Turm, Kokon, Enklave, Labor?

Uwe Tellkamp, Der Turm. Roman

Wenn man ein Beispiel sucht, um herauszufinden, was in dieser Republik seit Jahren schief gelaufen ist, dann nehme man den Roman „Der Turm“ von Uwe Tellkamp. Im Jahr 2008 bei Suhrkamp erschienen, galt er lange als der Wenderoman hinsichtlich der deutschen Wiedervereinigung schlechthin. Bei genauer Lektüre kommt man jedoch sehr schnell zu dem Schluss, dass das, was Tellkamp in diesem Roman thematisiert, der die letzten sieben Jahre der DDR aus dem Blickwinkel einer kleinen sozialen Enklave in Dresden betrachtet, eher die Deplatzierung des Bildungsbürgertums im staatlichen Konstrukt der DDR ist. Vielmehr handelt es sich bei den handelnden und behandelten Personen um die Relikte eines wohl situierten, überaus reflektierten Bildungsbürgertums, das mit der Weimarer Republik unterging und in der DDR aufwachte. Diese Thematik als repräsentativ für den Niedergang der DDR zu nehmen, ist schlichtweg absurd.

Die Lektüre dieses voluminösen Romans ist alles andere als die eines Page Turners. Tellkamp erzählt Geschichten über den Alltag, die Karriereaussichten im sozialistischen System, die Kompromisse, die es verlangt, die zwischenmenschlichen Verwicklungen, die tradierten Gepflogenheiten, sprich alles, was die menschliche Existenz in einem omnipräsenten Staat ausmacht. Und er zerreißt mit Regelmäßigkeit den Lesefluss durch reflektorische Einschübe, die von naturwissenschaftlichen Beobachtungen, über Ausflüge in die Musiktheorie bis hin zu epischen Theorien reichen. Sie dokumentieren, mit welchem, in der späteren bürgerlichen Gesellschaft, vor allem der des Westens, längst ein in eine Randerscheinung abgeglittenes Wissen die Figuren suchten, sich eine Identität und ein Refugium zu schaffen.

Das ist alles starker Tobak. Im Sinne einer intellektuellen Beanspruchung. Und es erfordert mehr als die Bereitschaft, einfach mal einen Roman zu lesen, bevor man zur Tagesordnung übergeht. Denn dahinter steckt noch mehr. In einem Interview mit Alexander Kluge stimmte der Autor der Idee zu, dass auf dem Terrain der DDR historisch andere Kernkompetenzen vorhanden waren, als die einer durch die äußeren Umstände erforderten Schwerindustrie. Aus der Befreiung und der Rückbesinnung der Potenziale im Hinblick auf kulturelle Tiefe, Feinmechanik, Reparaturkompetenz etc. hätte sich 1990 auch etwas wie eine Schweiz etablieren können. Nur soviel zu politischen Geographie des Autors.

Was die spätere Rezeption des Romans wie die des Autors anbetrifft, so sind bestimmte Äußerungen zu einer restriktiven Kulturpolitik, zur Immigration wie zur sukzessiven Rücknahme bürgerlicher Freiheiten von einer fern von der DDR-Nostalgie befindlichen, allerdings neuerlich totalitären Denkweise dazu verwendet worden, Tellkamp die Nähe zu einem rechtspopulistischen Milieu anzudichten. So geht das. Bei der Lektüre des Turms kann man es erfahren. Das ist das Absurde. Genauso wie die mittlerweile etablierte Gepflogenheit, Kunstwerke von Menschen, deren politische Positionen nicht ins offizielle Weltbild passen, par excellence der kollektiven Ignoranz preisgeben zu wollen.

Menschen, die glauben, ihre Fähigkeiten genügten, um zu avancieren, und dennoch scheitern, oder solche, die ihre Freiheit spüren, wenn sie die Erwartungen an sie abstreifen, oder solche, die vieles in Kauf nehmen, wenn sie sich auf ihre Überzeugung besinnen und wiederum welche, die ihren aufrechten Gang bewahren, auch wenn die sie umgebende Öffentlichkeit eine Welt vorspiegelt, deren Inhalt die bloße Fiktion einer maroden Herrschaft ist, und alle miteinander mit den Schwächen, die der Gattung anhaften – diese Typologien finden sich in dem Roman „Der Turm“. Das hat nicht nur Tiefe, sondern es ist brandaktuell. Deshalb sei die Lektüre empfohlen.

Turm, Kokon, Enklave, Labor?

Hinterlasse einen Kommentar

Diese Seite verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden..