85. Ostenmauer – Malaysia, 26. Mai 1998

Batu Ferringhi, Malaysia, 26.05. 1998

Soviel auch ein in allen Blau- und Grüntönen schimmerndes Meer, Palmen, eine exotische Vogelwelt und überall herumtanzende Affen zur Beruhigung der Nerven beitragen mögen, hat sich Körper und Geist einmal von den Strapazen der letzten Wochen erholt, zieht es doch zurück zu den Aufgaben und Geschäften des Alltags. Obwohl bis zum jetzigen Zeitpunkt noch kein grünes Licht zur Rückreise nach Indonesien seitens des Auswärtigen Amtes vorliegt, haben wir beschlossen, morgen in aller Frühe den Weg zurück nach Kuala Lumpur anzutreten, um vielleicht noch am Abend, spätestens aber am Donnerstag nach Jakarta zurückzufliegen. Bis dahin hoffen wir natürlich auf das offizielle Plazet. Zum einen müßte in dieser Woche noch unser Container den Hafen von Jakarta erreichen, zum anderen habe ich Signale von meinem Arbeitgeber, daß man von mir Beiträge zum Thema Change Management erwartet, was mich sehr erfreut, da es angesichts der weiteren politischen Entwicklung in diesem Land wohl keinen günstigeren Zeitpunkt gibt. Obwohl weder die Auseinandersetzung mit dem alten Regime keinesfalls ausgestanden ist noch die Stabilität der Lage garantiert zu sein scheint. Ganz im Gegenteil: Muß man die Auseinandersetzungen der letzten Wochen den oppositionellen Kräften des Mittelstandes in den großen Städten zuschreiben, so steht noch in den nächsten Monaten – wir rechnen mit August, nach Ende der Fußballweltmeisterschaft – der Aufstand der mehr und mehr hungernden Landbevölkerung in den Provinzen bevor. Doch warten wir es ab. Zunächst stehen für uns beide eher praktische Erledigungen auf der Agenda, beruflich geht es um ein Konzept Prozess orientierter Beratung und dem alles entscheidenden Auf- und Ausbau des Beziehungsnetzes. 

Renate drängt es nicht so stark zurück, da viele ihrer Bekannten die Gelegenheit genutzt haben und nach Europa zurückgeflogen sind, wo sie bis in den August hinein ihren Sommerurlaub verbringen werden. Um so mehr freuen wir uns auf den ersten Besuch von Marlies, Anne und Heini, der hoffentlich zustande kommt. Ob Renate Bielefeld und ihr Mann an ihrer Stippvisite von Hongkong aus festhalten, müssen wir noch herausfinden. Allein die Ankündigung der Überlegung hat besonders mich in Hochstimmung versetzt, da ich in den letzten Jahren von Renate sehr viel gelernt habe, mich nur zu gerne mit ihr einmal wieder austauschen würde und in puncto Menschenkenntnis bestätigt fühle.

Generell tat es uns gut zu wissen, daß viele Freundinnen und Freunde sich in den turbulenten Tagen nach uns erkundigt haben bzw. uns zu erreichen suchten. Da fällt mir ganz spontan ein altes russisches Sprichwort dazu ein: 1000 Rubel sind kein Geld, eine Flasche Wodka ist kein Getränk und ein Jahr ist keine Zeit…

Nun, den heutigen Tag werden wir auch noch irgendwie herumkriegen, vielleicht noch einen Spaziergang am Strand machen, mit Freunden aus Jakarta, die uns hierher nachgereist sind noch einmal die indische Küche genießen und uns letztendlich von den lieben Leuten hier verabschieden, die uns mit ihrer schlichten, direkten Menschlichkeit so viel gegeben haben.  Die Gespräche mit diesen Menschen sind es, die uns motivieren, die ganzen Gefahren und Unruhen mit einem Lächeln auf uns zu nehmen – alles Petitessen, im Vergleich zum Schicksal dieser Leute. Noch befällt besonders mich dann manchmal der Groll, wenn ich an die habsüchtigen Debatten der Satten in einem Land wie Deutschland denke, mit ihrer opulenten Versorgungsmentalität und ihrem Haß auf die Eigenverantwortung. Ich bin gespannt, wie lange es noch dauert, bis mich das nicht mehr interessiert! 

Malaysia, 26. Mai 1998

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