Archiv des Autors: Gerhard Mersmann

Gedanken zum Élysée-Vertrag

Als sich vor 55 Jahren die Herren De Gaulle und Adenauer zum Bruderkuss in die Arme fielen, hatte etwas ein Ende, das zu so einem perversen Ausdruck wie Erbfeindschaft gereift war. Der Nationalismus in beiden Ländern hatte nie daran gezweifelt, in einem Feindbild von dem jeweils anderen eine vorzügliche Begründung für Militarismus und Krieg zu haben. Die Bilder von den Boches, also den Deutschen, in Frankreich waren ebenso wenig schmeichelhaft wie die von den Franzosen, die im Alltagsjargon hierzulande bis hin zu verbreiteten Geschlechtskrankheiten die Verantwortung trugen. Gestern wurde sowohl in Paris als auch in Berlin an den Aussöhnungsvertrag erinnert. Dabei dominierte das Wohlwollen, garstige Nebengeräusche von neuen Nationalismen blieben nicht aus. Um das deutsch-französische Verhältnis zu retten und sich seiner guten Zeiten zu erinnern, sind jedoch die Fehler zu vermeiden, die gestern Befürworter wie Gegner eines guten deutsch-französischen Verhältnisses gleichermaßen machten.

Das Verhältnis benachbarter Völker hängt von den jeweiligen Interessen beider ab, von den Stärken und Schwächen und der jeweils inneren Ausrichtung in Bezug auf die äußere Politik. Frankreich war historisch lange, bevor es ein Deutschland gab, bereits eine Nation, die im internationalen Spiel der Kräfte eine gewichtige Rolle spielte. Als Mutterland der bürgerlichen Revolution und eines aus dem Napoleonismus erneuerten und erwachsenen Kolonialreiches erschien es dem mit wuchtigem Industrialismus auftrumpfenden Preußen als Vorläufer einer späten deutschen Nation als natürlicher Gegner. Die Geschichte ist bekannt. Beide Nationen haben keinen Grund, sich ihrer Kriege zu rühmen, auch daran hätte vielleicht gedacht werden sollen. Vielleicht auch an die Gemeinsamkeit, in ihrem Größenwahn an Russland gescheitert zu sein.

Aber mehr noch als um die gemeinsamen Fehler, an die ja nicht gedacht wurde, geht es bei einer solchen Überlegung um die jeweilige Faszination. Dass Frankreich, die Mutter der europäischen bürgerlichen Revolution, für unzählige Deutsche, die im eigenen, noch gar nicht vorhandenen Land für zuerst für eine Nation und dann für eine Revolution gestritten hatte, zum Exil wurde, aus dem sie wie Heinrich Heine nie mehr heimkehrten, wurde erst gar nicht erwähnt. Diese deutschen Exilierten waren zum Teil die ersten Europäer, wie wir sie uns heute vorstellen. Besonders Heine hatte eine europäische Vision, die weit über das hinaus ging, was so manche Brüsseler Bürokraten zu formulieren in der Lage sind. Und das deutsche Exil schuf eine Begeisterung über das deutsche Geistesleben in Frankreich.

Und bereits viel früher, als der weitsichtige Preußenkönig den vom Katholizismus bedrohten und verfolgten Hugenotten Asyl gewährte, wäre eine Anekdote wert gewesen. Der starke Anteil französisch klingender Namen im Berliner Telefonbuch ist genauso ein Ergebnis dieser Handlung wie die unzähligen Hinweise auf das französische Leben in Berlin. Der aus der Ankunft der Hugenotten entstandene Dialog deutscher und französischer Eliten setzte den Keim der Aufklärung um in die Bedürfnisse praktischer Politik.

Was dagegen an dem Gedanken an den Vertrag überwog, war ein Hinweis auf ein Bündnis zwischen der Bundesregierung mit dem gegenwärtigen Präsidenten Macron im Hinblick auf die Rolle in der EU. Das hört sich an, als hätten die Beteiligten nichts aus der Geschichte gelernt. Bei der Freundschaft zwischen Völkern, soweit es so etwas gibt, geht es um den Geist der Koexistenz und nicht um Tagespolitik. Und um das deutsch-französische Verhältnis als ein gutes zu erhalten, sollten Fragen erörtert werden, die sich darauf konzentrieren, was außer geostrategischen und ökonomischen temporären Gemeinsamkeiten Bestand in der Zukunft sichern kann. Ein Code civil, Toleranz und Prinzipientreue klingen da weitaus stabiler.

Muttis Tage sind gezählt

Unabhängig davon, wie sich die Delegierten auf dem SPD-Parteitag in Bonn entscheiden werden, ob sie sich noch einmal in eine große Koalition begeben wollen oder nicht, die Ära Merkel ist bereits zu Ende. Wie heißt es noch so treffend in der Revolutionstheorie? Nach einem Zustand relativer Ruhe folgt eine Phase rascher Veränderung. Und genau so wird es kommen. Das, was jetzt als endlos lange Zeit nach der Wahl bezeichnet wird, ist die Vorglut für politisch gravierend andere Verhältnisse. Und die Diskussion, die in diesen Tagen heftig um die Rolle der Sozialdemokratie geführt wird, geht am Thema vorbei. Das Thema ist der Sekundentod von Frau Merkel. Ihre Kanzlerschaft ist, betrachtet man ihre politischen Einflussmöglichkeiten, bereits beendet. Wenn sich die Sozialdemokratie von dem Bundespräsidenten aus den eigenen Reihen den Trugschluss aufoktroyieren lässt, es ginge bei der Rettung um Merkel gleich um die ganze Republik, dann ist das sehr bedauerlich, denn es geht einzig und allein um Merkel.

Bei der Rückschau auf die Reihe der deutschen Bundeskanzler ist es bemerkenswert, dass bei jedem sofort Stichworte aufblitzen für die Politik, die sie vertraten. Adenauer stand für die gnadenlose Einfügung der Republik in den Westen und für die Aussöhnung mit Frankreich, Erhard für die Theorie des Marktes, Willy Brandt für mehr Demokratie wagen, Helmut Schmidt stand vor allem für die Vermittlung demokratischer Pflichten und die Legitimation durch Verfahren. Bei Kohl, dem politischen Ziehvater Merkels, wird es bereits schwierig, irgend etwas zu finden, für das er stand, wäre da nicht das historische Geschenk der Wiedervereinigung gewesen, das er ohne Wenn und Aber entgegennahm. Doch wofür steht Merkel? In einer Welt, die sich während ihrer Regentschaft verändert hat wie selten zuvor. Bei der Antwort sollte man sich etwas Zeit nehmen.

Verlässt man sich auf die richtige Reaktion des eigenen Unbewussten, dann ist die Antwort: für nichts. Spontan fällt mir nichts ein, für das die Kanzlerin Merkel steht bzw. das als die politische Tat oder Einstellung genommen werden könnte. Stattdessen drängt sich die Beschreibung auf, dass sie unzählige Prozesse moderiert hat, und viele davon sicherlich auch zielführend und erfolgreich. Wären da nicht politische Tatsachenentscheidungen, die als solche nicht sonderlich erkenntlich waren, die jedoch die Realität in der Republik, in Europa und in der Welt verändert haben.

Da ist das Primat der wirtschaftliberalistischen Theorie, welches sich in der Rettung unseriöser Banken und in der Knebelung betroffener Volkswirtschaften äußerte. Da ist der US-NATO-Aggressionskurs gegen Russland, der das deutsch-russische Verhältnis nachhaltig ruiniert hat. Da ist die Allianz mit terroristischem Gesindel in Syrien, um wiederum den Eruptionen der US-Imperiums loyal zu folgen. Da ist die Schwarze Null, die zwar die Augen ihres dogmatischen Finanzministers haben glänzen lassen, die aber verhinderte, dass notwendige Investitionen in die Zukunft vorgenommen wurden etc. etc..

So, wie es scheint, gibt es für diese Politik im Land keine Mehrheit mehr. Darüber sollte man sich freuen und daraus keine staatspolitische Krise machen. Der Anteil der AFD-Stimmen im Parlament ist dieser Politik zu verdanken. Diese Politik jetzt fortzusetzen hätte zwei Dinge zur Folge. Die gesellschaftlichen Verwerfungen nähmen zu und die Sozialdemokratie wäre in dieser Form verschwunden. Der Wind wird kalt über die Hügel kommen. Muttis Tage sind gezählt. Nach einem Zustand relativer Ruhe folgt eine Phase rascher Veränderung.

Eine Überraschung, die an Gnade grenzt

Thelonious Monk. Les Liaisons Dangereuses

In den späten Fünfziger und frühen Sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts hatte der amerikanische Jazz in Frankreich eine Hochzeit. Viele der Musiker entschieden sich, auch wegen der schwierigen politischen wie sozialen Verhältnisse in den Vereinigten Staaten, für längere Aufenthalte in Paris. Dort traten sie vor großen Auditorien auf und bekamen Angebote von Plattenfirmen. Zudem entdeckte das Genre des Film Noir die Möglichkeit, diese Ausnahmemusiker für das Arrangement zu unvergesslichen Filmen zu gewinnen. Eine dieser Kooperationen, Miles Davis Musik zu dem Film Ascenseur pour l´échafaud (Fahrstuhl zum Schafott), avancierte zu einem der großen Geheimtipps des Genres. Die sphärischen Modulierungen Davis zu diesem Streifen gilt bis heute zu den Highlights des Genres überhaupt.

Dass nun, im Jahr 2017, eine ähnliche Produktion des Jazzpianisten und Komponisten Thelonious Monk auf den Markt kommt, kann durchaus als eine außergewöhnliche Entdeckung gefeiert werden. Monk, dessen verfügbare Plattenaufnahmen sich im Großen und Ganzen immer auf einen sich immer wiederholenden Kanon von Stücken in einer oft fragwürdigen Tonqualität beschränken, erhält dadurch einen neuen, besonderen Aspekt. Monk schuf die Filmmusik zu Les Liaisons Dangereuses (Gefährliche Liebschaften). Was er dort zusammen mit Charlie Rouse, Barney Wilen, Sam Jones und Art Taylor einspielte, kann durchaus nicht nur als Geheimtipp, sondern als ein unverzichtbares Dokument des großen Pianisten und Komponisten gewertet werden.

Die in einer hervorragenden Tonqualität verfügbare Doppel-CD kommt daher wie ein großes Geschenk aus dem Nichts. Die Aufnahmen stammen aus den Nola Penthouse Sound Studios in New York und entstanden an einem einzigen Tag, dem 17. July 1959. Daran wird deutlich, dass die Nummern live eingespielt wurden und es sich um eine routinierte Fingerübung des grandioseren Musikers handelte. Das, was an diesem Tag entstand, genügte den Anforderungen des Films und überrascht heute, nach fast sechs Jahrzehnten immer noch. Dass es sich dabei nicht nur um technische Versiertheit handelt, sondern auch um improvisatorisches Können und die intuitive Fähigkeit, Atmosphärisches zu erzeugen, ist jedem einzelnen Takt zu entnehmen.

Selbst die Stücke, die in unzähligen Aufnahmen vorliegen, wie zum Beispiel Well, You Need´nt sind mehr laid back eingespielt, was vermutlich der Regieanweisung durch den Film zuzuschreiben ist. Beim letzten dieser Takes ist zu hören, wie die Musiker über das Arrangement diskutieren und dann genau den emotionalen Ausdruck erzeugen, den sie beabsichtigen. Und bei Ba-lue Bolivar Ba-lues-Are kann davon ausgegangen werden, dass es sich um die am interessantesten interpretierte und in bester Qualität vorliegenden Aufnahme dieses Titels überhaupt handelt.

Monks Musik zu Les Liaisons Dangereuses ist ein grandioses Dokument über das Schaffen des exzentrischen Meisters des urbanen Blues. Thelonious Monk hat dadurch eine Referenz bekommen, die seiner außergewöhnlichen Musik gerecht wird. Und für die Hörerschaft ist es eine Überraschung, die an Gnade grenzt.