gerufenen Think Tanks sind, die zum Ziel haben, die Weltsicht dieser Partei publik zu machen und als die einzig richtige darzustellen. Wenn man so wollte, könnte man die hiesigen Nachrichten als ein Pressebulletin der us-amerikanischen Demokraten bezeichnen.

Es ist schon sehr erstaunlich, dass das Bild des vormaligen Präsidenten Donald Trump als eine einzige Skandalgeschichte gezeichnet und sein Wahlsieg 2016 als das Machwerk russischer Bots erklärt wurde, während die politischen Aktivitäten Joe Bidens durchweg als die eines seriösen Herren erscheinen. Dabei ist die Weste dieses alten Herrn sehr befleckt. 

Gleich nach dem Wahlsieg Obamas im Jahr 2008 wurde dessen Vize-Präsident Joe Biden exklusiv mit dem Projekt Ukraine beauftragt. Dabei scharte dieser Politiker und Politiker um sich, die aufgrund ihrer Herkunft und Familiengeschichte als in der anti-russischen Tradition stehend bezeichnet werden müssen. Antony Blinkens (heutiger Außenminister) Vorfahren stammen aus Kiew/Ukraine und Victoria Nulands (Staatssekretärin) Familie kommt aus dem heutigen Moldawien. Biden selbst hat das Junktim der EU mit der NATO administriert, die Kräfte unterstützt, die den gewählten Präsidenten Janukowitsch absetzen wollten und war maßgeblich an der Aufrüstung der Ukraine nach dem politischen Umsturz beteiligt.

Dass bei solchen Aktivitäten auch Geschäfte gemacht werden können, war einer interessierten Öffentlichkeit bereits früh deutlich geworden, als der durch Drogenskandale bekannte Sohn Joe Bidens, Hunter, einen Aufsichtsratsposten in einem ukrainischen Ölkonzerns erhielt, der ihm ohne Kenntnisse des Geschäftsfeldes monatlich 50.000 US$ garantierte. Und als ein ukrainischer Staatsanwalt im Zusammenhang mit Korruptionsvorwürfen auch gegen Hunter Biden ermittelte, erschien Joe Biden auf der Bildfläche und sorgte dafür, dass der Staatsanwalt aus dem Verkehr gezogen wurde. Er war auf diese Intervention so stolz, dass er vor laufenden Kameras auch noch Witze darüber machte. Und nun ermittelt ein Ausschuss wegen dubioser Geschäfte, die Biden dort selbst gemacht haben soll.

Nichts ist schöner als ein heiles Weltbild. Dass Joe Biden dem nicht entspricht, sollten die moralinsauren Apostel des Journalismus, die die öffentliche Meinung täglich mit ihren Dummheiten kontaminieren, spätestens dann registriert haben, als dieser vor laufenden Kameras das Ende von Nord Stream II im Beisein eines deutschen Kanzlers vorhersagte. Es war nicht die einzige Situation, in der sich der gegenwärtige US-Präsident wie ein gewöhnlicher Pistolero gebärdete. 

Es wäre an der Zeit zu konstatieren, dass Joe Biden in vielerlei Hinsicht ein schillerndes Bild auf die USA wirft. Müsste man sich nicht fragen, wie es um dieses Land bestellt ist, in der zwei Greise mit zweifelhaftem Leumund um die Präsidentschaft buhlen und das ganze Spektrum der Kandidaten ein Bild liefert, das jede Hoffnung fahren lässt? Ist das der Leuchtturm, an dem man sich orientieren soll?