Jakarta, 29.05. 1998
Jaya Karta hat uns wieder! Und wir Jaya Karta! Ich bin gerne hierher zurückgekommen. Von Batu Ferringhi nach Kuala Lumpur bin ich viel zu schnell gefahren, was eine kleine Diskussion mit der malaiischen Polizei zur Folge hatte und auf dem Flughafen konnte ich den Abflug kaum erwarten. Bei unserer Ankunft in Jakarta sahen wir sogleich die Veränderungen. Trauben von Menschen standen vor aufgestellten Fernsehgeräten auf dem Flughafen, hörten Nachrichten und Berichte über die rasenden politischen Veränderungen und diskutierten darüber – vor einigen Wochen wäre auch nicht ein Mensch wegen eines solchen Anlasses stehen geblieben.
Es war schon dunkel, als wir an der Universitas Trisakti vorbeifuhren, wo der letzte Akt des Ancien Regime seinen Anfang nahm. Die Stadt war erleuchtet wie eh und je, der Verkehr dichter als in den letzten beiden Monaten. Einer der vielen Gitarrenspieler an Jakartas Ampeln sang It´s time to say Good Bye und alles lachte. Bevor wir fuhren war es übrigens meistens die Titelmusik des Films Titanic. Was wäre Java ohne sein fast pathologisches Faible für Symbole? Die Satpams, die Sicherheitskräfte unseres Hauses, die nach dem Tod der Trisakti Studenten die indonesische Fahne auf Halbmast gehißt hatten, begrüßten uns wie immer mit militärischem Schliff, strahlten über das ganze Gesicht und riefen unisono ihr Selamat Datang Kembali, was mit Herzlich Willkommen daheim übersetzt werden muß.
Bei der Arbeit waren alle froh, mich wieder zu sehen und wir feierten den Anlaß mit einem Kaffee, der mir den Pulsschlag wie Basstrommeln in die Ohren trieb. Bis heute kommen immer wieder die Kolleginnen und Kollegen in mein Büro, um mich zu begrüßen und sich nach meinem Befinden zu erkundigen. Dabei hatten sie die Entbehrungen einer zusammengebrochenen Versorgung zu ertragen und ständig die Gefahr einer militärischen Eskalation vor Augen, während wir im sicheren Kuala Lumpur aus einem Luxushotel bei erlesenen Speisen auf die Twin Towers schauten. Ich muß es noch einmal sagen, ich bin gerne in die von so vielen Ignoranten verschmähte Stadt zurückgekommen!
In den Buchhandlungen, die ja mit ihrem Sortiment immer ein Indikator für den geistigen Zustand eines Landes oder das sie regierende politische System sind, hat sich innerhalb von 10 Tagen die Welt verändert. Kritische Literatur wohin man schaut, von Hannah Arendt bis Nelson Mandela, von Phoolan Dewi bis George Orwell. Und dann die Ikonen der zeitgenössischen, über Jahrzehnte verbannten erstklassigen javanischen Literatur, Pramoedia Ananta Toer und Mochtar Lubis! Plötzlich, nach wenigen Tagen ist alles erhältlich. Und der Witz ist, daß diese Literatur in Bahasa Indonesia vorliegt! Auf Java gibt es eben Zeichen und Wunder in Hülle und Fülle.
Ein anderes Symbol, das mich schon beim heutigen Frühstück in Hochstimmung versetzt hat, war das Titelbild der Jakarta Post. Es zeigte, wie Jenderal Wiranto dem Putschisten und Schwiegersohn des Alten, Prabowo, bei einer „Ernennungszeremonie“ die Epauletten der KOSTRAD Kommandantur abtrennt. „Ernannt“ wurde er zum Ausbilder in der Bandunger Militärakadmie. Besondere Anweisung: Waffentragen verboten. Und abgehalten wurde die Zeremonie nicht einmal in Bandung, sondern in einer Kaserne in Jakartas Osten, ganz in der Nähe des Halim Flughafens mit seinem Lubang Buaya, dem Krokodilsloch, wo schon anno 65 alles anfing und alles aufhörte. Ich möchte den Javaner kennenlernen, der diese von Wiranto gewählte Symbolik nicht versteht. Ich bin mir sicher, es stellte sich schnell heraus, daß es kein Javaner ist…
Ihr seht, liebe Freundinnen und Freunde in Deutschland, wir haben uns eine Zeit ausgewählt, in der die Weltgeschichte es sich ausgedacht hat, sich direkt vor unserer Terrasse in Jakarta aufzuführen. Die Euch nun vorliegenden 22 Seiten sind kurze, oft nur in aller Eile gemachte Notizen und Eindrücke, die keinen Anspruch auf Vollständigkeit erheben und ebenso spontane Gefühle wie Fehlannahmen beinhalten. Die letzten sechs Wochen hatten es in sich und wir werden diese wohl nicht mehr in unserem Leben vergessen. Ich habe im Nachhinein nichts verändert, da ich es mit Heinrich Heine halte, der in solchen Fällen von einer Signatur der Zeit gesprochen hat. Eile produziert auch Fehler, ich bitte auch dieses mildernd zu berücksichtigen. Das Tagebuch wird selbstverständlich fortgeführt, den nächsten Teil erhaltet Ihr Ende Juli.
