Frieden im Krieg

Gerade im Wahllokal gewesen. In Baden-Württemberg wird heute ein neuer Landtag gewählt. Ob ich glaube, dass diejenigen, die sich zur Wahl stellen, wissen, was auf sie zukommt? Im Hinblick auf das, was sie als politisch Handelnde werden managen müssen? In Bezug auf die vielen, sehr komplexen Brennpunkte? Bildung, Infrastruktur, Wirtschaft, Energie, Gesundheit, Krieg? Ich glaube nicht. Sie wissen es nicht und sie können es nicht wissen. Weder aufgrund der vorhandenen prognostischen Fähigkeiten noch aufgrund der eigenen Potenziale. In Gegensatz zu vielen, die sich darüber mokieren, aus dem bequemen Fernsehsessel versteht sich, ist der Befund eigentlich beruhigend. Warum soll es ihnen besser gehen als dem Rest der Gesellschaft? Dass da auch und besonders einiges in der Blase der politischen Repräsentanz der Gesellschaft im Argen liegt, ist unbestritten. Und genau dort muss die Kritik ansetzen. Aber nicht dort, wo mit vermeintlichen Lösungen im Reich der Illusionen gehandelt wird. Wir stehen dort, wo wir sind. Und die Position ist nicht vielversprechend. Und es wäre ein erster Schritt, wenn wir uns dessen bewusst wären und nicht glaubten, dass irgendwelche Kelche an uns vorübergingen.

Wer in diesem Wahlkampf so getan hat, als würden Dinge, die vielen Menschen das Leben so schwer machen, und Gefahren, die auf uns zukommen, nur durch ein Kreuzchen für den Vielversprecher befriedigend bereinigt werden können, hat an der Substanz des politischen Konstrukts bereits weiteren Schaden angerichtet. Denn falsche Versprechungen sägen an der Loyalität. Leider, das muss dazu gesagt werden, sind nahezu alle, die sich bewerben, wieder in diese Falle getappt. 

Zu den großen Stunden der Demokratiegeschichte gehören die Reden von Politikern, in denen sie bekundeten, sie versprächen nichts, aber sie hätten eine Vorstellung davon, was man erreichen wolle und was man tun müsse, und zwar alle, Wähler wie Gewählte, um das zu erreichen. Burschikose Pädagogen nennen so etwas Fordern statt Verwöhnen. Nichts ist in einer Situation wie der jetzigen wichtiger als dieses Prinzip.

Damit wir uns nicht missverstehen! Damit sind nicht jene gemeint, die für ein paar Silberlinge alles verraten, was dem Gros der Menschen in diesem Lande heilig ist. Ein gesichertes Auskommen, Teilhabe, Gerechtigkeit, Frieden. Und zu viele sind unter uns, die sich für etwas anderes entschieden haben. Raffgier, Egoismus, Prinzipienlosigkeit. Auch diese Figuren stehen zur Wahl. Und es sind nicht nur die exponierten Exemplare, sondern auch so manche Komparsen, denen man die betrügerische Absicht dennoch gleich ansieht.

Ja, ich war gerade wählen. Auch wenn mir das Unterfangen im Moment wie ein Relikt aus vergangenen Zeiten vorkommt. Zumal auch die Erfahrung noch sitzt, dass nach Wahlen genau das Gegenteil von dem passiert, was vor der Wahl versprochen wurde. Besonders die letzte Bundestagswahl hat das illustriert wie kaum eine andere vorher. Sie hat gezeigt, dass das, was als Demokratie gepriesen wird, als lästige Kulisse derer anzusehen ist, die um die Ämter werben. 

Die Menschen, denen ich aus meinem Viertel vor und im Wahllokal begegnete, waren die, auf die es ankommt. Nicht die, die auf den Zetteln stehen. Sie vermittelten den Eindruck, als wüssten sie, was sie wollen und was sie tun. Das war das Positive am heutigen Tag. Egal, wie die Wahl ausgeht. Sie haben einmal wieder gezeigt, was Frieden im Umgang miteinander bedeutet. Und das mitten im Krieg! 

Frieden im Krieg

Hinterlasse einen Kommentar

Diese Seite verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden..