Archiv für den Monat Juni 2025

Romanische Opulenz

Jaume Cabré, Die Stimmen des Flusses. Roman

Wenn auf dem Lesezeichen des Verlages mehr als dreißig handelnde Personen vorgestellt werden, ist sicher, dass einen bei der Lektüre so etwas wie romanische Opulenz erwartet. Und so löst der katalanische Autor Jaume Cabré mit seinem Roman „Die Stimmen des Flusses“ dieses Versprechen auch ein. In einer Zeitreise, die lokal recht dürftig verortet ist, nämlich in einem kleinen Pyrenäendorf, breitet sich das reiche  Portfolio des spanischen Bürgerkrieges aus, das bis in unsere Tage wirkungsmächtig ist. Ganz nach der These, dass die Welt im Detail liege, staffiert Cabré die damals handelnden Charaktere mit ihrer in die Zukunft weisenden Programmatik aus.

Da ist ein ins Dorf gekommener Lehrer, der der Macht des Faschismus ebensowenig trotzen kann wie dem Charme des Widerstandes und der daran scheitern wird. Es wimmelt von stereotypen Funktionsträgern, die wenig zu bieten haben als im Auftrag der jeweiligen Macht Zweifelhaftes zu tun. Es ziehen sich Fäden der Liebe durch dieses Gewirr von Beziehungen, die sich nicht an den Verlauf der Machtlinien hält und die deshalb zum Verbrennen verurteilt sind. Und anhand der Metapher der vielen Flüsse, die diesem Gebirge entspringen, nimmt alles seinen Lauf, ohne die Möglichkeit der menschlichen Korrektur.

Da ist eine Elisenda Vilabru Ramis, die aus einer einflussreichen Familie entstammt und die auf falangistischer Seite als Hauptfigur ausgemacht werden kann, die, selbst seelisch verletzt und sozial lädiert, die jeweiligen Strukturen der Macht nur nutzt, um ein Imperium aufzubauen, das bis in unsere Tage reicht. Da ist ein Faschist aus Fleisch und Blut, der Bürgermeister des Ortes, der vom republikanischen Widerstand eliminiert wird und da ist eine ebenso tragische Forscherin aus dem Jetzt, die Licht in das große Dunkel jenes Bürgerkrieges zu bringen gedenkt und selbst an den schicksalhaften wie menschlichen Unzulänglichkeiten scheitert wie die historischen Figuren, denen sie  nachforscht.

Die Opulenz, mit der Cabré in diesem Roman aufwartet, stellt der Leserschaft gewaltige Aufgaben. Indem er historisch immer wieder in andere Zeiträume springt, vermittelt er seine Vorstellung, dass es universelle Themen gibt, die unabhängig vom jeweiligen Zeitgeist wirken. Es sind dies, bezogen auf die konkrete Erzählung, Liebe, Macht, Betrug, Missverstehen, und Kräfte, auf deren Wirkung niemand Einfluss hat. Und dennoch entkommen die jeweils handelnden Menschen nicht der Aufgabe, sich entscheiden zu müssen, zwischen Gut und Böse, zwischen Gerecht und Ungerecht, und zwischen Liebe und Hass. Eine Gewähr, damit erfolgreich zu sein, existiert jedoch nicht.

Die großen historischen Ereignisse, wie in diesem Fall der spanische Bürgerkrieg, wirken lange nach und den Entscheidungen, die Menschen damals getroffen haben, können selbst die Nachkommen nicht entrinnen. Auf den epischen Anspruch bezogen geht es nicht kleiner. Größer aber auch nicht. Romanische Opulenz eben. 

Romanische Opulenz

Bombenstimmung im Kanzleramt?

Es sind nicht die vorherrschenden Gedanken, die die Bilder hervorbringen, die wir in der Kommunikation verwenden. Und es ist wenig überraschend. Nicht die Idee bestimmt das Bild, sondern materielle Erfahrungen, alltägliche Umstände und allgemein verbreitete Vehikel sind es, die verwendet werden, weil sich jeder etwas darunter vorstellen kann. Diejenigen, die sich mit diesem Zusammenhang befassen, sprechen von Kollektivsymbolik. Um Abstraktes verständlich zu machen, suchen sich die Menschen Umstände, Verhältnisse und Gegenstände, die jeder kennt und unter denen sich die meisten etwas vorstellen können. 

Verschiedene Epochen gesellschaftlichen Wirkens, deren die heute Lebenden in der einen oder anderen Form beiwohnten, sind heute noch in den verwendeten Bildern präsent. Vom industriellen Zeitalter zeugen noch Wendungen wie Druck oder Dampf im Kessel, etwas auf die Schiene bringen, Hebelwirkungen, Treibstoff, oder es herrschte nur noch Notbeleuchtung etc. Und diejenigen, die aus dem großen Krieg kamen, sprachen von einer Bombenstimmung, die geherrscht hat, manche Frauen wurden als Granaten bezeichnet, Versager nannte man schon einmal Rohrkrepierer, und diejenigen, die zu sehr dem Alkohol zugesprochen hatten, galten als voll wie eine Strandhaubitze oder einen Angriff nannte man auch mal ein Flächenbombardement.

Die technologisch rasante Entwicklung und die Internalisierung unterschiedlichster Verfahren verdrängten so langsam Industrie und Krieg. Dafür hatten Begriffe aus der Kommunikationstechnologie und der Digitalisierung Einzug. Wir kennen das und haben es im Gebrauch. Wir reden von Datenflüssen, Schnittstellenproblemen, Speicherkapazitäten, von Updates und Formatierungen. Die Welt, so ist aus diesem Winkel der Betrachtung schnell festzustellen, hat sich in nur einem Menschenleben gravierend verändert. Oder, um genauer zu sein, nicht die Welt, sondern unsere Produktionsweisen und unsere Lebensverhältnisse.

Man muss kein Zukunftsdeuter sein, um eine Fortentwicklung der Kollektivsymbolik mit dem Fortschreiten der Künstlichen Intelligenz zu prognostizieren. Das, was wir machen und erleben, bestimmt die Bilder, mit denen wir abstrakte Gedanken versuchen zu veranschaulichen und verständlich zu machen.

Dass die Künstliche Intelligenz ein neues Kapitel in der Kollektivsymbolik aufschlagen wird, ist das eine. Dass allerdings eine Gesellschaft, die sich voll im Militarisierungsmodus befindet, auch in der Kollektivsymbolik in diese Richtung wird schreiten müssen, ist ebenso logisch wie folgerichtig. Um sich das näher auszumalen, sollen einige wenige Formulierungen illustrieren, was da auf uns zukommen mag:

Bombenstimmung im Kanzleramt; ein Drohnenangriff der Opposition; da verwendet jemand Streumunition, es werden Frontlinien beglichen oder korrigiert, man redet über einen Waffenstillstand, ein Gefangenenaustausch wird stattfinden, da werden Sabotageakte in der Etappe verübt werden und ein Rückzug wird nicht in Frage kommen.

Die Liste kann beliebig verlängert werden und es wird interessant sein zu beobachten, inwieweit der metaphorische Paradigmenwechsel bereits im Gange ist und wer von den Meinungstechnikern in der ersten Reihe steht, wenn es darum gehen wird, die Kollektivsymbolik dem barbarischen Spiel des Krieges anzupassen. Erste Erfahrungen sprechen dafür, dass auch in diesem Fall die Qualitätsmedien der liberalen Demokratie,  – bleiben wir bei unserer These -, dem Schlachtschiff derselben, die Rolle der Pioniere übernehmen werden. Und, mag man heute noch über den Terminus einer Bombenstimmung im Kanzleramt schmunzeln, einer solchen kann sehr schnell der Bombenalarm folgen. Dann ist Schluss mit lustig. Verbrannte Erde. Alles kaputt. Dann hilft nur noch ein: Reset! 

Bombenstimmung im Kanzleramt?