Wer Dortmund verliert und diesen Stich ins Herz dahingehend kommentiert, dass es noch hätte schlimmer kommen können, eigentlich hätte man sich behauptet, der hat die eigene Geschichte vollkommen ausgeblendet. Erinnert sei an die Zeiten, als der Gassenhauer gesungen wurde, in dem es hieß, in Dortmund könntest du mit einem Besenstiel, auf dem SPD stünde, in den Wahlkampf gehen und bekämst 80 Prozent. Ja, die Zeiten sind andere geworden. Und ja, das Ruhrgebiet ist nicht mehr das, was es einmal war. Und ja, Dortmund ist wohl die Stadt, die das Wüten des großen Sensenmannes durch eine geschickte Kommunalpolitik am besten hat vergessen machen können. Und ja, die andere große Referenz der Stadt, der Fußballverein, kooperiert jetzt mit einer Waffenschmiede und auch dort ist die Geldgier größer als die Scham. Und trotzdem. Wer die Hochburgen verliert und nicht im Alarmzustand ist, darf nicht mehr da bleiben, wo er ist.
Das Dilemma, welches die SPD seit Jahren mit jedem Wahlergebnis dokumentiert, ist ihr Problem. Sie hat seit langem die Loyalität zu dem aufgekündigt, was man im Englischen so treffend den Stronghold nennt. Ob Proletariat oder Arbeiterklasse oder, um den Strukturwandel der Ökonomie weiter zu fassen, ob alle, die sich aufgrund des Verkaufs ihrer Arbeitskraft in Wertschöpfungsprozessen befinden – die Bastion der Partei wurde geschleift. Und zwar aus den eigenen Reihen. Eine wie auch immer beschriebene, vermeintliche Staatsräson hat eine stetig heranwachsende Gruppe von Funktionären dazu veranlasst, die Loyalität zum Kern der Partei und seiner Anhänger aufzukündigen. Strategisch gesehen kann es törichter nicht zugehen. Was den engen Horizont der eigenen Karriere angeht, ist vieles jedoch allzu plausibel. Und könnte man über das Schicksal einer einzelnen Partei auch noch vielleicht achselzuckend hinwegsehen, das erdrückende an dieser Entwicklung ist die sich gesellschaftlich ausgebreitete Depression, die aus dem Gefühl der Machtlosigkeit des einstigen Klientels entstiegen ist. Der starke Arm, der so viel vermochte, ist auch in den Gewerkschaften erlahmt. Mit der Ära Merkel, die ihrerseits eine Sozialdemokratisierung Light der CDU einläutete und auch deren Kern schwächte, begann der dramatische Abstieg der Gewerkschaften, die plötzlich keine Rolle mehr spielten. Gegenwehr gab es nicht.
An die einstigen so genannten großen Volksparteien sei noch einmal und eindrücklich der Hinweis gerichtet, dass mit dem Larifari von Zeiten, die sich ändern, der eigene Niedergang nicht erklärt ist. Und auch nicht mit den Grünen, die zwischenzeitlich mit der Version einer pervertierten Romantik den Prozess der Zivilisation aufhalten wollten oder gar mit der AFD. Wer jede Einschränkung der Demokratie, jede Reglementierung und den Verrat an der Grundhaltung, für Frieden kämpfen zu wollen mit der Gefahr der AFD begründet, befindet sich gewaltig im Abwärtsstrudel. Diese Erkenntnis hat sich bis heute bei den Insolvenzverwaltern von SPD und CDU nicht gezeigt. Wenn sie jetzt meinen, prominent vertreten durch den SPD-Vorsitzenden, dem in der alten Hochburg Dortmund niemand mehr zuhören will, durch ein Verbot dieser stärker und stärker werdenden Konkurrenz retten zu können, haben sie sich gewaltig verkalkuliert.
Geht man vom Denkmodell der Demokratie aus, dann sind bestimmte Grundregeln profan. Wer sich an die Interessen derer hält, von denen er den Auftrag zu regieren erhält, wird die Zustimmung behalten. Und die Interessen des Gros der Bevölkerung haben sich auch in einer rasant verändernden Welt nicht geändert. Wohlstand, Unabhängigkeit und Frieden, nicht wenig, aber mehr auch nicht. Man frage mal die Leute am Borsig-Platz und suche den Fehler.

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Ich habe gar nichts gegen die Menge;
Doch kommt sie einmal ins Gedränge,
So ruft sie, um den Teufel zu bannen,
Gewiß die Schelme, die Tyrannen.
(Goethe)
Nach dem „starken Arm“ wird das Volk bald wieder verlangen und selig „befiehl, wir folgen“ rufen. Das ist ganz im Sinne der „Eliten“, anders lässt sich der ganze Irrsinn kaum erklären.