Ostenmauer – 6. Poporello

Er war kein Stadtstreicher. Alles sprach dagegen. Dennoch wirkte er so, wenn er gebeugten  Schrittes durch die Straßen pirschte, immer mit einem gehetzten Gesichtsausdruck, immer ein wenig entrückt und immer um Tempo bemüht. Seine Kleidung passte weder zum Eindruck eines Stadtstreichers noch in die Zeit. Er trug einen einstmals edlen, abgewetzten, aber immer noch tadellosen Lodenmantel, einen dazu passenden Hut und mit der Jagdtradition kokettierende Schuhe. Wenn er einmal irgendwo stehen blieb, etwas beobachtete und sich dazu äußerte, dann war schnell klar, dieser Mann war nicht verrückt, sondern er hatte einen präzisen Verstand und überraschte damit alle, die meinten, sie müssten mit einem ihrerseits dümmlichen Verhalten seiner eigenartigen Reputation Rechnung tragen.

Hinzu kam, dass ihn etwas Geheimnisvolles umwehte. So, wie es aussah, war er nicht arm, sondern lebte in finanziell gesicherten Verhältnissen. Im Knick der Klostergasse bewohnte er das gesamte Parterre eines gut bürgerlichen Domizils, das zwar einen Hauch von Morbidität verströmte, aber wo tut es das Bürgerliche nicht? Er lebte allein, nur manchmal kam zu ihm eine Zugehfrau, die die Wohnung putzte, seine Wäsche wusch und ihn bekochte. Das einzige Wesen, das mit ihm unter seinem Dach leben durfte, war ein alter Jagdhund. Der lief den ganzen Tag allein in der Stadt herum, nahezu auf denselben Routen wie sein Herrchen. Nur abends kam er nach Hause, und nur dann, wenn das Herrchen seinerseits von seinen festen Routinen zurückgekehrt war. Das waren klar beschriebene Wege, die er beschritt. Denn, obwohl er über Geld verfügte und alleinstehend war, in Gaststätten, Cafés oder ähnlichen Etablissements sah man ihn nie. Die mied er konsequent. Der Eindruck, den er vermittelte, war der eines zwar etwas verschlampten, aber präzisen Uhrwerks. 

Morgens, wenn der Hund bereits herausgelassen war, ging unser Mann im Lodenmantel einmal die Hauptstraße herauf und wieder herunter, besah sich die Auslagen und erschreckte den einen oder anderen Händler, oder frühe Passanten mit seinen Kommentaren zu dem, was er beobachtete. „Da dekoriert mir der richtige Kretin. – Du hast aber ein völkisches Spitzmäulchen. – Dein Röckchen trägt dich aber flugs ins Schlafgemach.- Des Michels Edle ist die Torheit.- Fern ab der Poesie herrscht der Wahn der Begriffsstutzigen.- Nackte Schenkel schmücken das Kirchenportal.“ 

Die Notizen und Kommentare, die er hörbar von sich gab, zeugten von Sprachgefühl und Intelligenz, aber sie beschrieben auch seine Einsamkeit. Und diejenigen Bürger, die ihn hörten, waren verstört und amüsiert zugleich. Ein wahres Ärgernis, das Ablehnung und Hass beschwört, war er nie. Ganz im Gegenteil, ihm schlugen Sympathien, vor allem auch der jungen Leute, entgegen. Aber allen war gleich einer heiligen Formel klar, dass niemand den modus vivendi durchbrechen durfte, um dieses bereichernde Ereignis nicht aufs Spiel zu setzen. Niemand sprach ihn an, er sprach seinerseits niemanden direkt an. Niemand ärgerte ihn oder seinen Hund und er ärgerte niemanden. Morgens die Hauptstraße, dann Mittagessen und ein Nickerchen zuhause. Nachmittags die Runde im Stadtpark, am Flüsschen entlang, dann wieder nach Hause und Schluss. 

Er war kein Stadtstreicher. Er war kein Bürger. Wie ein Band durchlief er die kleine Stadt. Mit Botschaften, die verschlüsselt waren, aber deutlich machten, dass alles, was als normal galt, hinterfragt werden konnte. Dafür wurde er geschätzt. Für die Botschaft, dass nichts so war, wie es schien. Das war unheimlich, andererseits wiederum beruhigend. So lange er lebte, waren auch die Leute klüger. Als er nicht mehr zu sehen war, begannen die, die danach dort lebten, alles zu glauben, wie es erschien. Die Botschaft, die alles zum Rätsel machte, war weg.

Auf Poporellos Route