Ostenmauer – 11. All Along The Watchtower

Ursprünglich wollte ich schreiben, dass jeder Mensch vielleicht ein Lied oder ein Musikstück in seinem Gedächtnis führt, das er früh gehört und das ihn sein ganzes Leben begleitet hat. Doch dann kam mir die Erkenntnis, dass ich mich an mich alleine halten und nicht von mir auf andere schließen sollte. Damit ist, wie so oft bei fahrenden Gesellen, durch einen Schlenker die Einleitung gelungen. Ich weiß nicht mehr, wie ich in den Besitz dieser Single kam. Ich glaube, ein älterer Freund hatte davon geschwärmt und ich hatte jemanden, den ich kannte, gebeten, sie mir aus der nächst größeren Stadt mitzubringen. Was auch geschah. Und als ich sie dann heimlich, als niemand im Haus war, im Wohnzimmer in der Musiktruhe auflegte, war es um mich geschehen. Ich hörte „All Along The Watchtower“ von Jimi Hendrix. Ich war ergriffen, bekam eine Gänsehaut und begriff, dass es eine ganz andere Welt gab. Alles, was bis zu diesem Augenblick war, nahm eine andere Entwicklung.

Ich wusste nicht, dass es sich dabei um eine Stück von Bob Dylan handelte und dass Hendrix es lediglich interpretiert hatte. Allerdings so, dass Dylan später öffentlich verkündete, das Stück gehöre Jimi, er hätte es so veredelt, wie es ihm niemals gelungen wäre. Das alles erschloss sich mir erst später. Genauso wie der Text. Und trotzdem oder gerade deswegen. Diese Musik war das Tor zur Freiheit. Es war die einzige Platte, die ich besaß und ich nahm sie in dem Sommer zusammen mit einem kleinen Dual-Plattenspieler mit an den Heidesee. Es war meine Musik dieses Sommers. Ich weiß nicht, wie oft ich das Stück spielte, es muss mehr als 1000mal gewesen sein. Mir wurde dabei nie langweilig. All Along The Watchtower ist der Sommer, als mein Leben begann.

Zurück in der Schule, spielte ich das Stück Freunden vor. Da merkte ich, dass es nicht allen so erging wie mir. Manche konnten damit nichts anfangen, andere fanden es sogar scheußlich. Aber die, denen es beim Hören so erging wie mir, die blieben mir erhalten. Vor wenigen Jahren stieß ich auf einen dieser damaligen Freunde in den sozialen Medien. Wir hatten uns mehr als vierzig Jahre aus den Augen verloren und als wir uns gegenseitig bestätigt hatten, dass wir es wirklich waren, die damals zusammen zur Schule gegangen waren, schickte mir der Freund, unaufgefordert, quasi als Erkennungszeichen All Along The Watchtower. 

Ist es nicht magisch? Ein Stück, das du hörst, verändert dein Leben und bleibt dir für immer erhalten? Und der Text, den du erst viel später entziffert und begriffen hast, der offenbart sich als der programmatische Dialog deines gesamten Lebens? Possenreißer und Diebe, als Synonyme für die Outcasts, die Außenseiter, die auf eine ihnen unheimliche Ordnung der Gesellschaft blicken, halten das nicht aus und sinnen auf Flucht! Das war mein Programm. So verlief mein Leben! Und das erzählte mir Jimi Hendrix mit den Worten von Bob Dylan auf einem Dual-Plattenspieler in jenem Sommer an die 1000mal. Und alles trat so ein, wie dort beschrieben. Ist es da verwunderlich, dass dieses Stück bis heute der Schlüssel zu meinem tiefsten Inneren ist?   

4 Gedanken zu „Ostenmauer – 11. All Along The Watchtower

  1. Avatar von Gerhard KellerGerhard Keller

    Das kenne ich auch. Ich bin mit Woodstock und (dem schwarzen Pendant) Wattstax groß geworden. Meine Favoriten sind Funk und Soul. An der Spitze steht der Welthit „Papa was a rollig Stone“ von den Temptations, die leider inzwischen alle verstorben sind. Ich hatte aber das Glück, sie in Unna, in der Balver Höhle und in Menden life zu erleben. Fester Bestandteil dieses Musikstils war der Wahwah-Sound von Melvin Ragin.

  2. Avatar von Gerhard KellerGerhard Keller

    Aufgewachsen in Witten-Herbede/Bochum. Seit 25 Jahren (Heute Jubiläumstag) liiert mit Frau in Unna (Wochenendbeziehung – sie arbeitet noch).

  3. Avatar von BludgeonBludgeon

    Ooooor! hier nu einen Stern vergeben zu können ist grausam. Das ist so war: Die Lebensmelodie zu finden!

    Mir erging es zuerst so mit dem Sladeauftritt in der ZDF „Disco“ mit „Far far away“ – das nahm mich so mit – mit 14! Das sprach mich so dermaßen an, ohne dass ich viel vom Text verstand. Die Englischkenntnisse waren in blutigen Anfängen, erst ein Jahr Unterricht! „The yellow lights go down the Mississipi“ das wars! „Du siehst den Dampfer fahren – Saale abwärts!“Das kam mir einfach so ein. Was far away bedeutet – musste ich Vatern fragen. Die eigentliche Botschaft blieb im Dunkeln. Aber da war dieses Sehnen nach irgendwo oder hin zu irgendwem – der Most im Kopp, der grade gärte… tja … und Schlag zwo waren dann diese Typen mit dem House of the rising sun, wo die Gitarre brennt – und deren Namen jeder anders verstand und der in allen Kassettenverzeichnissen der Mitschüler anders stand: Picture Pink, Fricture Pink, Fick’ya pink usw. Hab ich gelacht, als ich die CD nach der Wende in Händen hielt und endlich erfuhr – wie die sich schreiben!

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