Archiv des Autors: Gerhard Mersmann

Ostenmauer – 3. Das Leben ist kein Strich

Ich weiß nicht, wie lange ich gejammert habe. Ich weiß nicht einmal, ob ich gejammert habe. Oft habe ich geklagt, ja. Über meine Kindheit. Über mein Schicksal. Über meine VerhĂ€ltnisse. Mal habe ich daraus eine Tugend gemacht, mal habe ich meine Unentschlossenheit und meine Wut damit entschuldigt. Was ich weiß, ist, dass ich irgendwann damit Schluss gemacht habe. Und zwar in dem Augenblick, als man mir Verantwortung gab. Verantwortung fĂŒr andere. Da war der morbide Selbstzweifel gebannt. Dann ging es bergauf. Daher weiß ich heute kaum noch, wie die lange Zeit vor dem Tag aussah. Ab diesem Tag, als ich das Heft in die Hand nehmen durfte, galt fĂŒr mich der Satz aus Jean Paul Sartres Werk „Das Sein und das Nichts“: „Die Existenz ist etwas zu Leistendes!“ Der Satz hat fĂŒr mich bis heute Geltung. Alles andere halte ich fĂŒr Unsinn. Das Reklamieren des bloßen Seins, das heute so sehr in Mode gekommen ist, erinnert mich an die alten Zeiten, in denen ich mehr gelitten als genossen habe. Daraus kann nichts Gutes erwachsen. Da liegt etwas im Verborgenen. Und, ehrlich gesagt, da soll es auch bleiben. Denen, die mir das Vertrauen schenkten und mir die Macht gaben, in die Verantwortung zu gehen, bleibe ich bis ans Ende meiner Tage zu Dankbarkeit verpflichtet. Egal, wie sie sich auch entwickelt haben. Das Leben ist kein Strich. Und die, die auch in schlechten Zeiten den Glauben an mich nicht verloren haben, bleiben meine Sterne am Himmel. Die Grundform allen Daseins ist die Bewegung. Amen.

Ostenmauer – 2. Der rote Zar

Oft ist nicht die Frage interessant, ob uns eine Erinnerung einholt, sondern, warum sie ausgerechnet zu einem bestimmten Zeitpunkt auftaucht. Diese Frage werde ich beantworten mĂŒssen und auch wollen, aber sie geht nur mich etwas an. Die Erinnerung selbst ist es wert, erzĂ€hlt zu werden. 

Es handelt sich um eine Frau, die in ihrer Zeit Furore machte und die viele Menschen durch ihr Tun und Handeln geprĂ€gt hat. Geboren wurde sie Ende des neunzehnten Jahrhunderts in einer kleinen Industriestadt an der Schnittstelle zwischen Ruhrgebiet und MĂŒnsterland. Sie heiratete, wie das in der Zeit und der vom Katholizismus geprĂ€gten Gegend ĂŒblich war, frĂŒh. Ihr Mann war ein Kaufmann, der sehr jung ein damals so genanntes KolonialwarengeschĂ€ft aufgemacht hatte. Dort gab es neben den westfĂ€lischen Kartoffeln und RĂŒben NĂŒsse und besondere Obstsorten. Der Mann der jungen Frau, die auf den Namen Maria hörte, gehörte zu denen, die in dem kleinen StĂ€dtchen die Sozialdemokratische Partei Deutschlands gegrĂŒndet hatten. Das war, zu Beginn des 20. Jahrhunderts in der Provinz, ein schweres Vergehen. Als dann 1914 ganz Europa von denen, die das Treiben des jungen KolonialwarenhĂ€ndlers nicht mochten, in den Krieg geritten wurde, bekam der sofort einen Stellungsbefehl. Ihm erging es nicht anders als vielen anderen, die seine Auffassung teilten. Sie steckten ihn sofort in Todeskommandos in die erste Frontreihe und nur kurze Zeit nach Kriegsbeginn bekam Maria die Nachricht, dass sie jetzt Witwe sei.

Maria ging zu diesem Zeitpunkt mit einem zweiten Kind schwanger. Eine Tochter war bereits geboren und der Sohn, der es dann wurde, sollte seinen Vater nie kennen lernen. Maria war eine starke Frau. Sie ĂŒbernahm den Kolonialwarenladen in eigener Regie, was das gesamte Umfeld in helle Panik versetzte. Eine Frau ist kein GeschĂ€ftsmann, hieß es. Sie ließ sich nicht beirren, fĂŒhrte den Laden mit eiserner Hand und behauptete sich gegen eine von MĂ€nnern dominierte Welt. Wenige Jahre nach der Geburt des zweiten Kindes, einem Sohn, heiratete sie wieder und bekam noch einmal zwei Kinder. Der Glaube, in dem sie tief ruhte, gab ihr Kraft und Vertrauen, Pfarrer, die auf sie einredeten, sie dĂŒrfe so nicht leben, schmiss sie kurzerhand auf die Straße. LegendĂ€r waren ihre Auftritte auf den Hamburger MĂ€rkten, zu denen sie fuhr, um fĂŒr ihr GeschĂ€ft die Überseeware einzukaufen. Auf diesem Pflaster des MĂ€nnermonopols schlug sie auf, feilschte wie ein alter Fuchs und kaufte sich windige Zeitgenossen. Schon bald kannten alle die Maria aus dem MĂŒnsterland, wie sie dort genannt wurde, und so manch einer war sogar enttĂ€uscht, wenn er sie nicht traf. Sie galt als Attraktion.

Als sich die Nacht ĂŒber dem ganzen Land ausbreitete, war es fĂŒr Maria keine Frage, dass sie, als die Verfolgungen zur Tagesroutine wurden, den jĂŒdischen ViehhĂ€ndler, den alle im Beinamen MĂ€nnken nannten, ĂŒber den ganzen Krieg mit Lebensmitteln belieferte, die sie selber zu dem Bauern brachte, der ihn versteckte, da sie nicht wollte, dass andere der Gefahr des Erwischtwerdens ausgesetzt wĂŒrden. Als der Krieg vorbei war und MĂ€nnken, der spĂ€ter ein bekannter und bedeutender Mann wurde, sich bei ihr bedanken wollte, antwortete sie nur „Dummes Zeug“ und beendete das GesprĂ€ch.

Maria und ihre Stadt ĂŒberlebten die Nazis wie den Krieg, wĂ€hrend dessen sie den Bergarbeiterfamilien mit Lebensmitteln half, deren MĂ€nner wegen ihrer politischen Überzeugungen von den berĂŒchtigten LKWs im Morgengrauen abgeholt worden waren. Mittlerweile war Maria eine respektable Person geworden, die auch physisch durch ihre GrĂ¶ĂŸe und ihre tiefe Stimme beeindruckte. Wegen ihrer Eigenschaften, dem Glauben an einen Gott, dem Herzen, das links schlug und der Existenz als GeschĂ€ftsfrau und wegen ihres Auftretens, das mit fortschreitendem Alter noch ein breiter Pelzkragen und ein Stock mit einem mĂ€chtigen Silberknauf krönte, wurde sie im Volksmund der rote Zar genant.

So ist sie auch mir in Erinnerung geblieben. Ich lernte sie als bereits betagte Frau kennen, die in einem Sessel saß, sich auf den mĂ€chtigen Stock stĂŒtzte und mit allen, die sie besuchten, ĂŒber Politik diskutierte. Seitdem sie die GeschĂ€fte abgegeben hatte, las sie die Zeitungen und BĂŒcher und war bestens ĂŒber alles informiert. Sie wurde zu einer politischen EnzyklopĂ€die und vertrat mit einer ungeheuren Dynamik ihre politischen Ansichten, die immer links blieben, aber stets das Dogma mieden. Im Zentrum ihres Lebens stand die Menschlichkeit, zu der sie sich gegen alle WiderstĂ€nde bekannte. Als sie merkte, dass es ans Sterben ging, rief sie nach dem Pfarrer und  beorderte die gesamte Familie an ihr Bett. Bevor sie sich die letzte Ölung geben ließ, rief sie diejenigen, die aufschluchzten, zur Ordnung und verwies auf die VergĂ€nglichkeit eines jeden. Dann forderte sie alle auf, das Lied „Maria, breit den Mantel aus“ zu singen. Danach empfing sie den Segen und starb. Der rote Zar war tot. Der rote Zar war eine Frau. 

Ein Wunsch fĂŒr das Neue Jahr: Montaigne und die Grundrechenarten

Der Zuspruch, den man erhĂ€lt, wenn bei NeujahrsgrĂŒĂŸen der Wunsch formuliert wird, dass man sich vorgenommen hat, sich emotional mehr zurĂŒcknehmen zu wollen, wenn es um den politischen Diskurs geht, ist groß. Und es ist kein Geheimnis, dass alle, die sich in die Erregungsspirale begeben haben, sehr schnell von dem unwĂŒrdigen Spiel erschöpft sind. Reden wir hier nicht von Schuld. Das macht keinen Sinn, denn die Suche danach ist bereits Treibstoff fĂŒr die erbĂ€rmliche QualitĂ€t, in die wir uns immer wieder hinein weben, wenn es um die Sache der Allgemeinheit geht. Schuld, Feindbilder, die Taten oder die Dummheit anderer entstammen einer Vorstellung, die mit den kausalen ZusammenhĂ€ngen auf Kriegsfuß steht. Denn nichts, was geschieht, kommt ohne uns zustande. Das kluge Wort, das dem französischen Skeptiker, Philosophen und Essayisten Michel de Montaigne zugeschrieben wird, dass nĂ€mlich jedes Individuum fĂŒr das verantwortlich ist, was es tut und auch fĂŒr das, was es unterlĂ€sst, kann, einmal beherzigt, einen Korridor Richtung Befriedung und Versachlichung öffnen.

GrundsĂ€tzliche Voraussetzung fĂŒr ein Ende, oder zumindest ein EindĂ€mmen des lauten, von GefĂŒhlsregungen getriebenen Geschreis ist der Wille, dieses auch zu tun. Eine besondere Verantwortung kommt dabei denen zu, die als Regisseure und Chronisten des Geschehens gelten. Aber, das sollte allen klar sein: sie allein werden es nicht bewerkstelligen können, wenn der emotionale Klamauk immer wieder Erfolge zeitigt. Wenn das Gejohle die Suche nach Ursachen fĂŒr Probleme verhindert, wenn das eigene Tun oder Nicht-Tun in keinen Zusammenhang zu den Taten anderer gestellt wird und wenn die Zuspruch erhalten, die sich am beschĂ€mendsten benehmen.

Die ReziprozitĂ€t von eigenem Handeln und den Taten anderer setzt etwas voraus, das der Volksmund, den es trotz aller verbalen Bombenangriffe immer noch gibt, mit den Bildern ĂŒber die Grundrechenarten beschreibt. Man muss schon in der Lage sein, heißt es dort, 1 und 1 zusammenzĂ€hlen zu können, oder in Ă€hnlichem Kontext, man sollte schon bis 3 zĂ€hlen können. Es wĂ€re schön, wenn es gelĂ€nge, diese Betrachtung in den Diskurs um das eigene Tun und das der anderen mit einzubeziehen. 

Als didaktischer Wink seien Beispiele erlaubt, die es verdeutlichen. Wenn man eigene Kriegsschiffe vor die KĂŒsten anderer, entfernter LĂ€nder schickt, sollte es keine Überraschung sein, dass in den lokalen Meeren Schiffe aus eben diesen Regionen auftauchen. Wenn man sich seinerseits aktiv und massiv in WahlkĂ€mpfe anderer LĂ€nder einmischt und dabei Partei ergreift, darf man sich nicht wundern, dass so etwas plötzlich im eigenen Wahlkampf von außen ebenso passiert. Wenn man DrohneneinsĂ€tze, bei denen regelmĂ€ĂŸig Zivilisten in anderen LĂ€ndern umgebracht werden, vom eigenen Territorium aus duldet, sollte man nicht entsetzt sein, wenn der Terror im eigenen Land ebensolche Formen annimmt. Wer selbst mit Schutzzöllen und Subventionen in erheblichem Ausmaß agiert, darf sich nicht beklagen, wenn die globalen Counterparts Ă€hnlichen Ideen verfallen. Und wer es zulĂ€sst, dass man systematisch und regelmĂ€ĂŸig andere LĂ€nder anklagt, sollte nicht ĂŒberrascht sein, dass Produkte aus dem eigenen Land dort keinen Markt mehr finden. Wer Respekt einfordert, sollte ihn auch zollen.

Die Liste ließe sich fortschreiben, sie findet kein Ende. Wenn wir wirklich aus der Spirale der Verhetzung herauswollen, sollten wir mit Montaigne beginnen: Jeder ist verantwortlich fĂŒr das, was er tut und fĂŒr das, was er unterlĂ€sst.