Archiv des Autors: Gerhard Mersmann

In eigener Sache

M 7 existiert bereits seit fünf Jahren. Eine Zeit, die Spuren hinterlassen hat, die voller Veränderungen war. Ich selbst habe schon immer gerne die Möglichkeit genutzt, um Dinge, die mich interessieren und bewegen, aufzuschreiben. Es ist ein Prozess, der etwas zu tun hat mit Klärung und Vergewisserung. Und es ist ein Prozess, der gespeist wird von dem Willen, nicht alles so hinzunehmen, wie es daher kommt. Für mich selbst als Individuum ist das sehr viel, für die Leserinnen und Leser hier aber auch nicht mehr. Mir ist bewusst, dass ich auch beim Verfassen der Texte Täuschungen, Fehleinschätzungen und manchen Wünschen erliege. Das ist aus meiner Sicht nicht nur normal, sondern auch legitim.

Die Texte entstehen in der täglichen Routine. Mal kommt mir ein Gedanke morgens auf dem Fahrrad auf dem Weg zur Arbeit, mal höre ich die Nachrichten oder ein anderes Mal unterhalte ich mich mit einem Freund oder eine Kollegin erzählt mir eine Geschichte. Es ist alles da, und wenn das Ohr darauf eingestellt ist, kann ich solche Anlässe jeden Tag hören. Und dann folge ich der Maxime Walter Benjamins, ich setzte mich an die Tastatur und beginne mit dem ersten Satz, den ich im Kopf habe und dann geht es weiter, aus dem Lamäng der tief liegenden Psyche webt sich ein Text bis er seine 528 Zeichen erreicht hat, die das normative Maß für mich sind. Das geht relativ schnell und hindert mich nicht, einer aufregenden, aber geregelten Arbeit nachzugehen und mich so zu verhalten, wie die meisten: als ein fehlbares Individuum in einer komplexen Gesellschaft.

Umso mehr freut es mich, dass eine gewisse Anzahl an Menschen regelmäßig auf M 7 dieser Übung folgen und das formulieren, was sie gut finden, das, was sie stört oder mich darauf hinweisen, wenn ich ihrer Meinung nach falsch liege. Das sind für mich sehr wichtige Hinweise, die ich mir sehr zu Herzen nehme, obgleich ich nur in seltenen Fällen darauf antworte, weil ich schlicht diese Zeit nicht habe. Aber wertvoll, sehr wertvoll sind diese Kommentare.

Ich betrachte es als einen Erfolg von M 7, dass es bei aller Brisanz gewisser Themen bis auf wenige Ausnahmen nicht dazu gekommen ist, in diesem Kontext Hass auszuleben, beteiligte Personen zu verunglimpfen oder Angst zu verbreiten. Wie gesagt, sehr selten, aber als sich so etwas anbahnte, musste ich intervenieren und auch einmal jemanden ausschließen. Doch angesichts der heißen Debatten in einer orientierungslos wirkenden Welt haben sich die Interakteure dieses Blogs als sehr weitsichtige, vernünftige und zivilisierte Wesen entpuppt. Das gab und gibt mir Mut. Und so wird M 7 weiter seinen Senf zu den Zeiterscheinungen geben, mal richtig und mal falsch liegen, aber aufrechten Ganges.

Liebe Leserinnen und Leser, ich wünschen Ihnen und Euch allen ein gutes Jahr, das uns alle inspirieren soll!

Das ritualisierte Fazit und eine strenge Übung

Es lässt sich nicht vermeiden. Zu jedem Jahresende kommen die Rückblicke. Wenn sie nicht im Privaten oder in der Firma stattfinden, wo diese Übung sicherlich in vielerlei Hinsicht Sinn erzeugt und zu einem Dialog über den Sinn und die Ziele überhaupt anregt, so sind die medial groß aufgemachten Resümees oft eine Katastrophe par excellence. Da werden alle Show- und Talkmaster, derer man habhaft wird, eingespannt, um eine emotionale Mischung aus Freude, Anerkennung, Bestürzung und strunzender Sentimentalität zu erzeugen. Da werden dann Helden gefeiert, die zumeist keine sind, Opfer betrauert, die diesen Status auch nicht verdienen und letztendlich das politische Bild, das man dem Mob gerne vorschreiben möchte, wird auch noch transportiert. Schlimmer geht es nicht, es sei denn, man wartet auf die Ausgabe des nächsten Jahres.

Der Blick zurück kann eine wunderbare Übung sein, um die Konsistenz des eigenen Willens und die Zuverlässigkeit des eigenen Bewusstseins zu überprüfen. Waren Ziele formuliert? Mussten die Ziele korrigiert werden? Warum? Lag es an den Rahmenbedingungen? Ober an der eigenen Unzulänglichkeit? Waren manche Ziele aus einer Täuschung formuliert worden? Wie war die Resonanz der Umwelt auf das eigene Agieren? Wo gab es Zustimmung, wo Kritik? Welche Lernprozesse waren die wichtigsten? Was war als wichtig erachtet worden und stellte sich als banal heraus? Was schien anfangs banal und bekam einen gravierenden Stellenwert? Wo will ich mich als Individuum verbessern? Und wo will ich mir als Individuum mehr Freiheiten zubilligen? Natürlich muss man das alles nicht fragen und beantworten, aber es ist eine spannende Übung. Und jeder, der sich auf sie einlässt, wird davon profitieren.

Nun stelle man sich vor, der Kanon dieser Fragen spielte bei den großen Rückblicken, die unser gesellschaftliches Sein betreffen, eine Rolle! Da würde nicht permanent von Schicksal gesprochen oder eitel mit der Bekanntschaft zu scheinbar wichtigen Verstorbenen jongliert, sondern wirklich einmal kritisch überprüft, was da in einem Jahr passiert ist.

Und das Debakel finge bereits mit der ersten Frage an, ob Ziele formuliert waren. Eine Gesellschaft und das aus ihr heraus agierende politische System, das sich vehement gegen eine Debatte um die Konturen der Zukunft stellt, formuliert keine Ziele. Die gegenwärtige Regierung steht gar für die Formulierung „wir fahren auf Sicht.“ Und dann befinden wir uns bereits in der Logik, die immer größere Dissonanzen und Verwerfungen hervorruft. Denn wer keine Ziele formuliert, der braucht sie auch nicht auf dem Weg korrigieren. Und dann sind die Rahmenbedingungen eben so, wie sie sind. Und nicht formulierte Ziele können auch keiner Täuschung entspringen. Und wie die Umwelt reagiert, das ist mittlerweile eine beliebte Übung in der Nomenklatura, das ist eine Frage der Unzulänglichkeit der Umwelt. Denn wer nicht einsieht, dass es Alternativen zu jedem Handlungsplan gibt, der öffnet sich auch keiner Kritik.

Der Kanon von Fragen, die sich mit einem selbstkritischen Rückblick befassen, findet in der Bewertung der gesellschaftlichen Handlungen keine Anwendung. Und es sei bemerkt, dass das kein Muster ist, wo hier die guten Bürger und dort die böse Politik spielt. Es existiert eine tiefe Spaltung zwischen den Mikrokosmen und dem Makrokosmos Politik, die alle Beteiligten zu verantworten haben. Und das bittere Fazit, das in Bezug auf den Makrokosmos Politik gezogen werden muss, ist, dass weder zweck- noch wertneutrales Handeln in großem Maßstab zu identifizieren ist.

Ich gehe gleich auf einen langen Spaziergang und unterziehe mich der Prüfung. Je strenger die Übung, desto befreiender die Wirkung!

Im Prinzip: Hoffnung

Mein Gott, so würde man wohl heute sagen, wie viele Jahre hat er sich abgemüht, um alleine aufzulisten, welche Arten von Hoffnungsgebäuden den Weg der Menschheit gesäumt haben? Und dann hatte er noch nicht einmal damit angefangen, das alles zu bewerten und dem selbst etwas entgegenzusetzen, was er erwiesenermaßen vorhatte. Nein, dieser Bloch muss ein Triebtäter gewesen sein. All die Recherchen und Forschungen, unter den schwierigen Bedingungen des Exils, in einer Rattenkammer in New York und dann, hinterher, er hatte sich ja für die Fakultät der Guten Hoffnung in Leipzig entschieden. Da war das auch kein Zuckerschlecken, bis er rüber gemacht hat und mit seiner Philosophie im schwäbischen Tübingen strandete. Mein Gott, wie verrückt muss der Mann gewesen sein?

Ernst Bloch unterschied von der heutigen Betrachtungsweise tatsächlich einiges: Er sah sich in der Verantwortung, mit den Studien zur Philosophie zu etwas anderem zu kommen, als die Großmachtphantasien des Nationalsozialismus es ausgerufen und dann ausgeführt hatte. Er wusste, dass die Gesellschaften vor der aktuellen sich auch immer dadurch ausgezeichnet hatten, dass sie einem Zukunftsentwurf anhingen, den es zu verfolgen galt. Das Ausrufen des 1000jährigen Reiches und die Aktivierung seiner Folterkammern hatten die Utopien seiner Zeit zumindest in seiner Heimat liquidiert. Also ging er ins Exil, führte Buch über die Zukunftsprogramme der Menschheit und kam schließlich, als die Trümmer des vermeintlich ewigen Reiches bereits nur noch als Ruinen glimmten, zu seinen Schlüssen.

Ernst Bloch wurde zum Visionär, indem er versuchte, die Visionen von Zukunft vom Kopf auf die Füße zu stellen. Um mit dem ihm alles andere als fremden Marx zu reden, betrachtete er den Doppelcharakter einer jeden Zukunftsvision, ihren sedierenden wie ihren protestativen Charakter. Letzterer bleib sein Elixier. Was bargen die bisherigen Utopien an Potenzial, um das gesellschaftliche wie das individuelle Sein zu verbessern? Und was fehlte, wo war ein wichtiger Schlüssel, der der Utopie das ewige Stigma der Droge nahm? Bloch wurde fündig in ihrer DNA. Dass für einen kurzen Moment die konkrete Vision ganz zu Anfang steht, aber eben als Vision, nicht als Faktum.

Es wurde nach der heutigen Sicht gefragt, die frei zu sein scheint von Utopien, die eine große Attraktivität ausstrahlen. Das ist, um eine Analogie zu Blochs Lebenszeit zu ziehen, ein äußerst schlechtes Zeichen. Dort herrschte, abgesehen von Sektenexistenzen, zunächst der große Nihilismus und dann kamen der Rassismus und die Großmachtideologie. Besehen wir uns die gegenwärtigen Tendenzen in unseren, d.h. den westlichen Gesellschaften und vor allem der in Deutschland, dann ist, neben den sektenähnlichen Tendenzen, wieder der große Nihilismus unterwegs und die ersten kräftigen Triebe einer wiedererstarkten Großmachtideologie. Nur heute stützt sie sich nicht auf Rassebefunde, sondern auf ethisch-moralische Überlegenheit.

Ein Indiz für die Gefährlichkeit der Lage ist die Tatsache, dass jeder Versuch, über die Zukunft zu streiten, mit der Verdächtigung der Unzurechnungsfähigkeit zunichte gemacht wird. Wer über die Zukunft und eine Hoffnung räsoniert, der hat nicht alle beisammen.

Visionäre mit analytischem Verstand und einer fundierten Bildung, wie Ernst Bloch einer war, finden sich nicht im Brei der schnellen Vergänglichkeit. Daher ist es wichtig, seine Werke noch einmal zu lesen und zum Thema zu machen. Heißt es nicht, die Hoffnung stürbe zuletzt?