Kuala Lumpur, 19.05. 1998
Die Zeit meines heutigen Eintrages ist begrenzt, da der Akku des Notebooks nur noch halb voll ist und hier in Malaysia andere Steckdosen sind. Nach einer dramatischen Ausreise aus Indonesien am Sonntag sitzen wir nun seit zwei Tagen in Kuala Lumpur im Radisson Hotel, direkt gegenüber den berühmten Twin Towers. Mit uns sind ca. 20 andere Deutsche Experten, die aus Jakarta flüchten mußten. Die Deutsche Botschaft in Malaysia hat sich hervorragend um uns gekümmert und uns nachts am Flughafen abgeholt. Uns geht es hier wirklich bestens, anders als unseren indonesischen Kollegen. Auch hier im Hotel werden wir mit aller erdenklichen Aufmerksamkeit bedacht, vom Zimmermädchen bis zum Manager, sie behandeln uns wie Kriegsveteranen und lesen uns jeden Wunsch von den Augen ab bzw. erfüllen uns zum Teil Wünsche, die wir noch gar nicht haben.
Auf einem Empfang der Deutschen Botschaft, von dem wir gerade kommen, sagte man uns, daß mittlerweile alle Deutschen aus Indonesien ausgereist sind. Ein bißchen ist hier die Atmosphäre aus Menschen im Hotel, alle versuchen irgendwie ihre Kanäle nach Jakarta aufrecht zu erhalten und an Informationen heranzukommen. Die Lobby gleicht einer Nachrichtenbörse, auf der die neusten politischen Entwicklungen besprochen werden. Innerlich sind wir hier noch gar nicht angekommen. Fest steht, daß der Präsident bis zum letzten Atemzug an der Macht festhält, egal was der alte Taktiker auch erzählt. Wir warten alle mit angehaltenem Atem auf den morgigen Tag, an dem unseres Erachtens die Entscheidung über das weitere Schicksal Indonesiens getroffen wird. Millionen werden auf der Straße sein, es kann zu einem Blutbad kommen oder vielleicht auch zu einem Ende der Ära S.. Die Fragen, die sich einem solchen anschließen würden, sind nicht minder brisant. Wer wird überhaupt in der Lage sein, das völlig am Boden liegende Land aus der Depression zu führen? Und selbst wenn es solche Leute gäbe, wer gestünde ihnen die dazu notwendige Zeit zu? Wir wagen momentan gar nicht, darüber nachzudenken. Allzu schnell würden diese mit den „guten alten Zeiten“ des großen Schattenspielers zu Unrecht konfrontiert. Vox populi – Vox Rindvieh, auch das wahrscheinlich ein Universalgesetz.
Und, was uns ganz privat betrifft, es wird sich auch entscheiden, ob es Sinn haben wird, wieder dorthin zu gehen und dort arbeiten zu können und natürlich zu wollen. Renate und ich haben beschlossen, morgen einen Wagen zu mieten und bis zum Wochenende nach Penang zu fahren, einer malaiischen Insel an der Grenze zu Thailand. Dank der heutigen Kommunikationsmöglichkeiten sind wir nicht aus der Welt und werden über den Lauf der Dinge immer gut informiert sein. Machen können wir ja nun wirklich nichts. Und außerdem ist auch unser Akku mittlerweile nahezu leer, das ewige auf dem Sprung sein, die ganzen Turbulenzen, von denen ich hoffentlich aus Penang erzählen kann – wenn ich dort einen Adapter finde -, haben ihren Tribut von uns gefordert. Aber es waren bis jetzt Tage, die wir wohl nicht mehr in unserem Leben vergessen werden. Jetzt aber ist uns nach Strand und Meer, gutem Fisch und Ruhe.

Dann wünsche ich noch einen schönen Aufenthalt und gesunde Rückkehr.
LG Helmut Roos