Archiv des Autors: Gerhard Mersmann

Wie ein Betriebsrat

Kürzlich bemühte ein SPD-Politiker einen Vergleich, der es in sich hat. Es ging um die Rolle der SPD bereits in der zurückliegenden Koalition. Er nannte das Agieren seiner Partei die Wahrnehmung einer Betriebsratsfunktion. Und genau betrachtet hat er mitten ins Schwarze getroffen. Das, was die Partei als Resultate ihrer Mitregentschaft sieht sind trade-unionistische Errungenschaften. Es geht im Wesentlichen um Sozialleistungen für die Population des Unternehmens Deutschland. Tatsächlich so, als hätte ein Betriebsrat gute Bedingungen für die Belegschaft ausgehandelt, unabhängig davon, dass nicht für alle gesorgt werden konnte. Trotz seiner Erfolge ist der Betriebsrat entsetzt darüber, wie wenig die Belegschaft die von ihm ausgehandelten Ergebnisse honoriert.

Das Problem ist das falsche Rollenverständnis. Denn die Belegschaft interessiert sich für die Unternehmensstrategie, d.h. sie will die politischen Linien identifizieren, an denen sich die Nation orientiert. Von der Kanzlerin, einer Meisterin der Mystifikation und ihrer badischen Zuchthauspraline, dem ehemaligen Finanzminister, stammen die Worte, man fahre auf Sicht. Dass sich das Stammpersonal der Union, seinerseits aus der hohen Schule Helmut Kohls, nicht durch programmatische Präzision auszeichnet, ruft keine Enttäuschung hervor. Dass die Sozialdemokratie diesem Weg folgt, irritiert allerdings in hohem Maße. Sie ist kein Honoratiorenverein, der je nach Gusto der Personen seine Entscheidungen trifft, sondern bei ihr handelt es sich um eine Partei, die zumindest historisch mit einem alternativen Gesellschaftsentwurf durch das Leben geht.

Auf Sicht fahren ist da zu wenig. Und Prozente auszurechnen bei Steuern oder Beiträgen eben auch. Da geht es um das Wesen. Der Sozialdemokratie hätte die Bevölkerung vielleicht noch zugetraut, dass sie zum Beispiel die Frage klärt, ob die rechts- und sittenwidrige Plünderung der Rentenkassen durch Absenkung der Leistungen bei gleichzeitiger Erhöhung der Schwellen und Doppelbesteuerung so ginge oder nicht. Darum zu feilschen, wie viel Prozent der realen Kürzungen nach Plünderung nun sozialverträglich sind oder nicht, das ist den meisten politisch zu wenig.

Oder in Bezug auf die Außenpolitik! Da hätten viele der Sozialdemokratie vielleicht zugetraut, eine Position einzunehmen bei der Osterweiterung der NATO, oder bei der Faschisierung der Türkei, oder bei der Austeritätspolitik in der EU. Und auch da ist es zu wenig, dem kriegstreibenden Kurs der USA einfach hinterher zu taumeln, mit den Schergen Erdogans Waffen gegen Eingekerkerte zu dealen oder über Details bei der großangelegten Entstaatlichungsoffensive des Neoliberalismus zu diskutieren. In allem hätte Grundsätzlicheres stattfinden müssen. Die großen Herausforderungen, die die Welt momentan hervorbringt, benötigen Gesellschaftsentwürfe einer Partei, nicht eines Betriebsrates.

Der englische Begriff der Trade-Unions, der für Gewerkschaften steht, hat sich in der Debatte um die Frage, wie eine Gesellschaft umzugestalten sei, zu einer festen Größe gemausert. Sehr früh erkannten die Spiriti recti der internationalen Arbeiterbewegung, dass der Tradeunionismus, wie sie das Phänomen nannten, der vorzeitige Tod des gesellschaftlichen Gegenentwurfs bedeutete. Das Aushandeln konkreter Arbeits- und Reproduktionsbedingungen ist richtig und wichtig, aber es verkommt zu einer Taktik ohne Strategie, wenn die Vision einer anderen Gesellschaft beim Tagesgeschäft keine Rolle spielt.

Letzteres ist jedoch passiert und wird sich auch so schnell nicht ändern. Sowohl bei den Sondierungs- als auch bei den jetzigen Koalitionsverhandlungen sitzen wieder die Betriebsräte mit am Tisch. Die politische Strategie steht nicht zur Verhandlung. Da spendiert Mutti auch schon mal gerne den Kakao für die nächste Pause.

Administrative Verluste

Sie existieren weltweit. Unabhängig von der Größe des Landes und dem politischen System. In manchen Ländern werden sie in den Bilanzen exklusiv ausgewiesen, in den meisten jedoch verschwinden sie hinter einer verschleierten Terminologie. Dass letzteres so ist, scheint davon zu zeugen, dass man nirgendwo auf der Welt glücklich über sie ist. Und erreichen sie eine kritische Größe, dann kann von einer Systemkrise gesprochen werden. Die Rede ist von administrativen Verlusten.

Schlichte, recht einfach zu erklärende administrative Verluste liegen an infrastrukturellen Mängeln. Trinkwasserverluste zum Beispiel sind eine klassische Kategorie. Dort führen schlechte, undichte Leitungssysteme zum tatsächlichen Ressourcenverlust. Der kann in beträchtlichem Ausmaß auftreten und zu einem Engpass führen. Ausgerechnet in solchen fällen, wenn Ressourcen knapp werden, tritt noch ein anderes Phänomen des administrativen Verlustes auf. Es ist die Korruption. Dann werden Ressourcen abgezweigt und gegen direkte Kasse auf dem schwarzen Markt verkauft.

Die unterbliebene Investition in Infrastruktur oder Gebäudeerhaltung liegt nicht unbedingt am Wohlstand eines Landes. Das, was noch vor zwei Jahrzehnten als ein typisches Phänomen von Entwicklungsländern bezeichnet wurde, ist längst in der ersten Welt angekommen. Die Schulen verfallen, die Straßen sind in schlechten Zustand, die Schienennetze werden nicht mehr gepflegt. Drei Ursachen sind dafür zu nennen: 1. Die Steuereinnahmen haben durch die Globalisierung den Trend tendenziellen Absinkens, 2. die Verdichtung der Vorschriften für Bau, Brandschutz, Arbeitssicherheit, Denkmalschutz etc. etc. führt zu einer exponentiellen Kostenerhöhung und 3. neigen Politiker dazu, sichtbare Kosten zu produzieren, d.h. die Einweihung eines Neubaus bringt mehr Renommee als die Erneuerung unterirdischer Leitungen.

Die Dimension der beschriebenen administrativen Verluste ist bereits gewaltig, es kommt aber noch eine weitere hinzu. Sie hat nichts mit den verfügbaren Ressourcen und der Bestechlichkeit von Verwaltung zu tun, sondern mit derem mentalen Zustand. Der Systemtheoretiker Niklas Luhmann hat Studien zu diesem Phänomen betrieben und sie wurden aus dem Nachlass gehoben. Unter dem Titel „Organisation und Entscheidung“ sind sie dem Publikum zugänglich. Allerdings haben diese erhellenden Überlegungen das öffentliche Bewusstsein bisher nicht erreicht, zumindest nicht in einer qualitativ politischen Form.

Die wesentliche Aussage dieser Studien ist die, dass der Zustand einer Organisation sehr gut attestiert werden kann an der Zeit, die eine solche benötigt, um eine qualitativ gute Entscheidung zu treffen. Je mehr Zeit eine Organisation braucht, um eine fällige Entscheidung zu treffen, desto schlimmer ihr Zustand. Das muss nicht zwingend so sein, manchmal ist es auch klug, keine Entscheidung zu treffen und noch etwas zuzuwarten. Sollte es sich aber um eine allgemeine, mächtige Tendenz handeln, dann ist der Zustand der Organisation nicht nur bedenklich, sondern das Ausmaß der administrativen Verluste steigt beträchtlich.

Es existiert nämlich ein administrativer Verlust, der in keiner Bilanz der Welt erscheint. Es ist der Verlust von Zeit. Und je kritischer der Zustand einer Organisation ist, desto größer der Aufwand an Gremien und Sitzungen, um eines zu erreichen: keine relevanten Entscheidungen zu treffen. Dass es sich bei diesem Typus wohl um die kritischste Form des administrativen Verlustes handelt, ist wegen seiner schlechten Messbarkeit und weiten Verbreitung jedoch zu vermuten.

Die Überlegungen sollen dazu ermuntern, die jeweils eigene Organisation, in der man lebt und arbeitet genau unter die Lupe zu nehmen und die verschiedenen Arten der administrativen Verluste einmal aufzuzählen und zu quantifizieren. Ob die Baucheinschätzung wohl bestätigt wird?