Archiv des Autors: Gerhard Mersmann

Ist der Ruf erst ruiniert

Die Erosion alter Machtkonstellationen kann schwerlich einer Regierung zugeschrieben werden. Das wäre zu eindimensional. Dass allerdings vieles, das Grund zur Sorge bereitet, nicht ohne Beteiligung der eigenen Regierung zustande gekommen ist, sollte genauso deutlich sein. Jüngst veröffentlichte der ehemalige griechische Finanzminister und Ökonom Varoufakis ein zweites Buch, das nur empfohlen werden kann. Sein erstes, der globale Minotaurus, sezierte die Rolle der USA als Regisseur der Weltwirtschaft mit einer Schärfe, die in die Augen stach. Varoufakis selbst wurde angesichts der politischen Interessenlage hierzulande längst als windiger Geselle diffamiert. Seine Analyse selbst ist das Beste, was momentan aus der Feder von Ökonomen gefunden werden kann. Aber solange hier das Narrativ gepflegt wird, dass das, was als Griechenlandkrise in den Sprachgebrauch einging, dort hausgemacht und nichts mit europäischen und deutschen Banken zu tun gehabt hätte, deutet auf den Erfolg aggressiver Propaganda.

Nun, in seinem zweiten Buch, Die ganze Geschichte: Meine Auseinandersetzung mit Europas Establishment, macht er deutlich, wie der vor allem von Deutschland lancierte Finanzliberalismus den europäischen Gedanken pervertiert hat. Die Lügen, die Schäuble und Merkel gegenüber den deutschen Steuerzahlern hinsichtlich der so genannten Rettungspakete aufgetischt haben, trugen dazu bei, dass diese Regierung innerhalb Europa sämtliches Vertrauen verspielt haben. Nur in Deutschland hält sich noch das Gerücht, das mit Griechenland in Zusammenhang gebrachte Desaster lasse sich exklusiv auf dortige Korruption und veraltete Strukturen zurückführen. Der Wirtschaftsliberalismus, der den Banken das große Tor der Spekulation wies und vielen Ländern die Demontage staatlicher Strukturen als ultima Ratio übrig ließ, ist die Ursache für einen in der Nachkriegsgeschichte unvergleichbaren Verlust von Legitimität.

Eine weitere, ebenso auf Fake News par excellence basierende Geschichte war die mit der Beteiligung am Sturz einer gewählten Regierung in der Ukraine, die dazu gedrängt werden sollte, ein Junktim von EU- und NATO-Mitgliedschaft zu unterschreiben. Als sich diese schließlich weigerte, wurden kriminelle, rechtsradikale und oligarchische Allianzen unterstützt, um diesem Ziel näher zu kommen. Das Kalkül, Russland mit der endgültigen Wegnahme der Krim strategisch langfristig schwächen zu können, mißriet gravierend, entsprechend groß war das Geschrei, das hinterher durch die Osthöfe Europas hallte, aber es half nichts. Was allerdings gelungen war, war die Wiederherstellung von Frontlinien des Kalten Krieges, die seitdem mit großem Einsatz weiter gepflegt werden. Auch dort läuft eine Propagandamaschine, die nur mit den Maßstäben totalitärer Regimes beurteilt werden kann.

Wer in Wirtschaft wie Geopolitik derartig desaströs vorgeht, dem bleibt nicht mehr viel. Dementsprechend ist es nahezu putzig, worüber sich die Verhandlungsführer der unter dem karnevalesken Namen Jamaika-Koalition versuchen zu einigen. Merkel und ihr notorischer Schildknappe Schäuble haben in internationalem Kontext derartig den Ruf ruiniert, dass man sagen könnte, da könne eine FDP, die wie der Phönix aus der Asche einer kaum zurück liegenden Sonnenfinsternis wie der von Ministern wie Westerwelle und Niebel auch nicht mehr Großes zerstören. Da mögen die Nachfolger auch noch so forsch und dreist auftreten, ihre historische Hypothek ist immens. Nur die Grünen könnten in ihrer triebtäterhaften Moralisierung der Politik hinsichtlich des Weltfriedens noch schlimmeres anrichten.

Ist der Ruf erst ruiniert, lebt sich völlig ungeniert, heißt es im Volksmund. Die Jamaika-Emissäre machen deutlich, wie tief die Wahrheiten liegen, die immer noch oral tradiert werden. Dass es hierzulande kein Korrektiv zu geben scheint, das sich aus dem rekrutiert, was einst als Vierte Gewalt bezeichnet wurde, macht die Aussichten nicht besser.

Massenpsychosen

Die Zeiten, in denen Massenpsychosen außergewöhnliche Zustände der Gesellschaft beschrieben, scheinen lange vorbei zu sein. Zeiten, in denen ein einziges Phänomen ausreichte, um eine längere gesellschaftliche Periode zu erklären, wie zum Beispiel die von dem umstrittenen Psychologen Wilhelm Reich durchaus zutreffend nachgezeichneten Phänomene der Massenpsychologie des Faschismus, die wirkten, bis sie im Untergang ihren Höhepunkt fanden.

Heute scheint es, als sei die Massenpsychose die große Überschrift über einen nicht abreißenden Zustand mit kurzen, immer kürzer werdenden Zuckungen. Gleich dem großen Bewegungsverlauf der nicht auszuhaltenden Beschleunigung jagt eine Psychose die andere. Dass da keine Zeit mehr bleibt, zu analysieren, was da eigentlich vor sich geht, versteht sich nahezu von selbst.

Man muss sich nur die einzelnen Episoden aneinanderreihen, um ein Bild davon zu bekommen, wie es um das Seelenleben der Gesellschaft bestellt ist. Noch vor der Jahrtausendwende dauerte das alles etwas länger, da hielten bestimmte Begriffe die Gesellschaft wenigstens einige Jahre in Atem, auch wenn die Hysterie genauso intensiv war. Da waren noch Fanale wie Tschernobyl, Lüchow-Dannenberg, der Borkenkäfer oder das Rauchen. Da konnten sich auch politische Kampagnen formieren, die wenigstens zu einem Diskurs führten und Schlussfolgerungen hervorbrachten, die zumindest ein Pro und Kontra im Denken zuließen. Aber spätestens mit Anbruch des 21. Jahrhunderts wurden die Gravitationskräfte außer Kraft gesetzt.

Dann kam PISA und das völlige Aus für die Zukunft. Vielleicht war das auch die Zäsur, weil mit der Überforderung der Gesellschaft, eine vernünftige Analyse einer erodierenden Bildung zustande zu bringen, genau die Voraussetzungen schuf, die notwendig gewesen wären, um der Hysterie die notwendigen Grenzen zu setzen. Seitdem gibt es aber kein Halten mehr. Der ganze Kanon dessen, was allgemein als Political Correctness beschrieben werden kann und dessen Autoren wie durch Zufall bis heute unbekannt blieben, wurde durchgehechelt. Missbrauchsfälle in alle Richtungen, sexueller, politischer, gesundheitlicher Art, in Bezug auf die Umwelt und die Moral, stattgefunden in der eigenen Gesellschaft oder in anderen Ländern dieser Erde, sie halten die Gesellschaft immer wieder in Atem, ohne dass es gelänge, zu fragen, ob der Kanon überhaupt sinnvoll ist oder, wenn ja, woran es liegt, dass plötzlich zu Bewusstsein kommt, dass irgend etwas nicht funktioniert, dass massenweise etwas geschieht, das eigentlich niemand will und dass so etwas überhaupt passieren konnte, ohne dass irgendwann die Anfänge irgend jemandem aufgefallen wären.

Es bietet sich an, die Erklärung dort zu suchen, wo das Leben im Alltag, im Profanen, nicht dem entspricht, was angeblich als politische Kultur für alle vorausgesetzt wird. Denn lange schon lebt ein Großteil der Gesellschaft nach den Maximen, die, vorsichtig ausgedrückt, als ziemlich utilitaristisch, wenn nicht egoistisch bezeichnet werden müssen. Da wird dann plötzlich, bei einer Abweichung von der irrtümlich angenommenen Allgemeingültigkeit deutlich, dass massenhaft etwas anderes geschieht. Und dann beginnt ein Reinigungsprozess, der sehr große Analogien zu den großen Prozessen der Heiligen Inquisition aufweisen. Das wird dann jedesmal heftig, dann müssen viele mit gesellschaftlicher Ächtung für etwas bezahlen, was von der Gesellschaft selbst bis zum Zeitpunkt der großen Eruption durchaus gebilligt worden ist.

Vieles spricht dafür, dass die Massenpsychose eine sich selbst stimulierende und regulierende Erscheinung ist, die aus dem Nicht-Vorhandensein eines gesellschaftlichen Konsenses resultiert.