Ein alter Kalauer aus der Unternehmensberatung beschreibt einen Holzfäller, der manuell mit einer Axt dabei ist, einen Baum zu fällen. Seine Bewegungen und sein Erschöpfungszustand deuten darauf hin, dass er dieser Tätigkeit seit einiger Zeit nachgeht. Ein Hinzukommender betrachtet den Mann und stellt recht schnell fest, dass der ausbleibende Erfolg wohl an seinem Werkzeug liegt. Er spricht den Holzfäller an und erlaubt sich zu bemerken, dass die Axt anscheinend stumpf ist und es vielleicht hülfe, das Instrument zu schärfen. Daraufhin hält der erschöpfte Mann unwillig für einen Augenblick inne, schaut den selbst ernannten Ratgeber genervt an und antwortet, dass ihm das selbstverständlich seit langem bewusst sei, er aber leider keine Zeit habe, um die Axt zu schärfen.
An der pädagogisch angelegten Anekdote lässt sich durchaus etwas hinsichtlich der momentanen Situation in dem Gebäude ableiten, dass sich immer noch bürgerliche Demokratie schimpft. Allen, die mit Beobachtungen kommen, die aus der immer geringer werdenden Legitimation und der erschreckend nachlassenden Effizienz resultieren, werden von denen, die die Geschäfte zu führen haben, zumeist mit dem Argument des Holzfällers abgewiesen. Nämlich dass man das alles wisse, aber keine Zeit habe, um Grundlegendes zu ändern. Weder die ausbleibende Strategie und Programmatik, noch die strukturelle Beschaffenheit der Institutionen und erst recht nicht die Formen der Personalrekrutierung dürfen aus deren Sicht thematisiert werden. Warum? Weil überall der Feind lauere!
Aber genau da muss die Kritik ansetzen. Es hilft seit langem nichts mehr, lediglich die Defizite zu benennen. Das wissen mittlerweile alle. Und die, die sich weigern, etwas ändern zu wollen und den Status Quo apodiktisch als das Nonplusultra verteidigen, tragen die Hauptverantwortung für den Prozess der Degeneration. So ganz nach dem Motto: es funktioniert zwar nahezu nichts mehr, aber jede Kritik daran ist subversiv. Ein schöner satanischer Vers, der den Niedergang festschreibt und beschleunigt.
Die Notwendigkeiten hinsichtlich einer Strategie sind längst an manchen Orten beschrieben. Sie gehen aus von der globalen Selbstbestimmung des Gemeinwesens, das unabhängig und verteidigungsfähig ist, über eine Investition in Bildung, Infrastruktur, eine grundlegende Reform der Versicherungssysteme von Rente bis Gesundheit und eine radikal demokratische Besteuerung. Es muss deutlich werden, dass das Gemeinwesen Geld kostet, genauso wie feststehen muss, dass selbiges von professionell unzweifelhaft qualifiziertem Personal bestritten werden muss.
Gleichzeitig müssen die Institutionen, denen eine nach wie vor große Bedeutung zukommt, im Sinne der Gewaltenteilung tatsächlich unabhängig sein. Letzteres ist seit langem nicht mehr der Fall. Wenn Staatsanwaltschaften nur auf Weisung ermitteln dürfen ist das genauso ein Beleg für eine Art Gleichschaltung wie die Entscheidung eines bereits konstituierten Bundestages, ob er eine Nachzählung der Stimmen zulässt oder nicht.
Und drittens ist es überfällig, sich Gedanken darüber zu machen, welche Voraussetzungen die Menschen mitbringen müssen, die sich für Mandate bewerben. Viele, so die These, würden die Tests, die man der Einbürgerung vorangehen lässt, nicht bestehen. Aber sich in das höchste Gremium des Landes wählen zu lassen, dazu soll es reichen?
Im antiken Griechenland, das so gerne als die Vorlage für das heutige Gemeinwesen genommen wird, war man weitaus strikter, was die Voraussetzungen für ein öffentliches Amt anbelangte, als hier und heute auf dem großen Basar der Unqualifizierten behauptet wird. Ein Anforderungsprofil, in dem formale Voraussetzungen, fachliche, methodische, soziale, strategische und ethische Qualifikation beschrieben sind, ist unbedingt zu erstellen. Jede und jeder, die sich um was auch immer in der großen Volkswirtschaft bewerben, kennen das Prozedere. Nur für das hohe Haus gelten andere Gesetze? Das ist ein noch schlimmerer Kalauer als der mit der stumpfen Axt!
