Der Name einer von Friedrich Nietzsche im Jahr 1886 auf eigene Kosten veröffentlichten Schrift hat es nicht mit dem vom Autor intendierten Sinn in den heutigen Sprachgebrauch gebracht. Der Grund dafür ist vielseitig. Der wohl gewichtigste liegt darin, dass der ab dem 45. Lebensjahr nicht mehr mit der Außenwelt kommunikationsfähige Gelehrte und Philosoph von seiner mit einem Antisemiten verheirateten Schwester verunstaltet wurde und sie Bruchstücke aus seinem Werk zum Missbrauch durch den aufkommenden Nationalsozialismus freigab. Zwei Zitate haben es aus dieser Zweckentfremdung bis ins Heute geschafft. Das eine ist „der Wille zur Macht“ und das andere, „wenn du zum Weibe gehst, vergiss die Peitsche nicht“. Ersteres ist grandios zweckentfremdet, weil Nietzsches Idee dahin ging, dass das Subjekt, welches sich befreien will, dazu auch das entsprechende Vermögen, sprich Macht braucht. Und das zweite zeigt das Veritable an der These, bei der es in der Schrift „Jenseits von Gut und Böse“ ging.
Heute bezeichnet man mit dem Titel der Schrift im allgemeinen Sprachgebrauch Zustände oder Personen, die sich jenseits der Zurechnungsfähigkeit befinden. Nietzsche ging es hingegen darum, zu reflektieren, dass jede moralische, bewertende Einstellung einer konkreten Historizität unterliegt. Das heißt, jede Ethik und Moral eines Kulturkreises hängt von den konkreten gesellschaftlichen Bedingungen und zeitgemäßen Vorstellungen der von ihnen erfassten Menschen ab. Was, quasi als Indiz für die eigene These, sein aus heutiger Sicht absonderliches Frauenbild bestens dokumentiert.
Nietzsches Appell beabsichtigt, die Kommunikation zwischen Vertretern unterschiedlicher Wertvorstellungen durch ein Ablegen der Moral und Werte zu promoten. Wenn die Bewertung entfällt, und eine Instanz wie Vernunft, Verstand oder das jeweilige Interesse im Mittelpunkt steht, dann ist es möglich, zu anderen Resultaten als der gegenseitigen Verurteilung zu kommen.
Dieser Aspekt ist es, der ein gutes Argument dafür ist, das Jenseits von Gut und Böse in seinem eigentlichen, vom Autor beabsichtigten Sinne in der aktuellen Zeit noch einmal zu fassen. In einer vor allem in den Relikten der alten westlichen Hegemonie befindlichen Verabsolutierung der eigenen Werte liegt unter anderem, neben den nackten, imperialen Interessen, auch der Zündstoff für Unfrieden und Krieg. Wer von der Meinung gefangen ist, er müsse Menschen und Kulturkreise zu seinen eigenen Vorstellungen bekehren, ist nicht frei, sondern befindet sich im Trakt des eigenen Gut und Böse eingehegt.
Das Denken Jenseits von Gut und Böse könnte dazu beitragen, die längst verschlossenen Türen der Diplomatie wieder zu öffnen. Die hohe Schule dieser Disziplin befand sich nämlich immer außerhalb der restringierten Vorstellungswelt der eigenen Weltanschauung. Und es ist eine sehr gute Übung, sich die handelnden Politiker weltweit unter diesem Aspekt einmal vor Augen zu führen! Es entsteht ein sehr die Erkenntnis beförderndes Bild darüber, wer die Dimension der Notwendigkeiten internationaler Interaktion erkannt hat und wer nicht.
Es lohnt sich immer, auf bereits formulierte Gedanken zurückzugreifen, auch wenn sie vom eigenen Zeitgeist als Tabu stigmatisiert werden. Das widerstrebt allerdings der zeitgenössischen Inquisition. Bei den Schriften von Friedrich Nietzsche ist das der Fall. Zu vieles, auch aus der Schrift Jenseits von Gut und Böse, besitzt eine praktische Relevanz in Bezug auf unsere heutigen Zustände.
Ein Zitat aus besagtem Traktat möge das noch illustrieren:
„Wer mit Ungeheuern kämpft, mag zusehn, dass er nicht dabei zum Ungeheuer wird. Und wenn du lange in einen Abgrund blickst, blickt der Abgrund auch in dich hinein.“
