Archiv des Autors: Gerhard Mersmann

Vom Lernen und vom Scheitern

Wir kennen das. Wir haben einen Plan, der, sollte er realisiert werden, vieles von dem ermöglicht, was wir als sinnvoll erachten. Doch dann stellt sich heraus, dass wir einiges falsch eingeschätzt haben und viele der Maßnahmen, die wir ergriffen haben, uns nicht dem Ziel näher bringen, sondern scheitern. In solchen Situationen drängt sich die Konsequenz auf, sich neu zu besinnen. Es besteht die Möglichkeit, die eigene Taktik, das heißt, den Weg der Umsetzung, den man eingeschlagen hat, zu überdenken und sich neue Mittel zu überlegen, die eine höhere Wahrscheinlichkeit der Zielerreichung beinhalten. Oder, was gravierender wäre, wenn sich die Einschätzung aufdrängt, dass bei der strategischen Ausrichtung, bei der Formulierung des Zieles, das Wunschdenken größer war als es die eigenen Fähigkeiten in Bezug auf Können und Ressourcen hergeben, es notwendig wäre, sich anders oder neu zu orientieren. Dann ist eine umfassende Revision erforderlich. 

Es existiert allerdings noch eine dritte Möglichkeit, wenn, aus welchen Gründen auch immer, man sich der Möglichkeit einer Justierung sowohl bei der Strategie als auch bei der Taktik verweigert. Es ist die Beharrung. Egal, was passiert, unabhängig davon, wie groß die Verluste und Rückschläge sind, man macht einfach weiter wie gehabt, weil man der Auffassung ist, dass es keine anderen Optionen gibt. Es ist eine Haltung, die der festen Überzeugung entspringt, dass es keine Alternative gibt. Weder zur Formulierung des Zieles noch bei der Wahl der Taktik. Eine derartige Haltung führt in der Regel zu hohen Kosten, gravierenden Verlusten und, hält man lange genug an der starren Position fest, zum Ruin.

Nun existieren im gedanklichen Reservoir vieler Menschen Szenarien, an denen man die hier aufgezeigten Vorgehensweisen überprüfen kann. Das eigene Erleben und die eigene Praxis eignen sich immer am besten, um solche Thesen zu überprüfen. Meine Behauptung ist, dass jeder Mensch unzählige Male solche Situationen in seinem Leben erlebt. Und, wenn nicht alles rund lief, wie man es sich vorgestellt hat, hat man entweder die Strategie oder die Taktik geändert und den Prozess für sich als das verbucht, was das Leben ausmacht: als Lernen durch praktisches Vorgehen. Und, auch diese Beispiele haben die meisten Menschen für sich parat: wenn sie störrisch waren und gescheitert sind, dann gehörte die daraus resultierende schmerzhafte Niederlage zu den ganz großen Lehren, die man sich immer wieder vor Augen führt und, ist der Abstand groß genug, als die ganz großen Lehren seines Lebens in die eigene Chronik schreibt.

Was im individuellen Erfahren und in der beruflichen Tätigkeit zutrifft, ist in der Politik nicht anders. Auch dort existieren Strategien und Taktiken, die sich in der Praxis zu bewähren haben, die sich hier und da als fehlerhaft und nicht der Realität entsprechend herausstellen und justiert werden müssen. Lernprozesse, die daraus resultieren, werden von denen, die Politik beauftragen, in der Regel verstanden und bis zu einem gewissen Grad akzeptiert. Eine Haltung, die die einmal festgelegte Route als alternativlos darstellt, verliert, je gravierender die Verluste, letztendlich jegliche Form der Legitimation.  

Die Bussarde kreisen schon!

Keine Eskalation ist so gravierend, als dass sie nicht profanisiert werden könnte. Alles, was die vermeintlichen Feinde reizt, wird entweder als Petitesse verharmlost oder es wird die Möglichkeit einer schmerzhaften Vergeltung in Abrede gestellt. Glauben, glauben darf man den Hofsängern der Kriegsparteien sowieso nichts. Das merke man sich als allererstes. Alles, was sie sagen und verkünden, kommt aus den Kellern einer destruktiven Logik und hat mit dem, was als Wahrheit beschrieben werden könnte, nichts, aber auch gar nichts zu tun. Es kommt nur darauf an, dem Feind zu schaden, sich selbst für alles zu exkulpieren und die Köpfe eines teils staunenden, teils wankelmütigen und teils ungläubigen Publikums zu verwirren. Diese Strategie zeigt Wirkung, obwohl es nicht als sicher gelten kann, dass sich nicht doch, in einem Augenblick, in dem niemand damit rechnet, aufgrund eines kleinen, scheinbar unbedeutenden Vorkommnisses, plötzlich die Wahrheit und der absolute Wille zu ihr mit einer ungeheuren Strahlkraft durchsetzt. Dann sind plötzlich alle Lampen der Propaganda nur noch dunkle Funzeln, und die vermeintlichen Protagonisten von heute der sprichwörtliche Schnee von gestern. 

So, wie es aussieht, mehren sich die Anlässe, dass der große Knall näher rückt. Der kann die  absolute Zerstörung zur Folge haben, er kann aber auch die beschriebene Befreiung mit sich bringen. Die Abberufung des russischen Verteidigungsministers Schoigu kann so ein Zeichen sein, dass aus russischer Sicht die Zeit für Verhandlungen naht. Denen stünde in einem solchen Fall auf der anderen Seite nur der ukrainische Präsident Selenskij im Wege. Wer ein neues Kapitel aufschlagen will, tauscht in der Regel das Personal aus. 

Oder, das Attentat auf den slowakischen Ministerpräsidenten Robert Fico, der seinerseits für Friedensverhandlungen stand, könnte in das Gegenteil, sprich eine neue Stufe der Eskalation umschlagen. Letzteres könnte auch die Spaltung innerhalb der EU beschleunigen, die sich unter deutscher Führung zu einem Arm der NATO gemausert hat und eher den Aspekt der Kriegsrenditen sieht und an diesem Kurs festhalten wird. Bekanntlich gibt es in dem europäischen Bündnis nicht nur Länder, die sich vor Russland fürchten, sondern auch solche, die sich ein Europa ohne Russland nicht vorstellen können und wollen. Und, damit kein Missverständnis hierzulande aufkommt, das gegenwärtige deutsche Personal, egal in welcher Funktion, befindet sich in der Westentasche des amerikanischen Präsidenten.

Ein neuer Aspekt, der vieles noch wird ins Rollen bringen können, sind die Vorgänge in Georgien. Bei der Berichterstattung drängt sich die Frage auf, inwieweit man hierzulande bereit wäre, NGOs, die sich bei der politischen Meinungsbildung engagieren und vom Ausland finanziert werden, zu akzeptieren. Im übrigen muss in der Bundesrepublik jeder Skatverein seine Einkünfte deklarieren, ohne das jemals davon die Rede gewesen wäre, es würden elementare Rechte eingeschränkt.  So, wie es aussieht, wird da nicht nur die bekannte Methode des doppelten Standards wieder einmal kultiviert, sondern auch eine neue Eskalationsstufe gezündet. Georgien als EU-Beitrittskandidat wird das Junktim mit der NATO früh genug präsentiert werden. Was das mit dem Sicherheitsempfinden Russlands machen wird, werden sich außer den amtlichen Revolverschnauzen des deutsch-amerikanischen Revanchismus alle Menschen mit klarem Verstand ausrechnen können. Georgien würde eine zweite Ukraine. Die Bussarde kreisen schon.

I want a little sugar in my bowl!

Manchmal sind es die zufälligen Hinweise, die alles erklären. Gerade höre ich Nina Simone, schone lange tot, aber immer noch in der Lage, das eine oder andere Herz zu brechen. Warum? Weil sie wusste, was es heißt, Verzicht leisten zu müssen, weil sie wusste, was es heißt, enttäuscht zu werden, weil sie wusste, wie es ist, wenn du auf der dunklen Seite der Straße aufgewachsen bist. Und gerade das vermittelt manchen Menschen die Fähigkeit, die komplex erscheinenden Probleme auf den Punkt zu bringen. Das Lied, das ich gerade hörte, hatte den Titel I want a little sugar in my bowl. Und schon war der Moment da, der die Weltgeschichte in die berühmte Nussschale faßte. Wie hieß es in der französischen Revolution, und, wäre man spekulativ, die unter anderem das Libretto für Nina Simone geschrieben hatte? Le pain est le droit du peuple. Das Brot ist das Recht des Volkes. Zweihundert Jahre später machte Nina Simone daraus ein bisschen Zucker in der Schale. Und es ging und geht nicht nur um Materielles, sondern auch um die Nahrung für die Seele. Es ist und war immer dasselbe. Wenn die Menschen nicht mehr ihre Grundbedürfnisse befriedigen können, dann sind die Zustände grausam und sie rufen ihrerseits wiederum grausame Zustände hervor.

Ein früherer Chef von mir, seinerseits ein Indonesier, der in Frankreich studiert hatte, zitierte einmal das französische Sprichwort: Man kehrt immer wieder zu seinen alten Lieben zurück. Nicht nur, dass mir das Lied von Nina Simone sogleich die französische Revolution in den Sinn rief, nein, auch das von Bapak Kristiadi zitierte Sprichwort kam dazu. Denn Nina Simone ist eine ganz alte Liebe meinerseits. Viele, sehr viele Jahre, habe ich sie weder gesehen noch gehört. Und tot ist sie seit langem. Aber als ich sie gerade wieder hörte, brach sie mir wieder das Herz. Warum? Weil sie singen konnte, weil sie tatsächlich den Blues hatte und weil sie mit Worten sprach, die sich mit meiner Wahrnehmung der Welt deckten. Es sind die seltenen Momente, wo sich Glück und Trauer für einen kurzen Augenblick die Hand reichen.