Archiv des Autors: Gerhard Mersmann

Versteckte Appelle und torkelnde Boten

Die Reaktion der zumeist regierenden Parteien auf den Aufstieg der AFD, oder, wie es selbst in der öffentlichen Berichterstattung ohne Gänsefüßchen heißt, der Aufstieg des Rechtspopulismus, führt zu Konsequenzen bei den Regierenden, die deutlich machen, dass wenig von dem, was den Trend ausmacht, richtig wahrgenommen wurde. Wäre das der Fall, dann würden zum Beispiel die Medien nicht mit dem Wording der angegriffenen Politik selbst in die Berichterstattung gehen. Und wäre das der Fall, so suchten die Angegriffenen nicht bei Fehlern oder Inkonsistenzen der Angreifer, sondern sie suchten nach Fehlern bei sich selbst.

Viele derer, die den Protest wählten, distanzierten sich von seinem Label. Es ging ihnen, durchaus glaubhaft, vor allem um den Schock, den Schlag ins Gesicht derer, die denken, sie könnten treiben, was sie wollten, weil sich sowieso niemand dagegen auflehnt. Soweit die Fehlannahme. Jetzt den Fokus auf das Medium der Kritik zu richten, gleicht der antiken Metapher von der Tötung des Botens, der die schlechte Nachricht bringt. Die Ursache liegt in der eigenen Politik begründet, die verantwortlich ist für Arbeitsverlust, Lohnsenkung, Subvention von Spekulation, Verhöhnung durch die staatlich monopolisierten Medien und das Verbot von allem, was der so genannte Kleine Mann sich noch leisten konnte, auch wenn es nur ein Schein von Freiheit war.

Doch die Kritisierten begreifen die Botschaft nicht. Vielleicht gelingt es ihnen noch, den Boten zu meucheln, das verlorene Vertrauen, welches sich in der Radikalisierung ausdrückt, das werden sie mit diesem Vorgehen nicht zurückgewinnen. Insofern ist die Art und Weise, wie versucht wird, die Träger der kritischen Botschaft zu verhöhnen, ebenso eine empfundene Verhöhnung derer, die nur warnen wollten. Da liegt es nahe zu vermuten, dass es nur eine Spirale ist, die nach oben zeigt. Die Bräsigkeit der parlamentarisch Herrschenden, die sich momentan bei der Koalitionsbildung wie eine Altkleidersammlung im großen Stil generiert, zerstäubt mit gnadenloser Konsequenz genau das, was letztendlich die Hoffnung auf Besserung in sich trägt: Das Erstarken einer Opposition, die konsequent und böse ist, die sich aber an die Spielregeln hält.

Es ist kein Glück festzustellen, dass die Radikalisierung der Bürgerschaft in unserem Land mit wuchtiger Tendenz wie in anderen Ländern Europas auch nach rechts geht. Es ist das gleiche Unglück, das sich allerdings ableitet aus der gleichen törichten Politik, die auch und gerade im benachbarten Frankreich zu dieser Revolte geführt hat, die bald das ganze Europa überzieht. Diejenigen, die den Begriff der Revolte traditionell für sich beanspruchten, schauen ebenso verdutzt auf das Geschehen wie die Regierenden des Kontinents, die ihren Augen nicht trauen.

Wie immer, wenn sich Dinge zügig verändern, ist es ratsam, die Augen offen zu halten und genau zu beobachten, was passiert. In den europäischen Ländern, in denen die Rechten schon seit Jahren auf dem Vormarsch und in den Parlamenten sind, hat die Barbarisierung des zivilen Lebens nicht stattgefunden, zumindest nie so schlimm, wie es schon in Teilen Deutschlands der Fall ist, ohne dass die Rechten regierten. Das lässt den Schluss nahe, doch sehr genau darüber nachzudenken, was tatsächlich hinter der Botschaft steckt, mit der ein überforderter Bote momentan ungestüm durch den Raum torkelt. Soviel ist gewiss: Es ist der Appell an alle, die bereits in Verantwortung stehen, ihr Leben zu ändern, und zwar radikal.

Sonnenfinsternis

In seinem Roman Sonnenfinsternis setzte sich der im Exil lebende, ehemalige Kommunist Arthur Koestler mit seinen Erfahrungen als solcher im spanischen Bürgerkrieg auseinander und mit dem, was als die Moskauer Prozesse der 1930iger Jahre in die Geschichtsschreibung eingegangen ist. Der Roman Sonnenfinsternis, der 1940 erstmals im Exil erschien, war Koestlers Bruch mit dem Kommunismus. In dem Buch beschreibt er die erschütternde Geschichte der russischen Revolutionäre, die in den Moskauer Prozessen des Verrats an der Sowjetunion angeklagt waren und die in öffentlichen Sitzungen gestanden hatten, dass sie tatsächlich Verrat begangen hatten und im Sinne der gerechten Sache eine drastische Strafe verdient hätten. Die meisten von ihnen wurden hingerichtet, unter ihnen befanden sich auch Karls Radek und Nikolai Bucharin, beides Intellektuelle und Revolutionäre der ersten Stunde, letzterer wenige Jahre zuvor noch als „Liebling der Partei“ verehrt.

Sonnenfinsternis ist kein reißerisches Buch, sondern eine sehr subtile Studie dessen, was in Kopf und Psyche dessen vonstatten geht, der in der Gefängniszelle auf die nächsten Verhöre und den Prozess wartet. Das, was Koestler vor allem gelingt, ist die Beschreibung des allmählichen Prozesses der Entrückung aus dem faktischen Rahmen, in dem sich das Individuum befindet. Durch das Appellieren der Ankläger an den Glaubensgrundsatz des Angeklagten, für eine Utopie, eine Vision oder ein besseres Leben eingetreten zu sein und die damit verbundene Demut gegenüber dem großen Ziel, wird das Individuum dazu verleitet, die Demütigung auszublenden und in ihrem letzten Stadium sogar das Selbst zu verleugnen und schließlich zu verachten. Bis zur Forderung der eigenen Auslöschung als unwürdiger Existenz war es dann kein unlogischer Schritt mehr. Die reale Wirkung dessen, was Koestler fiktiv in seinem Roman beschrieben hatte, wurde in der absurden Berichterstattung über die Moskauer Prozesse durch zahlreiche renommierte internationale Beobachter unterstrichen, die nicht begriffen, was dort passierte.

Wer glaubte, dass die Pervertierung dessen, was ein freier Wille sein könnte und dem Akt einer öffentlichen Selbstverleugnung im 21. Jahrhundert im Kontext internationaler Bündnisse, an denen die Bundesrepublik Deutschland beteiligt ist, nicht mehr möglich ist, wurde in dieser Woche eines Besseren belehrt. Genau das, was Arthur Koestler mit der Metapher der Sonnenfinsternis so erschütternd treffend beschrieben hatte, spielte sich ab bei dem Rücktritt des türkischen Ministerpräsidenten Ahmet Davutoglu. Davutoglu, der sich an die Vereinbarungen mit der EU soweit sie bestanden halten wollte, wurde von Erdogan zum Gehen gezwungen. In einem beispiellosen Akt der Selbstverleugnung dokumentierte Davotoglu den Prozess, der zur Sonnenfinsternis führt: Demut gegenüber dem Ziel, Akzeptanz der Demütigung, Selbstverleugnung und, als letztes Stadium, die Forderung nach Strafe.

Die Türkei des Jahre 2016 ist nicht mit der Sowjetunion der 1930iger Jahre zu vergleichen. Zwischen beiden Systemen liegen nicht nur achtzig Jahre, sondern auch Welten in der Staatsform. Die Bevölkerung der Türkei ist nicht so eingeschüchtert, als dass sie nicht mehr in der Lage wäre, sich eine eigene Meinung zu bilden. Was allerdings bedrückt und erschüttert, ist der öffentliche Akt der Entmenschlichung auf offizieller Bühne, der in dem System Erdogan möglich ist und der den Rückschluss dringend macht, mit dieser Variante der sich immer stärker etablierenden Tyrannei nicht mehr gemeinsame Sache machen zu wollen. Bitte, keine moralische Empörung mehr über Regimes, gegen die mit der NATO mobilisiert werden soll, wenn derartige Auswüchse der Menschenverachtung das offizielle Protokoll eines Bündnispartners bestimmen.

Geschichtsschreibung aus dem Think Tank

Hans Kundnani. German Power. Das Paradox der deutschen Stärke

Sowohl subjektiv als auch objektiv hat sich Deutschland seit der Reichsgründung im Jahre 1871 als politischer Akteur wahrlich mehrere Male gewandelt. Das, was von Faktoren wie Bevölkerungsgröße, geographischer Lage und ökonomischer Potenz getrieben wurde, suchte in verschiedenen historischen Phasen nach einer eigenen Identität. Die Folgen dieser Suche waren zum Teil fatal, manchmal jedoch auch vorteilhaft. Dass sich, angesichts der rasanten internationalen Entwicklung besonders der letzten zwanzig Jahre, ein Autor der Frage nach der deutschen Identität im Kontext internationaler Bündnisse und Interessen stellt, ist nicht nur folgerichtig, sondern ein notwendiges Unterfangen.

Hans Kundnani, seinerseits ehemaliger Forschungsdirektor am European Council on Foreign Relations in London und heutiger Senior Transatlantic Fellow des German Marshall Fund und somit Mitglied eines amerikanischen Think Tanks, hat sich dieser Aufgabe gestellt. Unter dem Titel „German Power. Das Paradox der deutschen Stärke“ setzt sich Kundnani mit der historischen Metamorphose deutscher Außenpolitik auseinander. Das macht er chronologisch und sachlich, indem er von den Phasen, Personen und Konzepten spricht, die nie alleine und ohne Widerspruch auch innerhalb Deutschlands dominierten oder regierten, sondern immer auch mit anderen Varianten konkurrierten. Deutschland wurde und wird wegen seiner Mittellage, seiner Größe und seiner wirtschaftlichen Macht immer in zweierlei Hinsicht aus der Perspektive anderer Länder als Führungsnation, als Hegemonialmacht, aber auch als Risiko gesehen.

Von der so genannten Realpolitik Bismarcks bis hin zum nationalsozialistischen Größenwahn Hitlers hatten alle Protagonisten mit den drei Faktoren von Größe, Potenz und Lage zu kämpfen und kamen zu unterschiedlichen Schlüssen. Die große Zäsur bildete der II. Weltkrieg und die Domestizierung Deutschlands durch seine Teilung. Die Beschreibung dessen, was dann von Adenauer über Brandt, Kohl, Schröder und Merkel folgte, war angesichts des desaströsen Ausgangs des Weltmachttraumes notwendigerweise auch abhängig von den einzelnen historischen Phasen. Rekonvaleszenz nach dem Krieg, Kalter Krieg, Entspannung, Normalisierung, Veränderung.

Soweit, so gut. Was sich bei der Beschreibung der Nachkriegsgeschichte immer mehr als Leitidee seitens des Autors in den Vordergrund drängt, ist die vor allem von dem deutschen Historiker Heinrich August Winkler formulierte These von der Notwendigkeit einer bedingungslosen Hinwendung zum Westen und die Integration in dessen Bündnissysteme als Zweck schlechthin. Darunter leidet ab Mitte des Buches die bis dahin historische Darstellung. Was dem ansonsten durchaus kritischen Autor Kundnani von da an abgeht, ist die Fähigkeit der kritischen Reflexion der sich ebenfalls geänderten und ändernden Rolle der USA als Hegemonialmacht des Westens selbst.

So werden Abweichungen der deutschen Außenpolitik wie zum Beispiel beim Nein zum Irakkrieg 2002 oder beim Nein zum Bombardement Libyens als fatale Symptome einer Abkoppelung vom Wesen bezeichnet. Nachvollziehbar wiederum ist die Kritik, dass Deutschland seit der Wiedervereinigung schwankt zwischen der Suche nach einer strategischen Position und dem Nachgeben gegenüber der Perspektive wirtschaftlicher Opportunität.

Was allerdings nicht geht und meines Erachtens an eine pathologische Ausblendung grenzt, ist die unkritische Haltung gegenüber der Außenpolitik der USA mit den zahlreichen spektakulär fehlgeschlagenen Regimewechseln, der aggressiven Durchsetzung einer NATO-Linie zwischen dem Baltikum und dem Schwarzen Meer und dem mit 10 Milliarden Dollar geförderten Putsch in der Ukraine. Analog zu Winkler beginnt auch Kundnani die Geschichte der Ukraine-Krise mit der russischen Annexion der Krim und nicht mit der schleichenden Aggression der USA gegen die Ukraine. In Bezug auf die Fragestellung des Buches ist das alles nicht mehr hilfreich, wiewohl die Lektüre lohnt, sofern man den kritischen Blick nicht verliert.