Ostenmauer – 3. Das Leben ist kein Strich

Ich weiß nicht, wie lange ich gejammert habe. Ich weiß nicht einmal, ob ich gejammert habe. Oft habe ich geklagt, ja. Über meine Kindheit. Über mein Schicksal. Über meine Verhältnisse. Mal habe ich daraus eine Tugend gemacht, mal habe ich meine Unentschlossenheit und meine Wut damit entschuldigt. Was ich weiß, ist, dass ich irgendwann damit Schluss gemacht habe. Und zwar in dem Augenblick, als man mir Verantwortung gab. Verantwortung für andere. Da war der morbide Selbstzweifel gebannt. Dann ging es bergauf. Daher weiß ich heute kaum noch, wie die lange Zeit vor dem Tag aussah. Ab diesem Tag, als ich das Heft in die Hand nehmen durfte, galt für mich der Satz aus Jean Paul Sartres Werk „Das Sein und das Nichts“: „Die Existenz ist etwas zu Leistendes!“ Der Satz hat für mich bis heute Geltung. Alles andere halte ich für Unsinn. Das Reklamieren des bloßen Seins, das heute so sehr in Mode gekommen ist, erinnert mich an die alten Zeiten, in denen ich mehr gelitten als genossen habe. Daraus kann nichts Gutes erwachsen. Da liegt etwas im Verborgenen. Und, ehrlich gesagt, da soll es auch bleiben. Denen, die mir das Vertrauen schenkten und mir die Macht gaben, in die Verantwortung zu gehen, bleibe ich bis ans Ende meiner Tage zu Dankbarkeit verpflichtet. Egal, wie sie sich auch entwickelt haben. Das Leben ist kein Strich. Und die, die auch in schlechten Zeiten den Glauben an mich nicht verloren haben, bleiben meine Sterne am Himmel. Die Grundform allen Daseins ist die Bewegung. Amen.

Ein Gedanke zu „Ostenmauer – 3. Das Leben ist kein Strich

  1. Avatar von LeelaLeela

    Existenz ist etwas zu Feierndes, gefällt mir besser…

    Jammern entsteht dabei nicht. Nur Freude, Tanz, Musik und achtsames Berühren der Erde unter den Füßen…

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