Archiv des Autors: Gerhard Mersmann

Besinnt Euch!

Der in diesen Tagen vielfach geäußerte Wunsch nach besinnlichen Tagen reicht nicht aus. Es ist dringend erforderlich, ihn in einen Imperativ zu verwandeln. Angesichts der Entwicklungen und der Lage in der Welt muss das Diktum lauten: Besinnt euch! Und es wäre vermessen, diese Aufforderung in die ganze Welt hinaus zu blasen. Das wurde in der Vergangenheit und wird in der Gegenwart zu oft gemacht. Aus deutschen Lautsprechern, die nur eines dokumentieren. Hierzulande herrscht schon wieder der deutsche Sonderweg, der vor allem aus einem besteht, nämlich aus der Anmaßung. Der Anmaßung, alles besser zu wissen, im Besitz der alles erklärenden Weisheit zu sein und vor allem die Werte zu präsentieren, nach denen sich die ganze Welt richten soll. Das, was aus dieser Anmaßung in der Regel resultiert, ist den meisten nicht mehr so richtig bewusst. Es endet in Verwerfungen und einem Debakel. Bescheidenheit wäre angebracht. Vor allem vor dem eigenen historischen Hintergrund. Aber das setzte voraus, dass gelernt worden wäre aus der eigenen Vermessenheit. Aber davon reden wir nicht mehr. Das einzige, was sich gehalten hat, ist die Verblendung.

Besinnt Euch! Schleicht nicht in ein mehrere Tage dauerndes Refugium, in dem ihr simuliert, die Welt und das eigene Handeln mit ein wenig Kritik und Demut zu betrachten. Stattdessen wird an den prall gedeckten Tischen über die Unzulänglichkeit vom Rest der Welt räsoniert werden: über die uneinsichtigen Amerikaner, die aggressiven Russen, die faulen Griechen, die unsteten Italiener und die irren Nordkoreaner, die renitenten Polen und die egoistischen Ungarn, die blutrünstigen Serben, die wahnsinnigen Araber. Wären da nicht, so die unausgesprochene Vermessenheit, die klugen, weitsichtigen Deutschen, dann wäre es schlimm um die Welt bestellt. Ja, wenn das so ist, dann sind wir doch die Auserwählten. Wir, die wir keine Schulden mehr machen, wir die wir für die Umwelt sorgen, wir, die wir so viel für die freie Entfaltung des Individuums tun, wir, die wir den Schleppern das Handwerk legen und immer den Frieden im Auge haben.

Merkt ihr etwas? Fällt euch noch auf, dass da auch andere Seiten in unserem Land beheimatet sind? Dass von hier aus Waffen in alle Welt geliefert werden, dass hier immer mehr Kinder und Alte in Armut leben, dass wir andere in Schuldknechtschaft treiben, dass wir das Feuer des Krieges schüren, dass wir mit unserem Lebensstil auch im Verbrauch der natürlichen Ressourcen Weltspitze sind, dass wir Innovationen verhindern, die vielen anderen zugute kommen könnten und dass es uns immer wieder gefällt, andere dadurch zu beleidigen, dass wir sie belehren? Dass wir ihnen erklären, wie unzulänglich sie sind, wie dumm, wie rückständig?

Merkt ihr nicht, dass wir Bestandteil der Kriege und der Ungerechtigkeit in dieser Welt sind? Dass wir dabei sind, immer mehr Länder gegen uns aufzubringen, weil wir auf der Kanzel stehen und der Welt erklären, wie sie zu funktionieren hat? Ja, es gibt Alternativen, auch wenn man in bestimmten Kreisen denkt, das sei nicht so. Um zu dieser Erkenntnis zu kommen bedarf es des Bewusstseins, dass wir selber nicht frei von Fehlern sind und das andere ihre Probleme sehr wohl lösen können. Dass sie das oft sogar so tun, dass wir davon lernen könnten. Seid endlich nicht mehr die Sklaven euerer eigenen Vermessenheit! Besinnt euch!

Die katalanische Episode

„Katalanische Wähler strafen Spaniens Zentralregierung ab“. Unter diesem Tenor wird über die gestrigen Wahlen in Katalonien berichtet und damit dokumentiert, dass der seröse Journalismus keine Chance mehr hat. In den Texten liest sich das dann, sofern überhaupt, doch ein wenig anders. Dann kommt heraus, dass die für eine Abtrennung von Spanien eintretenden Fraktionen im Parlament zwar noch über eine absolute Mehrheit von 70 Sitzen (zwei weniger als bei der letzten Wahl) von 135 Mandaten besitzen, sich aber einiges verändert hat. Richtig ist, dass die Partei Rajoys kräftig gestutzt wurde, richtig ist aber auch, dass die strikt für den Verbleib in Spanien eintretende liberale Bürgerpartei mit der Spitzenkandidatin Ines Arrimadas mit 37 Sitzen stärkste Fraktion wurde. Zudem kommt heraus, dass in absoluten Zahlen 52 % der abgegebenen Stimmen sich gegen eine Trennung von Spanien aussprachen, dass jedoch gezielte Wahlreformen der Separatisten in den letzten Jahren dazu führten, dass die ländlichen, die Abtrennung befürwortenden Gegenden, stärker bewertet werden als die Städte und die Metropole Barcelona, wo eine Mehrheit für den Verbleib bei Spanien ist.

Dass der Putschist Carles Puigdemont von einer schallenden Ohrfeige für Spanien spricht, ist keine Überraschung. Er lässt sich mittlerweile wie der viel geliebte Sohn in der Fremde von den Seinen feiern, die mit großer Bewegung von seinem Exil in Brüssel sprechen. Das steht in krassem Widerspruch zu dem, was die Wahlen tatsächlich zutage gefördert haben. Das, was als Provinz Katalonien bezeichnet werden muss, ist eine zutiefst zerrissene Region, die in nächster Zeit nicht zur Ruhe wird kommen können.

Da ist die ländliche Bevölkerung auf der einen Seite, die zwischen EU-Subventionen für ihre Produkte wie einer tiefen Sehnsucht nach Protektionismus schwankt, sich aber aus traditionellen Gründen der Separierung verschrieben hat und auf der anderen Seite steht eine ihrerseits tief gespaltene Klassengesellschaft in den Städten. Dort existiert auf der einen Seite die Zäsur zwischen Bourgeoisie und Proletariat wie in den goldenen Zeiten des europäischen Klassenkampfes. Das Proletariat ist in starkem Maße andalusisch und pro-Spanisch. Und es existiert ab einer bestimmten Betriebsgröße eine global operierende Bourgeoisie, die den Folklorismus, den sie anfänglich belächelte, mittlerweile als Störung ihrer Wirtschaftsinteressen begreift.

Was bleibt, ist die lokale Bourgeoisie, die für ein eigenständiges Katalonien eintritt, umsäumt von denjenigen, die Opfer und Zeugen einer ignoranten spanischen Zentralregierung und ihrer Taten geworden sind. Da ist guter Rat teuer und es drängt sich eine Formulierung auf, die der Sache nicht ganz gerecht wird, die aber dennoch nicht von der Hand zu weisen ist: Außer Spesen nichts gewesen.

Politisch hat der Regionalismus durch die katalanische Episode wieder etwas Aufmerksamkeit bekommen, eine Perspektive ist daraus nicht entstanden. Die Flucht in den eigenen, regionalen Mikrokosmos, um den Problemen in den größeren, internationalen Zusammenhängen zu entgehen, hat sich als glücklos erwiesen. Die Hypothek, an der die Region sich wird abarbeiten müssen, ist höher als es alle Beteiligten verdient haben. Es wird Jahre dauern, bis sich die Lage normalisiert hat.

Embonpoint

Oskar Maria Graf. Unruhe um einen Friedfertigen

In seinem großen, heute nicht mehr bekannten Roman „Unruhe um einen Friedfertigen“ schildert Oskar Maria Graf das Leben eines kleinen Schusters, das nicht gut ausgeht. Einmal abgesehen von der Geschichte dieses Mannes, den es nach den Judenpogromen von Odessa kurz vor dem Ausbruch des I. Weltkrieges in die bayrische Provinz getrieben hatte und der dort lange Zeit ohne seine persönliche Geschichte, die er wissentlich verschwieg, unbehelligt hatte leben können, bis die erstarkenden Nazis durch einen Zufall die Idee davon bekamen, dass es sich um einen Juden handeln könne, ist die Weltsicht dieses kleinen, unscheinbaren Mannes von durchaus großem Stellenwert.

Alles, was von „0ben“ kommt, ist ihm suspekt und er bezeichnet es als „A bopa“. Das, was als eine eher infantile Chiffre wirkt, ist in Wirklichkeit die Lautschrift vom französischen Ausdruck „Embonpoint“. Zum einen könnte man es als auf den guten Punkt gebracht übersetzen, im Sprachgebrauch des sprachlichen Mutterlandes wie im Deutschland der damaligen Zeit stand es jedoch auch, ironisch, für den Wohl beleibten Amtsträger. Der Dorfpolizist mit der Wampe war damit genauso gemeint wie die gut im Futter stehende Staatsmacht. Noch bevor die Welt durch vermeintliche Schönheitsideale wie den Schlankheitswahn kontaminiert war, galt das Übergewicht auch als ein Zeichen von Macht und Willkür. Das, was der kleine Schuster als „A bopa“ bezeichnete, war also der Staat.

Die wechselvolle Geschichte der Weimarer Republik war voll von Episoden einer Politik, die sehr auf die Autorität des Staates setzte und selten darum bemüht war, seine Handlungen der Bürgerschaft zu erklären. Das gab es immer wieder und ist keine Besonderheit der Weimarer Republik. Dort trug diese Haltung unter den konkreten Bedingungen jedoch dazu bei, dass dieser Staat nicht lange Bestand hatte und in der schlimmsten Diktatur der Neuzeit endete.

Der Schuster Julius Kraus meinte mit A bopa alles, „was einem das Leben verbittern kann…Mit einem Wort, die ganzen Widerwärtigkeiten vom Staat, von den Ämtern, vom Gericht und der Polizei.“ Für ihn ist es folgerichtig, dass das Leben nur dann einen geregelten, friedlichen Lauf nehmen kann, wenn von diesem A bopa nichts zu spüren ist. Es handelt sich dabei um eine provinziell-anarchistische Attitüde, die davon ausging, dass „Politik irgend etwas war, was sich weit weg in den Städten abspielte und weiter keine Bedeutung hatte“, um dann, wie von Teufels Hand, „gewissermaßen leibhaftig“ auch zu den Menschen aufs Land kam.

Die Aktualität dieses Romans besteht in der strukturellen Wiederherstellung eines Phänomens, das als längst überwunden galt. Trotz der infrastrukturellen Anbindung des Landes an das urbane Leben, trotz der massenhaften Migration in die Städte und trotz der flächendeckenden Versorgung mit Information hat sich eine Trennung von Stadt und Land wieder hergestellt. Die politische Dimension dieses Sachverhaltes ist brisant. Denn wieder haben sich Regierungen etabliert, die es nicht mehr für nötig halten oder nicht in der Lage sind, ihre Entscheidungen vernünftig zu erklären. Und wieder erscheint die Staatsmacht als etwas Fremdes in den entlegenen Gebieten „gewissermaßen leibhaftig“ mit Ansprüchen und Forderungen, die den dort Lebenden nicht schlüssig sind. Und wieder sieht sich die Politik nicht genötigt, die Veränderungen in den Lebensverhältnissen zu erklären.

Manchmal ist es hilfreich, sich zurück zu lehnen und in den Werken anderer Epochen nach Erkenntnissen zu suchen, die das Gegenwärtige aufhellen. Unruhe um einen Friedfertigen von Oskar Maria Graf ist eine solche Übung. Mit großem Gewinn!