Ostenmauer – 21. Abschied

Für mich sind Abschiede etwas fürchterliches. Nicht, dass sie mir nicht gelingen würden. Das bekomme ich hin. Perfekt sogar. Tabula rasa, Tür auf und raus. Tief in meinem Innern lauert ein Trauma. Bereits als Kind musste ich mich immer wieder gezwungenermaßen von Menschen trennen, die mir am Herzen lagen. Ich will nicht zu sehr ins Detail gehen. Da haben sich Dinge ereignet, über die ich heute, nach Jahrzehnten, immer noch nicht sprechen will. Entscheidend ist, dass ich das alles überlebt habe. Und die Technik, die ich mir angeeignet habe, ist die des Vollzugs in absoluter Kälte. Die Liquidierung all dessen, was hinter mir liegt. Die Zerstörung aller Dokumente. Das Einzige, was akzeptiert wird, ist der konsequente Blick nach vorne. Ist die Hürde des Abschieds überwunden und hat das Neue eine Kontur angenommen, dann erlaube ich mir allmählich einen Blick zurück. Ganz entspannt, ohne Ressentiment, mit viel Verständnis. Das tut gut und hat noch nie Narben hinterlassen. Aber der Augenblick des Abschieds ist ein Fiasko. Die Art und Weise, wie ich damit umgehe, habe ich so perfektioniert, dass ich gar nicht mehr leide. Die Psyche ist ein absurdes Produkt. 

The blue light was my Baby, the red light was my mind

2 Gedanken zu „Ostenmauer – 21. Abschied

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  2. Avatar von Gerhard KellerGerhard Keller

    Diese Beschreibung von Abschiedsritualen etc. kommt mir vertraut vor. Auch ich habe einen dicken Schnellhefter mit Dokumenten etc. über Abmahnungen, dienstl. Beurteilungen, Versetzungsverfügungen usw. noch Jahre nach meiner Beendigung des Erwerbslebens aufbewahrt, jedoch mit der Verbrennung dieser Akte meine innere Ruhe gefunden.

    Einer aktueller Abschied war das Ergebnis meines im Sinne des Blogbetreibers nonkonformistisches und angeblich grenzwertigen Kommentarverhaltens. Nach über 15 Jahren überrascht mich dabei die radikale und eiskalte Form der totalen virtuellen Auslöschung meiner Person. Nicht belegte Behauptungen, üble Nachrede und Verleumdung haben am Ende selbst auf der Seite des anwanzenden Schulterklopferkommentariats nicht die geringste Solidarität erzeugt. Dieses typisch deutsche Verhalten traf mich im ersten Augenblick besonders hart. Heute kann ich mich aus der „Distanz“ nur noch müde darüber amüsieren, wie „Schneewittchen und seine sieben Zwerge“ in Selbstbestätigungsorgien schwelgen.

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