Archiv des Autors: Gerhard Mersmann

Fundstück: Umbrüche

Wenn die großen Umbrüche stattfinden, dann bleibt zumeist nichts so, wie es einmal war. In der Erinnerung verklären sich dann die Bilder, vielen Menschen erscheint es dann so, als hätten sie in goldenen Zeiten gelebt und alles, was an Neuem entstanden ist, kann unter diesen Eindrücken nicht mehr imponieren. Nichts ist trügerischer als diese Art von Erinnerung. Sie liegt nämlich unter einem Schleier, der alles verdeckt, was in der Vergangenheit an Dreck, an Unrat, an Schmerz und an Verzweiflung existierte. Die so genannte gute, alte Zeit, entpuppt sich, wenn der realistische Blick die Oberhand gewinnt, als eine Fata Morgana. Zumindest für diejenigen, die sich erfolgreich aus ihr heraus gekämpft haben. 

Denn diejenigen, denen das nicht gelungen ist, die sind schon längst nicht mehr unter den Lebenden. Und, sollten sie es dennoch sein, dann haben sie keine Stimme mehr. Die einzige Gruppe, die zu recht über die goldene Vergangenheit sprechen kann, sind die ehemaligen Gewinner, die sich in Ruhm und Reichtum sonnen konnten, bis das alles zusammenbrach. Doch sie sind in einer verschwindenden Minderheit, wie immer. Das Gros der Gesellschaft muss kämpfen. Das war so in der verklärten Vergangenheit, das ist so während der Zeiten der großen Umbrüche und das wird so sein, wenn sich alles neu sortiert hat.

Umbrüche hat es immer gegeben. Auf der Oberfläche lassen sie sich als etwas beschreiben, das die Dominanz der Kräfte, die für ein bestimmtes Zeitmaß die Entwicklung maßgebliche bestimmt haben, an einem gewissen Zeitpunkt den Zenit erreicht hat. Dann lassen sich neue Kräfte beobachten, die innovativer sind, die mehr Dynamik besitzen und die andere Interessen verfolgen und die sich zum Angriff auf das Bestehende formieren. Zunächst erscheinen die herrschenden Verhältnisse dann als nicht mehr so gut wie allgemein dargestellt, vieles bekommt das Attribut „marode“ und die Eliten vermitteln ein Bild, als seien sie sich des Ernstes der Lage gar nicht bewusst.

Es ist wie eine Wiederholung der Kapitel in den Geschichtsbüchern, in denen die späte Dekadenz von Gesellschaften beschrieben wird. Da steht nur noch das eigene, in Verschwendung und Unmaß badende Wohlergehen im eigenen Fokus, da wird nichts mehr investiert, da findet keine Erneuerung mehr statt, da werden Probleme verdrängt und es wird ein Lied angestimmt, in dem die eigene Glorie auf Ewigkeit besungen wird, obwohl sie längst am Abgrund steht. Die späte Dekadenz am Ende einer Epoche ist das verlässlichste Zeichen für einen gravierenden Umbruch.

Denn während dieses Lärms, der durch die Sattheit und Verschwendung hier wie der wachsenden Not und dem Überdruss gegenüber dem Alten dort verursacht wird, wirken bereits die Kräfte des Wandels. Sie nutzen den Alltag, um die Routinen zu Fall zu bringen, sie erneuern alles, sie reden nicht viel und sie haben mit dem, was auf der großen Bühne passiert, nicht viel im Sinn, weil sie mit der Veränderung des Alltags alle Hände voll zu tun haben. Wenn diese Vertreter einer neuen Ordnung die Bühne betreten, dann ist bereits alles vorbei – für die alte Zeit und deren Prinzipien. Sie kann sich dann verklären lassen, von denen, die damals das Sagen hatten und denen, die an den Schmerz nicht mehr erinnert werden wollen. 

Die neuen Kräfte hingegen werden sich mit dem Neuen selbst, das oft technischer und wirtschaftlicher Natur ist, auseinanderzusetzen haben und dann daran gehen müssen, politisch ihre Interessen zu vertreten, um eine neue soziale Ordnung zu etablieren. In Zeiten des Umbruchs, wenn er denn in vollem Gange ist, bleibt für diejenigen, die ihn betreiben keine Zeit, in der Verklärung des Vergangenen zu verharren. 

Und wer bei der hiesigen Beschreibung bestimmte Bezüge zum Zeitgeschehen gewittert hat, verfügt über eine gute Nase.

November 2019

US-Wahlen, Ampel-Aus: die verhetzte Gesellschaft

In stürmischen Zeiten ist der beste Rat, einen kühlen Kopf zu bewahren. Gestern war so ein Tag, an dem das wichtig war. Zunächst die Wahlen in den USA. Bei ihnen, ihrem Verlauf wie ihrem Ergebnis wurde aus deutscher Sicht eines überdeutlich. Die Expertise derer, die seit Wochen über das bevorstehende Ereignis berichteten, bestand einzig und allein in der Parteinahme für die Demokraten. Das beste Indiz dafür war, dass das vorhergesagte knappe Rennen überhaupt nicht stattfand. Aus Wahlen, an denen kein Bundesbürger teilnimmt, wurde ein emotionales Großereignis nationaler Bedeutung gemacht. Zugegeben: die letzten Regierungen der Bundesrepublik haben alle Entscheidungen getragen, die in Washington getroffen wurden, unabhängig von definierten eigenen Interessen. Insofern mögen sich manche wie in einem amerikanischen Bundesstaat fühlen, ohne dass ihnen bewusst wäre, dass dort mehr Eigenständigkeit herrscht als hinter so mancher Stirn hiesiger Akteuere. Und dass man dort wählen darf, und hier nicht.  

Neben der Lehre, dass das schreibende Chor der Monopolpresse und der Öffentlich Rechtlichen Regierungsinstitutionen einmal wieder falsch gepolt war, kommt noch eine Erkenntnis frei Haus dazu: Mit einem Wahlkampf, der exklusiv die woken städtischen Eliten anspricht, sind Wahlen nicht zu gewinnen. Das Gros der Bevölkerung hat mit anderen Problemen zu kämpfen und bedankt sich bei der Stimmabgabe bei der grenzenlosen Arroganz einer zunehmend im Sektierertum befindlichen Blase. Deren Wahrnehmung wurde, auch das ist interessant, hier deutlicher als drüben in den Staaten. Für unsere Sterndeuter war recht schnell klar, dass nun neben dem Faschisten Putin auch noch der Faschist Donald Trump uns das Leben vergällen wird. Wer so unterwegs ist, braucht keine Feinde mehr. Der ist von ihnen bereits umgeben und hat als politisches Programm nur noch die Hysterie zur Verfügung.

Dass aber das Regiebuch der Geschichte immer mal wieder für Überraschungen sorgt, zeigte sich dann im Land der Besserwisser am Abend. Da schmiss ein sichtlich angefressener Kanzler den neoliberalen Stinkbolzen von Finanzminister endgültig aus der Regierung und stellte das parlamentarische Spiel auf Anfang. Dabei muss gesagt werden, dass seine Begründung gut nachvollziehbar war. Damit fällt allerdings auch der Vorhang für die Grünen, die als bellizistische Einpunktstrahler eine Auszeit redlich verdient haben.

Bei all der Aufgeladenheit und Verhetztheit hierzulande sei momentan nicht auf die Perspektive eingegangen, die ein Kanzler Merz bieten würde. Mir fielen, um für ein wenig Entspannung zu sorgen, gleich zwei Dinge dazu ein. Ein von mir sehr geschätzter Freund, der alle Stürme des Lebens gemeistert hat, pflegt in solchen Situationen immer zu sagen: Es wird nicht besser, aber anders. Und konkret zum Schicksal des Friedrich Merz kam mir noch Frank Sinatra mit That´s Life in den Sinn: Flying high in April, shot down in May.

Guter Rat ist teuer, heißt es. Er sei dennoch, in aller Bescheidenheit, gegeben: Bitte nicht mehr auf die verhetzte Kohorte des gegenwärtigen Journalismus hören, kühl die eigenen Interessen zur Vorlage nehmen und mit denen verhandeln, die sich noch nicht im Reich der Hysterie verirrt haben. Und ja, das wird mit den meisten, die sich auf dem gegenwärtigen Tableau bewegen, einfach nicht gehen. Vieles wird sich ändern müssen. Die verhetzte Gesellschaft hat ins Chaos geführt. Aber aus dem Chaos entsteht auch immer wieder eine Ordnung. Tragen wir die Hoffnung am Revers und seien wir rücksichtslos. Wird schon werden!  

Give me Money, Honey!

Da ich im Verteiler der US-Demokraten bin, erhalte ich seit geraumer Zeit unzählige Mails am Tag, die alle nur einen Tenor haben: Spenden. Es ist, da ich an deutsche Gepflogenheiten gewohnt bin, unglaublich, wer alles um Geld bittet. Vom gegenwärtigen Präsidenten bis zur Kandidatin, ihrem Ehemann, natürlich Tim Walz, Bill Clinton und Obama, Barack wie Michelle. Alle sprechen dich mit Vornamen an, was in den USA üblich ist, beschreiben die Brisanz der Lage und die Notwendigkeit, Geld zu spenden, weil sonst das Böse die Macht ergreift und die Welt untergehen wird. Der Fairness halber muss gesagt werden, dass es bei den Republikanern genauso zugeht. So, wie gemeldet wird, haben Harris und Trump je ungefähr eine Milliarde US-Dollar auf den Wahlkampf verwendet. Darunter waren Großspenden wie unzählige Kleinbeträge. Elon Musk schoss Millionen hinzu, genauso wie Bill Gates und Taylor Swift. Allesamt sind Multimilliardäre und das einzig interessante dabei ist, dass die Spender für die Republikaner hier, in Germanistan, als Teufel und die Unterstützer der Demokraten als Engel charakterisiert werden. Der Dreißigjährige Krieg hinterlässt immer noch seine Spuren.

In einem Filmbeitrag ( „Erwachen aus dem Traum“) türkischer Journalisten, der sich dadurch auszeichnet, dass er nicht  einem begriffsstutzigen Publikum die Welt erklärt, sondern wichtige Akteure aus der amerikanischen Gesellschaft mit ihrer Einschätzung zu Wort kommen lässt und einfach nur zuhört, entsteht ein Bild, dass jede Form der Illusion aus der Perspektive verbannt. Dort wird deutlich, dass die Spaltung der amerikanischen Gesellschaft in erster Linie durch die Kluft zwischen Arm und Reich besteht. Die soziale Frage, so die klugen Gesprächspartner, steht aber in Bezug auf ihren außerordentlichen Stellenwert weder im Programm der Demokraten noch in dem der Republikaner. Stattdessen konkurrieren die beiden Parteien lediglich darin, wen sie für den Zustand der kriselnden amerikanischen Gesellschaft verantwortlich machen: für die einen sind es die alten weißen Männer, für die anderen die Immigranten. Eine Lösung des tatsächlichen Problems bieten daher beide Kandidaten nicht.

Wer jedoch meint, dass das, was sich in den Wahlkämpfen abspielt, die nach hiesigen Deutungsmustern alles entscheiden werden, etwas mit dem großen Geld und denen zu tun hat, die über es verfügen, hat sich schwer getäuscht. Larry Fink, seinerseits Aufsichtsrats- und Vorstandsvorsitzender des Investitionsfonds BlackRock, einer der großen Finanz Tycoone weltweit, brachte es auf den Punkt. Gefragt, welchen Kandidaten er bevorzuge und was der Wahlsieg der einen Kandidatin oder des anderen Kandidaten bedeute, winkte er genervt ab und wies darauf hin, dass es in Bezug auf seine eigenen Aktivitäten keine Rolle spiele. Ganz nach dem Motto: was schert es mich, welches politische Personal nach meiner Pfeife tanzt? Da wir in unserer bescheidenen Provinz nun gar einen Kandidaten auf das Kanzleramt haben, der in dem Hause Larry Finks zwanzig lange Jahre gelernt hat, sollten wir auch daraus unsere Schlüsse ziehen. Aber das nur nebenbei. 

Wenn also die Milliönchen, die im US-Wahlkampf für Bannerträger, PopUps, Schirmmützen und Claqueure verpulvert werden und nichts anderes sind als Spielgeld, dann sollte man das ganze Gedöns vielleicht als eine Soap betrachten und sich darauf konzentrieren, wo das tatsächlich große Geld spielt und agiert. Ein aufschlussreicher Hinweis sind sicherlich die Aktivitäten BlackRocks in der Ukraine. Da wurden die lokalen Bauern bis heute, hinter dem Schirm des Kriegsgetöses, knallhart zugunsten des Monopolisten aus dem freien Amerika enteignet. Im Grund sollte man das Spiel, das Give me Money, Honey, heißt, so betrachten, wie es tatsächlich ist: es geht um die soziale Frage. Weltweit. Der Wert des Menschen ist der Mensch. Und die ganzen Couponschneider, egal wo, sollen sich zum Teufel scheren!