Archiv für den Monat Dezember 2024

Fundstück: Wie eine Träne im Ozean

Vielleicht ist es die Metapher überhaupt, die in der Lage ist, das Gefühl zu materialisieren, dem der Mensch in der Moderne, in der technisierten Massengesellschaft, unterliegt. Der in der heutigen Ukraine geborene Schriftsteller Manés Sperber ersann diese Metapher als Titel für eine Romantrilogie, die er geschrieben hatte und die sich mit der verlorenen, zerbrochenen Illusion des Kommunismus auseinandersetzte. Folgerichtig hatten bereits die einzelnen Bücher leidensgeschichtliche Titel: 1. Der verbrannte Dornbusch, 2. Tiefer als der Abgrund, 3. Die verlorene Bucht. Anhand zweier Protagonisten beschrieb Sperber den langen Weg von Osteuropa in den Westen und vom Stalinismus in den bürgerlichen Liberalismus. Obwohl der Faschismus besiegt werden konnte zum Preis eines materiell zerstörten Westeuropas brachen große Teile der osteuropäischen kommunistischen Jugend unter der Niederlage des kommunistischen Ideals durch den Stalinismus ebenfalls zusammen. Wie eine Träne im Ozean, das beschrieb die Weiterexistenz in einer immensen, amorphen, gewaltigen Masse mit der individualisierten, nur atomisiert wahrnehmbaren Trauer und Melancholie. Nichts konnte vernichtender sein, um das 20. Jahrhundert zu beschreiben.

Jenseits der kommunistischen Ideale hat das Bild jedoch seine Fortsetzung. Während im Osten die bereits geopferte Vision immer noch auf dem Altar stand, wurde im Westen die Freiheit des Individuums als das große Projekt des 20. Jahrhunderts festgeschrieben. Und nach dem Kapitel, das als der Kalte Krieg bezeichnet wurde und das nun eine Renaissance erfährt, als das Sowjetimperium implodierte und der Freie Westen auf keine Grenzen mehr zu stoßen schien, da entpuppte dieser sich auch jener Generation, die mit ihm als Stimulans aufgewachsen war, als ein verzerrtes Projekt, in dem es um nackte Macht und nackten Reichtum ging. Bliebe man im literarischen Genre, so müsste jetzt eine weitere Trilogie folgen, und zwar die über die zerbrochene Illusion des Westens, die eine ehemalige Jugend zurücklässt, die sich fühlt wie die einstige kommunistische. Das Déjà-vu jedoch könnte sich unter der gleichen Metapher wiederfinden wie das historische Original: Wie eine Träne im Ozean.

Und alle, die sich mit Abscheu oder in großer Enttäuschung von den politischen Visionen abgewendet haben und nun auf eine technische Lösung des menschlichen Strebens nach Glück setzen, werden mit Sicherheit auf die gleiche Bezugsgröße zurückkommen wie die ihr vorangegangenen idealistischen Bewegungen. Am Ende stehen Macht, Gewalt und Reichtum. Die technische Vision ist ebenso wenig von den beschämenden Mustern der menschlichen Natur zu trennen wie bei den politischen Visionen, die ihr vorausgegangen sind. Und so konstant wie der Ruin einer jeden Vision ist das Bild, das das menschliche Debakel, das sich hinter dieser Zerstörungstat verbirgt. 

Wenn es eine literarische Pionierarbeit in der Moderne gab, die eine Analogie zu Sperbers Roman bildet, dann waren es Balzacs Verlorene Illusionen und Glanz und Elend der Kurtisanen, die die brutale Hinrichtung der Illusion der freien Meinungsäußerung durch eine unabhängige Presse zum Thema hatten. Das bürgerliche Ideal der freien Meinung verschwand unter dem Hammer des Wertgesetzes und des Zeitungsmarktes. Das war es noch die verlorene Illusion Einzelner. Nach dem Einsturz des Kommunismus betraf es radikal alle, ohne Ausnahme. Und die Metapher, die unser aller Gemütszustand präzise umreißt, ist die Träne im Ozean. Mit dieser Tragödie müssen wir leben.

Toxischer Feminismus

Ein Schauplatz, der bis heute zu wenig in den Fokus der Beobachtung geriet, verdient einen tieferen Blick. Was ist eigentlich passiert, wenn eine bundesdeutsche Außenministerin die Maximen ihrer Politik feministisch nennt und das wohl etablierteste Organ des neohistorischen Feminismus, die Zeitschrift Emma, gegen eben diese Form der Außenpolitik vehement argumentiert. Man muss im Kopf haben, dass es besonders bei Emanzipationsbewegungen immer sehr hart zur Sache geht, wenn um die Deutungshoheit der zentralen Begriffe gerungen wird. Das ist bei den sozial-revolutionären Bewegungen sogar zu einem historischen Standard ausgewachsen. Eine Spaltung folgte der nächsten und kein Klassenfeind konnte so gehasst werden wie die Opponenten im eigenen Lager. Bereinigen wir also diese Vehemenz aus der Debatte. Und dennoch: es existieren zwei komplett konträre Vorstellungen von einer feministischen Außenpolitik.

Es wäre anmaßend, den Mainstream der Vorstellungswelt eines feministischen Verfahrens im internationalen Verkehr hier definieren zu wollen. Nur soviel: nach dem tradierten Verständnis hätte eine solche Diplomatie zum Ziel, Kriege zu verbannen und die Augenhöhe derer, die am jeweiligen Tisch sitzen, anzustreben. Dieses ist meines Wissens zu Teilen in den Weltregionen untereinander gelungen, die hier aus dem kalten Norden so gerne als der globale Süden bezeichnet werden. Hier, im Zentrum der Welt, gilt das nicht. 

Deshalb hat sich in Europa und den USA auch so etwas wie ein Krypto-Feminismus gebildet, der die Persönlichkeiten, die sich in der einst männlich dominierten Sphäre durchgesetzt haben, damit für ihr Vorgehen entschuldigt, dass es in einer Welt von Männern nicht anders ginge. Wenn dem so ist und sich alle Erklärungsmuster darauf reduzieren, dann ist die Frage zulässig, warum dann noch von Feminismus im Zusammenhang mit politischer Macht gesprochen werden muss. Reicht da nicht der immer und überall vulgarisierte Machiavelli? Für viele Männer, die ihre Macht mit Frauen teilen, wäre dass vollkommen in Ordnung. 

Wenn jedoch bestimmte Exemplare mental alles übertreffen, was die männlichen Autokraten dieser Welt propagieren und zu verantworten haben, dann muss doch mit der Strenge der Lehre Maß angelegt werden. Ja, immer wieder und wieder sind die Erklärungen zu hören, dass es in dem rauen maskulinen Umfeld notwendig sei, mit gleicher Münze zu zahlen, so übertrifft dieses Zahlungsmittel oft alles, was in der realen Welt in Umlauf ist.

Die Rede ist von einer Art toxischem Feminismus, der nicht nur doppelmoralisch daherkommt, sondern auch das Völkermorden toleriert, der vom Belehren lebt, der zu Kreuzzügen aufruft, der den Krieg verherrlicht und seinen Auftraggebern ins Gesicht lügt. Und je einfältiger und impertinenter die Manöver, desto berauschender scheinen sie auf die Verursacher zu wirken.

Und das, was diese toxische Form des Feminismus auf der einen Seite generiert, wird nicht selten gespiegelt durch eine Unterwürfigkeit, die das Bild vom Hündchen auf dem Schoß von Hegemonen hervorruft. Da ist dann nichts mehr von Eigenständigkeit, Souveränität, einem eigenen Willen, Selbstachtung und Durchsetzungsvermögen zu beobachten. 

Als Diagnose bleibt da nur noch der alte Satz, dass Macht als grausamer Faktor die schwachen Seelen kirre macht. Ob sie nun männlich oder weiblich sind. Manche sind ihr einfach nicht gewachsen und sollten die Sphäre so schnell wie möglich verlassen. Oder die Weitsichtigeren sollten sie schnellstens entfernen. Der Gedanke der Emanzipation ist zu wichtig, als dass er in dieser Weise kolportiert werden dürfte.    

Goldener Westen: propagandistische Exzellenz

Die Ampel-Koalition ist Geschichte, die Regierung Macron hat suizidale Anwandlungen und die Dauer von präsidialer Amtsgewalt im britischen Konfetti-Empire hat Halbwertzeiten unterhalb derer niederländischer Tulpenfelder. In den USA hat ein hierzulande als alter, feiner Atlantiker titulierter Präsident kurz vor seiner Ablösung noch einmal richtig tief in die Autokratenkiste gegriffen. Erst erlaubte er der Ukraine, Raketen weit auf russisches Territorium zu feuern, dann lieferte er international geächtete Streumunition und zu guter Letzt hat er seinen in mehreren Fällen angeklagten Sohn noch begnadigt. Dass bei dieser Aufzählung – bis auf Deutschland – die Mutterländer der liberalen Demokratie sind, zeigt, wie erodiert die Idee dieser Staatsform auf dem eigenen Territorium ist.

Da fällt einem doch gleich der gebetsmühlenartig vorgebrachte Satz des ehemaligen Langzeitbundeskanzlers Helmut Kohl ein, der zu sagen pflegte, man solle erst einmal seine Hausaufgaben machen, bevor man sich über andere hochmütig erhebe. Ob er das in den jetzt erwähnten Fällen auch so vorgebracht hätte, sei dahingestellt. Aber passen tut der Satz schon. Und beherzigt wird er nicht. Stattdessen wird weiter gemacht, als sei nichts geschehen. 

Betrachtet man das Vorgehen der Vereinigten Staaten, denen man hinsichtlich ihrer hegemonialen Ambitionen bestätigen muss, dass sie über eine Strategie verfügen, so sind die Methoden nicht sonderlich originell. Müssen sie übrigens auch nicht, solange die Ziele erreicht werden. Da gab es doch ein Muster, mit dem man in den frühen sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts begonnen hatte. Es wurde zum ersten Mal in Indonesien angewandt, als der legitime Präsident Sukarno durch einen Militärputsch gestürzt wurde. Resultat waren mehr als zwei Millionen Tote, die Zerschlagung der Kommunistischen Partei und eine 32jährige Diktatur. Unter dem Terminus „Operation Jakarta“ wurde das Vorgehen in den Baukasten der CIA aufgenommen und selbst unter diesem Titel 1973 beim Sturz Allendes in Chile angewendet. 

Später dann, als sich die Form des Militärputsches abgenutzt hatte, griff man auf die Form der so genannten Aufstände der Zivilgesellschaft zurück. Mit bunten Regenschirmen, orangenen Krawatten und Halstüchern etc.. Organisatorische Träger waren immer NGOs, seitens der USA finanziert und instruiert. Das war so auf dem Maidan in der Ukraine, das tauchte auf beim arabischen Frühling, das wurde versucht in Hongkong, in Belarus, in Venezuela und jetzt in Georgien. Das Muster ist gleich geblieben. Niemand sollte sich der Illusion hingeben, es handele sich dabei um demokratische Massenbewegungen. Ein kleiner Tipp: Sehen Sie sich die jeweiligen Protagonisten an und sie werden sehr schnell erkennen, wo und von wem sie geschult und gefördert wurden. Und, bitte, hören Sie auf zu glauben, dass Gestalten wie ein Joe Biden für den Gedanken der liberalen Demokratie stehen. Ob Militärputsch oder der Aufstand vermeintlicher Zivilgesellschaften – es geht um Ressourcen, Einfluss und militärische Dominanz. 

Weder die Verhältnisse in den USA, in Großbritannien und auch nicht in Frankreich oder Deutschland bilden einen Zustand ab, der als ideal gelten könnte. Insofern sollte zumindest eine Grundskepsis gegenüber der auf allen Kanälen des freien Westens formulierten Kreuzzugsattitüde angebracht sein. Man wird bei dem Debakel, das der Westen im eigenen Lager dokumentiert, den Verdacht nicht los, dass in einem Punkt die viel gescholtenen Autokraten im nahen wie fernen Osten und jenseits der Steppen auf das Leuchten im Okzident mit großem Neid blicken. Im Punkte der Propaganda ist noch eine gewisse Exzellenz vorhanden.