Archiv für den Monat Juni 2025

Bundeskanzler: Besuch beim Don

Der Fokus ist immer auf das Seichte und Unerhebliche gerichtet. Sieht man sich die Berichterstattung über das Treffen zwischen dem US-Präsidenten Donald Trump und dem deutschen Bundeskanzler Friedrich Merz an, könnte man den Eindruck gewinnen, dass ein entfernter Verwandter aus dem Provinz das in einem anderen Land  residierende Oberhaupt der Familie besucht und mit einem drolligen Gastgeschenk und einer gekonnten sprachlichen Avance den Don in gute Stimmung zu versetzen sucht. Weil dem der Ruf vorauseilt, dass mit ihm nicht gut Kirschenessen ist.

Gelobt wird der Bundeskanzler, weil er es vermocht hat, den Don nicht zu reizen und dieser ihm ab und zu wohlwollend zugenickt hat. Dazu muss gesagt werden, dass es nicht bei der Geburtsurkunde des deutschen Vorfahren und englischer Konversationsfähigkeit blieb. Obwohl die Verwandtschaft in der Provinz alles daran setzt, den Krieg mit dem östlichen Nachbarn fortzuführen, wurde plötzlich, um dem Don zu gefallen, von einem notwendigen Ende des Blutvergießens gesprochen. Dass dieses nicht einherging mit einem konkreten Vorschlag, wie das zu bewerkstelligen sei, versteht sich nahezu von selbst, weil die eigene Agenda eine andere ist. Der Nebel wurde eingebettet in die Versicherung, des Dons Vorschlag auf jeden Fall zu folgen und künftig 5 Prozent des Bruttoinlandsproduktes in das Militär zu investieren und auf keinen Fall mehr die Nord Stream Pipeline zu reaktivieren. 

Der Besuch hat klar gemacht, dass auch diese Regierung entschlossen ist, strategisch den falschest möglichen Weg einzuschlagen, der für die Bundesrepublik Deutschland verfügbar ist. Eine Investition in die Militarisierung auf Kosten von Bildung, Technologieentwicklung, Gesundheit und Kultur wird destruktive, das Klima schädigende Branchen beflügeln. Und der Entschluss, sich weiterhin auf den Bezug teurer Energien festzulegen wird die bestehende Industrie ins Konkurrenzaus verfrachten. Einem konjunkturellen Strohfeuer wird ein substanzieller Verfall folgen. 

Wenn man so will, hat die eine Fraktion des amerikanischen Imperiums den Krieg in der Ukraine in vollem Bewusstsein initiiert und die andere ist nun dabei, einen einstigen strategischen Partner in die Bedeutungslosigkeit sinken zu lassen. So stellt man sich wahre Freundschaft vor. Und in diesem Licht sind die verschiedenen Unterwerfungsgesten, deren Zeugen wir werden mussten, umso beschämender. Zunächst ein Kanzler, der beim letzten Don daneben stand, als dieser ankündigte, dem Freund die kritische Infrastruktur zu zerstören und jetzt sein Nachfolger, der versichert, diese auf keinen Fall wieder nutzen zu wollen und die noch bestehenden Möglichkeiten, wieder auf die Beine zu kommen dazu zu nutzen, Kriegswerkzeug zu produzieren und zu kaufen, was einer Geldverbrennungsorgie gleichkommt.

Kürzlich dozierte ein renommierter Ökonom, dass alles, was einmal im industriellen wie im sozial-politischen Komplex verbrannt sei, für immer verloren ist. Es kommt nicht zurück. Insofern wäre es angeraten, alle Mittel aufzuwenden, um die eigene Gesellschaft, ihre vorhandenen intellektuellen Ressourcen und Fähigkeiten sowie die kulturellen Güter zu fördern und weiterzubringen. Dazu gehört die Beschreibung eines eigenen Weges, der nur selbstbewusst und souverän beschritten werden kann. Innen wie außen! 

Die neuerlichen Unterwerfungsgesten mögen von einer strategisch komplett erblindeten Claque heftig beklatscht werden. Dem Land und seinen Menschen wurde wieder einmal ein Bärendienst erwiesen. Um in der Sprache des gegenwärtigen Dons zu bleiben: Well done! It ´s going all the way down!

Bundeskanzler: Besuch beim Don

Die Dechiffrierung von Herrschaft im Kommunikationszeitalter

Ray Bradbury. Fahrenheit 451. Roman

Manche der Dystopien, die im letzten Jahrhundert erschienen, wurden zu einem bestimmten Zeitpunkt ins historische Museum verfrachtet. Man glaubte, sie seien zur Zeit ihrer Entstehung weitsichtig gewesen und hätten mit ihrem Szenario vor möglichen Entwicklungen eindringlich gewarnt. Aber, so der Tenor, irgendwann hätte die moderne, liberale Gesellschaft doch die Oberhand gewonnen und die düsteren Visionen eines autoritären, totalitären und alles kontrollierenden Staates seien nicht mehr zeitgemäß.

Von den vier großen Erzählungen, die eine Dauerhaftigkeit in Sachen politischer Dystopie für sich beanspruchen konnten, stammten zwei von George Orwell. Die Animal Farm hatte insofern etwas Spezielles, als dass sie das vermeintlich eherne Gesetz der Restauration von ursprünglichen Befreiungsbewegungen thematisierte und in dem konkreten historischen Kontext der Sowjetgesellschaft gelesen werden musste. Aber bei 1984 gering es um Autoritatismus, genauso wie bei Brave New World von Aldous Huxley und Fahrenheit 451 von Ray Bradbury.

Und Bradburys Werk, das lange als eine gelungene Entgleisung eines Science Fiction Autors gefeiert wurde, der das Werk zunächst unter dem Namen Der Feuerwehrmann als Groschenroman verfasst hatte, ist von den genannten das heute kaum noch erwähnte. Gut, das Verbrennen von Büchern (bei der Temperatur von Fahrenheit 451 beginnt Papier zu brennen) durch staatliche Organisation existiert (noch?) nicht, aber die Indexierung vieler Schriften, die einem sich liberal gebenden, aber mit großen Schritten auf einen totalitären Staat zugehenden Weg entspricht, liest sich wie eine Empfehlung für die Lektüre von Fahrenheit 451.

Und bei dieser fällt auf, wie aktuell das Anfang der 1950iger Jahre entstandene Buch ist. Manche Passagen könnten heute immer wieder in aktuellen politischen Diskussionen auftauchen, resp. sie sind dort zu lesen. Sie betreffen nicht die Sanktionsformen des Staates, aber den Zeitgeist, der diesen beim Abbau demokratischer Rechte massiv unterstützt. Das so genannte post-faktische Zeitalter, und die in ihm angewandten Methoden findet sich bei Bradbury in frappierender Schärfe. Und weil es so treffend ist, hier ein Schnipsel aus dem Original:

„Stopfe ihnen den Kopf voll nüchterner Tatsachen, bis sie sich zwar überladen, aber doch „umfassend informiert“ vorkommen. Dann glauben sie, denkende Menschen zu sein und vom Fleck zu kommen, ohne sich im Geringsten zu bewegen. Und sie sind glücklich, weil diese Tatsachen keinem Wandel unterworfen sind. Es wäre falsch, ihnen so glitschiges Zeug wie Philosophie oder Soziologie zu vermitteln, um Zusammenhänge herzustellen. Das führt nur zu seelischem Unglück.“

Besser kann der tägliche Mechanismus der Informationsweitergabe im Kommunikationszeitalter heutiger Prägung nicht zusammengefasst werden. Das tatsächlich Verstörende an der Lektüre ist die Freilegung der Fundamente eines totalitären Geistes in der demokratischen Massengesellschaft. Der Zugang zu Wissen ist das eine. Die Überfrachtung derer, die beherrscht werden sollen, mit unmaßgeblichem, irrelevantem Wissen das andere. Und wer nicht unterscheiden kann, was er benötigt, um seine Interessen und die seiner sozialen Entropie wahrzunehmen und dem, was die geistigen Depots überflutet, aber keinerlei Relevanz besitzt, ist bereits das Objekt totalitärer Herrschaft geworden. 

Und das geschrieben von einem Science Fiction Freak in den USA der fünfziger Jahre. Den politischen Hintergrund bildeten damals der Ost-West-Konflikt, der Korea-Krieg und der McCarthyismus im eigenen Land. Noch Fragen? 

Dann lesen Sie Fahrenheit 451!

Die Dechiffrierung von Herrschaft im Kommunikatioszeitalter

Warum Voltaire?

Als man vor einigen Jahren bei der National Library in Washington beschloss, auch alles für die Nachwelt zu speichern, was auf Twitter geäußert wurde, war für manchen Spott gesorgt.  Viele derer, die zum Lager der Kritik gehörten, sprachen von Trash, Müll, der es nicht wert sei, der Nachwelt überliefert zu werden und man verwies zudem auf die enormen Kosten, die der dadurch benötigte Speicherplatz verursachen würde. Was spontan als ein durchaus vernünftiger Einwurf gelten kann, ist bei näherer Betrachtung jedoch zu kurz gedacht. Das vielleicht gravierendste Argument gegen eine solche Position ist bereits mehr als eineinhalb Jahrhunderte alt und wurde von einem Mann geliefert, der seinerseits in wilden Zeiten lebte, in denen auch so mancher Unsinn gezwitschert wurde. Es handelt sich um Heinrich Heine, der die Wirren und absonderlichsten Diskussionen in seinem Pariser Exil hautnah miterlebte, immerhin der Stadt, die zu seiner Zeit den Ruf der globalen Metropole genoss. Heine sprach bei allem, was er selbst an Äußerungen, Positionen und Meinungen wahrnahm, als von einer Signatur der Zeit. Einer Art Stempel, der dokumentierte, wie die Menschen in einem historischen Kontext dachten und fühlten. Wie, so muss man auch aus heutiger Sicht zustimmen, kann man auf diese Signatur verzichten, wenn man die heutigen Zeiten einmal verstehen will?

Betrachten wir das, was ganz aktuell in den verschiedenen Medien, ob in den selbsternannten Qualitätsorganen oder durch die subjektivsten Einwürfe in den sozialen Medien das Licht der Welt erblickt, so können wir viel Emotion orten, die immer gepaart ist mit Verletzung und Aggression, wir registrieren Feindbilder und Sündenböcke, wir erblicken sehr viele Allerweltsweisheiten und so manches Zitat, von dem man tatsächlich den Eindruck hat, dass es die große Unsicherheit, in der wir uns befinden, sehr gut auf den Punkt bringt oder sogar mögliche Wege aufzeigt, wie man wieder da herauskommen kann.  Die so genannten großen Geister der globalen Philosophie haben da ihren Platz, ob Konfuzius, Platon oder Sophocles, wir finden Räsonnements über den Umgang mit Macht, wie bei Machiavelli und Geister der aufgehenden Moderne wie Nietzsche. Alles gut und alles richtig. Aber, das muss gesagt werden, außer dass es eine Signatur der Zeit ist, in unruhigen Zeiten die Leuchttürme der Vergangenheit anzuzünden, sagt das alles nichts aus.

Mit einer Ausnahme. Ein Name taucht immer wieder mit einem Zitat auf. Und immer trifft es das, was eine große Mehrheit der Menschen als bitteres Defizit unserer Tage auszumachen scheint. Damit ist das gemeint, was wir als gesellschaftliche Substanz eines demokratischen Modells ansehen. Seine Säulen werden brüchig und stürzen ein. Und der Name dessen, der in diesem Kontext immer wieder auftaucht, steht für den Bau dieses semantischen Gebäudes. Es ist Voltaire. Er trifft den Nerv unserer Tage, er katapultiert uns in die Zeit, in der die Fundamente für das angelegt wurden, auf das wir uns über Generationen berufen haben. Wenn es eine personifizierte Signatur für das gibt, was wir heute vermissen und was nahezu systematisch absurderweise von jenen eingerissen wird, die glauben machen wollen, sie würden es verteidigen, dann ist es Voltaire. Der Mann aus dem Pariser Pantheon. Er ist die Signatur unserer Zeit. Mit ihm ist die Krise zu dechiffrieren.   

Warum Voltaire?