Im Russischen existiert das schöne Bild eines Wolfes, der viel Schnee gesehen hat. Es geht um Alter und Erfahrung. Ein Bild, das Würde und Respekt ausstrahlt. Und eine Referenz an die Natur. Nur wenigen Menschen wird diese Metapher zugestanden. Es sind die, die vieles gesehen haben und Schlüsse daraus gezogen haben, die das ausmachen, was landläufig auch Weisheit genannt wird. Das Bild, das in einer technisierten und maschinisierten Welt, in der ein kleines Rudel schon Untergangsphantasien auslöst, vom Wolf gezeichnet wird, entspricht in keiner Weise seinem Wesen. Wölfe sind nicht die marodierenden, angriffslustigen und blutrüstigen Wesen. Sie sind Beobachter aus der Distanz, gehen Gefahren wo möglich aus dem Weg und setzen nur dann zur Jagd an, wenn es um ihr eigenes Überleben geht. Allein dieses Verhalten ist bereits weise. Wie eben vieles, was einer natürlichen Entwicklung und Ordnung unterliegt. Die Brüche, die in der menschlichen Existenz so verheerende Folgen haben und die durch das Changieren von Schein und Sein entstehen, haben aus der Perspektive des Wolfes keine Relevanz. Ein Volk, das den betagten Wolf zu einer Metapher bemüht, weil ihm diese Irritation der menschlichen Zivilisation erspart geblieben ist, kann ebenfalls als weise bezeichnet werden. Und, um persönlich zu werden: ich habe mir zum Ziel gesetzt, ein Wolf zu werden, der sehr viel Schnee gesehen hat.


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Danke für diese weisen Worte!