Archiv des Autors: Gerhard Mersmann

Fundstück: Das Ei des Kolumbus

Ja, wir leben in unruhigen Zeiten. Und ja, viele Menschen fühlen sich verunsichert. In unzähligen Gesprächen, egal, wo sie geführt werden, ob im Büro oder morgens beim Bäcker, ob in der Straßenbahn oder abends mit Freunden, immer mehr wird der Wille deutlich, dass etwas geschehen muss, um das destruktive Treiben derer, die die Macht haben, durch Wille und Vernunft zu beenden. Warten, dass ist der Tenor, Warten ist keine Alternative. Wenn gewartet wird, dann kommen andere, die vorgeben, Lösungen parat zu haben. Was daraus wird, hat die Geschichte gezeigt. Insofern ist die positive Botschaft dieser Tage, dass sich immer mehr Menschen darüber im Klaren sind, dass sie etwas machen müssen, um die Verhältnisse zu ändern.

Die negative Nachricht kann jedoch nicht unterschlagen werden. Immer mehr von denen, die bereit wären, etwas zu tun, beklagen die Wirre im Kopf, wenn es darum geht, herauszufinden, was richtig und falsch ist. Sie beklagen, die Orientierung verloren zu haben. Es ist ein Massenphänomen, das zurückzuführen ist auf die heiße Schlacht um die Wahrheit, die nicht selten endet in einem Duell beiderseitiger Fake News. Da ist guter Rat teuer. Deshalb ist ein Anliegen, auf Narrative zu verweisen, die jeder kennt und die deutlich machen, dass es gut ist, dem eigenen Verstand und der eigenen Erfahrung zu trauen und daraus die entsprechenden Schlüsse und Entscheidungen abzuleiten.

Als erstes Beispiel soll das berühmte Ei des Kolumbus gelten. Was war da noch geschehen?

Als Kolumbus mit seiner ramponierten Flotte zurückkam von der Entdeckung der Neuen Welt, löste das selbstverständlich großes Aufsehen aus. Auf einem der vielen Bankette, auf denen sich Kolumbus zeigen musste, stellte ihn der berühmte und berüchtigte Kardinal Mendoza zur Rede. Man bedenke, diese Begebenheit spielte im Jahr 1493 und es war bei weiten nicht die Geburtsstunde der Aufklärung im Land. „Wenn ich dich so reden und erzählen höre“, so richtete Kardinal Mendoza sein Wort direkt an Kolumbus, „so komme ich zu der Auffassung, dass deine Reise, die du so herausstreichst, von einem jeden hier im Saale hätte gemacht werden können!“

Christoph Kolumbus forderte in seiner Replik die gesamte Tischrunde auf, doch bitte ein Ei mit der Spitze nach unten zum Stehen zu bringen. Zwar etwas verwirrt, aber dennoch begann gleich der Versuch eines jeden, der Aufforderung nachzukommen. Logischer wie bekannter Weise scheiterten die Versammelten allesamt. Dann nahm Kolumbus ein Ei und schlug es mit der Spitze nach unten leicht auf die Tafel, so dass es zum Stehen kam. Und noch während die Runde, allen voran Kardinal Mendoza, begann, gegen die Methode des Kolumbus zu protestieren, sendete er ihnen die Botschaft, um die es ihm ging: „Ihr sagt, so hättet ihr es machen können, ich aber habe es getan!“

Das Narrativ, das sich seit einem halben Jahrtausend hält, stellt heraus, dass es darum geht, den eigenen Verstand zu benutzen und bereit zu sein, pragmatisch das zu tun, von dem man überzeugt ist und dass es zum Ziel führt. Ein sehr einfacher Sachverhalt, der besonders in Zeiten der ideologischen Verkomplizierung des Lebens von besonderem Wert ist. Bitte denken Sie an das Ei des Kolumbus, wenn sich die nächste Gelegenheit bietet, etwas zu tun, das vernünftig ist und etwas Courage erfordert. Sie könnten neue Kontinente entdecken!

September 2018

Vergessen wird hier nichts!

Nachrichten aus Germanistan, 15. August 2014

Liebe Freunde da draußen! Kaum habe ich angefangen, mich an diesem Format zu versuchen, schon muss ich Euch so richtig in die Tiefe ziehen. Es geht einfach nicht anders. Warum? Weil die Dinge so sind, wie sie sind und weil vieles komplizierter ist, als gedacht. Anlass für die heutige Überlegung ist die immer wieder aus der Ferne an uns gestellte Frage, wie es denn sein kann, dass sich kaum Menschen von Format zu Wort melden, dass furchtbar windige Figuren Unmengen Redezeit bekommen und große Aufmerksamkeit genießen und dass ein so kulturell und intellektuell geprägtes Volk wie das Deutsche nahezu alles hinnimmt, was sich an Dummheit und gleichzeitig an Demütigung aufsammeln lässt. Und Ihr fragt zweifelnd immer wieder nach dem Zustand der Medien und nach dem Selbstwertgefühl der Bevölkerung.

Gemeint ist damit der Zustand der etablierten Medien, von den privaten, die stark monopolisiert sind bis hin zu den Öffentlich-Rechtlichen. Beide Lager sind zu einem verschmolzen und sie verbreiten ohne einen Schimmer von Schamesröte die Sichtweise von Regierung und dem großen Verbündeten der mehr denn je bestimmt, was in diesem Land zu geschehen hat. Und wer sich dem widersetzt, verliert Ansehen und zuweilen die Existenz. Zum anderen ist da so etwas wie die deutsche Schuld, die anscheinend jede Art von Demütigung rechtfertigt. Ihr sprecht das noch offen an, aber hier wird zum Beispiel die Frage, wer die Ostseepipelines gesprengt und damit einen Terrorakt gegen die kritische Infrastruktur verübt hat, wenn überhaupt, nur mit Glacéhandschuhen angefasst. Noch heißt es, trotz der öffentlichen Drohung Joe Bidens im Beisein eines wie ein Schuljunge in alten Zeiten behandelten Kanzlers, man wisse nicht wer. Und wenn, so fragen sich hier auch alle, wenn man weiß, wer es war, welche Maßnahmen wird es nach sich ziehen? Bei dem, was vielleicht am neutralsten noch als momentaner Überbau oder Nomenklatura bezeichnet werden kann, ist es relativ leicht auszumalen. Was das jedoch mit dem in Germanistan ansässigen Volke machen wird, ist noch lange nicht ausgemacht.

In einem vor genau 190 Jahren verfassten Werk mit dem Titel „Zur Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland“ hatte der im Pariser Exil lebende Heinrich Heine den Versuch unternommen, die Denk- wie Fühlweise der Deutschen dem französischen Publikum verständlich zu machen und näher zu bringen. Aus meiner Sicht ist ihm das nicht nur exzellent gelungen. Der ebenso manchmal riskierte Blick in die Zukunft hatte, sieht man sich den Verlauf der weiteren Geschichte an, phänomenale Kraft. An einer Stelle, an der es um die Disposition der Deutschen ging, erzählte Heine von einer Episode in einer Gaststätte, in dem ein Diskutant sich über einen politischen Mord durch einen Vertreter einer anderen Nation beklagte, der einige hundert Jahre zurücklag. Heine versuchte den französischen Lesern klarzumachen, dass in Deutschland nichts, aber auch gar nichts vergessen werde, während man in Frankreich zumeist lieber im Jetzt und in der Zukunft lebe.

Warum ich das erzähle? Weil ich zumindest glaube, dass alles, was uns hier in Germanistan in den letzten Jahren widerfahren ist, zwar nicht mehr in den Journalen steht und viele Archive bereits geschlossen sind, aber in den Köpfen der Menschen, die von vielem nicht überzeugt waren, deren Rechtsempfinden massiv verletzt wurde und deren Ehrgefühl und Würde durch den herumliegenden Unrat gezogen wurde, dass dies alles längst nicht vergessen ist. You never know where the ball rolls, wie man bei den Briten so schön sagt. Aber hier in Germanistan, da landet er irgendwann im Loch. Aber dann, um noch einmal Heinrich Heine aus der erwähnten Schrift aus dem Gedächtnis zu zitieren, werden die Adler tot vom Himmel fallen und sich die Löwen im fernen Afrika in ihre königlichen Höhlen verziehen.

Ein Blick aus dem Sommerloch

Nachrichten aus Germanistan, 14. August 2024

Liebe Freunde da draußen! Es ziemt sich nicht, eine Korrespondenz sogleich mit einem großen Aufreger zu beginnen. Da fehlt dann das, was man Neudeutsch gerne als Warm-up bezeichnet und das Pulver ist schnell verschossen. Also möchte ich mit dem beginnen, was derzeit sowieso das sommerliche Leben prägt und wofür wir im Deutschen so schöne Bezeichnungen haben. Die Saure-Gurken-Zeit existiert, so weit in weiß, auch im Englischen als frivole pickle time, aber das Sommerloch oder die Hundstage sind ziemlich Deutsch. Sie drücken aus, dass sich die Menschen erholen und den Sommer genießen wollen, dass die meisten Geschäftsprozesse herunter gefahren werden und vor allen Dingen die Parlamentarier in den Ferien sind. Man muss allerdings hinzufügen, dass es hier, in Germanistan, es in dieser Zeit noch recht betriebsam zugeht, wenn man es mit den mediterranen Ländern vergleicht oder auch mit Russland. Da sind jetzt nahezu alle bei ihren Datschen und haben aus den schönen Blumenbeeten wieder Nutzflächen gemacht, um im Notfall die Nahrung auch aus dem eigenen Garten zu bekommen.

Und dennoch, hierzulande sind Ferien, in vielen Regionen plagt die Hitze und in den Ballungsgebieten, in denen viele Menschen leben, die aus anderen Ländern zu uns gekommen sind, ist es erstaunlich ruhig und leer, weil diese zu ihren Verwandten in die Heimat gereist sind. Die großen politischen Themen flackern in den Medien immer wieder einmal auf. Die Kriege in Europas Osten und im Nahen Osten sind bei der Berichterstattung etwas ins Hintertreffen geraten. Wäre da nich eine neue Partei, die immer noch den Namen einer einzelnen Person trägt, die alle Mitbewerber für bevorstehende Landtagswahlen im Osten Deutschlands dadurch zur Weißglut triebt, weil sie – in Anbetracht zu erwartender eigener guter Ergebnisse – für eine Koalition mit anderen Parteien die Bedingung stellt, dass in der Ukraine-Russlandfrage die Ausrichtung auf einen militärischen Sieg gegen Russland beendet wird, weitere Waffenlieferungen ausbleiben und mit Verhandlungen begonnen wird. Das ist eine wuchtige Bedingung und die Reaktion zeigt, in welchem Dilemma sich Germanistan momentan befindet.

Entgegen aller Behauptungen ist ein Großteil der Bevölkerung gegen diesen Krieg und gegen die Teile der Regierung, die von der Vernichtung Russlands als Vorbedingung eines Endes der Kampfhandlungen in der Ukraine spricht. Wäre es anders, würden nicht die Parteien, die sich gegen die Sichtweise von USA/NATO/Bundesregierung stellen, einen derartig großen Zuspruch erhalten. Aber wir kennen das ja zur Genüge, was die Mentalität in Germanistan anbetrifft! Wenn man der Logik nicht mehr folgen will, dann müssen teuflische Kräfte wirken, auf die wir keinen Einfluss haben.

Bemerkenswert ist, dass die beiden sportlichen Großereignisse, die Fußballeuropameisterschaft in Deutschland wie die Olympischen Spiele in Frankreich, trotz des ausgesprochenen Interesses bei unseren Landsleuten nicht dazu hat führen können, dass diese beiden Fronten sich nach wie vor mit scharfen Kanten gegenüberstehen. Derweil ist die Ratlosigkeit sehr groß, wie es denn wohl weiter gehen wird. Zwar tauchen immer mal wieder gewisse Sterndeuter auf, die uns die Zukunft voraussagen. Aber daran glauben die wenigsten. Auch, weil die Prognosen, je nach Frontverlauf, so unterschiedlich sind. Die einen versprechen der gegenwärtigen Politik ein schnelles Ende, die anderen behaupten das Gegenteil. Um das Wort eines vor nicht langer Zeit verblichenen parlamentarischen Urgesteins zu benutzen, fährt Germanistan in Bezug auf seine politische Perspektive auf Sicht. Das ist für ein Land, in dem die Strategie wie die Organisation von Gesellschaft und Wirtschaft immer einen großen Stellenwert hatte, eine sehr betrübliche Feststellung. Wenn man so will, könnte man die emotionale Befindlichkeit während der Sommerferien auch so beschreiben: überall wirken die Kräfte des Teufels und wir wissen nicht, wie es weiter gehen wird. Dafür ist die Stimmung erstaunlich gut.