Archiv für den Monat Dezember 2024

Die alternde Gesellschaft und das Fieber der Vernunft

Von Jugend zu sprechen wäre etwas übertrieben. In einer Gesellschaft, die seit langem altert, ist das, was jede Jugend ausmacht, der Sturm und Drang, nicht in seiner gewohnten Dimension zu beobachten. In „jungen“ Gesellschaften wird rebelliert, das Alte verworfen, Neues ausprobiert, auch gegen massiven Widerstand und es werden neue Maßstäbe entwickelt. Das erzeugt immer Reibung, gehört aber zu den Notwendigkeiten, wenn es kollektiv weitergehen soll. Gesellschaften, in denen die Jugend nicht rebelliert, befinden sich bereits in der ersten Phase des Sterbeprozesses. Da helfen auch nicht die eifrig getätigten Importe junger Menschen aus anderen Ländern und Kulturen, weil diese sich, wenn sie in dieser Gesellschaft etwas werden wollen,  zunächst assimilieren müssen. Ansonsten gilt die Integration ja als misslungen. Alles andere ist eine Illusion.

Die Bilder jedoch, die unsere Gesellschaft nahezu am Fließband produziert, übrigens ein Mechanismus, den die tatsächlich Jungen gar nicht mehr kennen, erzeugen den Schein ewiger Jugend. Tatsächlich vorgezeigte Jugendliche sind quantitativ im Verhältnis zur realen Population überpräsentiert. Eskortiert wird diese minimal real existierende Jugend von Alten, die den Status ewiger Jugend seit langem für sich reklamiert haben. Es ist die Jeunesse Dorree mit einem faden Beigeschmack, deren historisches Vorbild bereits ein Ausbund der Reaktion darstellte. Sie stellte sich nach dem Sturz Robespierres gegen die Revolution. Und die Art, wie sie damals argumentierte, findet sich in dem zeitgenössischen Ableger verblüffend wieder.

Diese Spezies beruft sich auf ihre zurückliegende Jugend, in der sie tatsächlich rebelliert hat. Zwischen dieser Zeit des Sturm und Drang liegen Jahrzehnte und eine soziale Assimilation an den gesättigten Konsumstatus. Das spricht einerseits für die Vergangenheit des Systems, in dem sie aufwuchsen und das dieser Gruppe den Aufstieg ermöglicht hat. Anderseits ist der Aufstieg mit einem konsumistischen Konservatismus verbunden, der durch keine Form der Dekoration kaschiert werden kann. Auch nicht durch Charity, auch nicht durch ehrenamtliches Engagement und auch nicht durch irgend ein Wahlverhalten. All das ist im einen oder anderen Fall nobel. Es ersetzt aber nicht die gesellschaftliche Notwendigkeit einer gründlichen Rebellion gegen die etablierten Sitten.

So ist es kein Wunder, dass diese Jeunesse Antique ihrerseits Schimären produziert oder diesen aufsitzt, die nichts mit dem zu tun haben, was Gesellschaften als Innovationsimpuls brauchen. Fortschritt, so wusste der Pionier Bertolt Brecht, bedeutet fortschreiten, und nicht, fortgeschritten sein. Diese einfache Wahrheit hat das etablierte Spießbürgertum, von dem hier die Rede ist, nicht zur Kenntnis genommen. 

Und so ist es kein Wunder, dass die schreiendsten Widersprüche, mit denen unsere Gesellschaft konfrontiert ist, von diesem Ensemble nicht zur Kenntnis genommen oder ausgeblendet werden. Stattdessen werden Geschichten von der Rettung des Planeten ersonnen und tausendfach erzählt, die eines gemein haben: Sie lenken ab von den tatsächlich tödlichen Gefahren. Man muss sich schon sehr mit Illusionen oder Delikatessen betäubt und vollgestopft haben, um so einfache Fragen wie die nach den Interessen bei Kriegen oder bei den gegenwärtigen Eigentumsverhältnissen nach der sozialen Disposition einer Gesellschaft nicht mehr zu stellen. Das Interesse bei den gegenwärtigen Kriegen ist sehr leicht zu beantworten. Und die Eigentumsverhältnisse, d.h. die Trennung von Arm und Reich, entsprechen der düstersten Dystopie. 

Die allgegenwärtigen Edelkomparsen des Stillstandes ersetzen nicht das Fieber der Vernunft, wie La Rochefoucauld die Jugend so treffend genannt hat.  

Das Aasen in Feinschmeckerläden und die Dekrete der Pariser Kommune

Jetzt, bei offizieller Verkündigung des nächsten Wahltermins durch den Bundespräsidenten, liegt nichts näher, als sich so schnell wie möglich den kleinen Duellen und Sperrfeuern zu entziehen. Inszeniert von einer Öffentlichkeitsindustrie, die alles im Sinn hat, nur nicht die Versorgung der Bevölkerung mit respektablen Fakten. Da werden Petitessen skandalisiert, Formulierungen durchs Sieb der Moralität gepresst, Anzüge und Kostüme bewertet, Feindbilder reanimiert und geschaffen, Clowns zu Experten stilisiert und Fehlinformationen lanciert, Koalitionsfragen gestellt, als sei man im Swinger Club, mit Umfragen Tendenzen an die Wand gemalt, um von dem abzulenken, worum es bei Wahlen eigentlich geht.

Die Fragen, die man im Metier des öffentlichen Diskurses stellen muss, auf die es ankommt, sind nicht sonderlich schwierig zu finden. Wer vertritt welche Inhalte? Wem nützt das, was die Parteien vertreten? Wer repräsentiert also wessen Interessen? Sind die formulierten Vorstellungen einer politischen Zukunft in irgend einer Weise mit den Interessen großer Teile der Bevölkerung kongruent? Man kann die Liste verlängern, es läuft immer auf eine einzige Frage hinaus: Wer von denen, die da ins Rennen gehen, vertritt die Interessen einer Mehrheit?

Über Mehrheitsinteressen lässt sich trefflich streiten. Über eine Basis, mit der gegenwärtig zu rechnen ist, allerdings nicht. Die meisten Menschen in diesem Land wollen in Frieden leben, sie wollen ihr Leben durch eigene Tätigkeit bestreiten können und sie wollen das Gefühl haben, dass die Entscheidungen, die diese Gesellschaft trifft, aus einem Zustand der Souveränität entstehen. 

Und nun betrachte man die Auftritte und Äußerungen der Parteien, die sich zur Wahl stellen und setze sie ins Verhältnis zu diesem Mehrheitskonsens. Und es wundert nicht, dass die Burschikosität, mit der sich ein Großteil der Bewerber über diesen Konsens hinweg setzt noch übertroffen wird von der Ignoranz, mit der der Medienzirkus diese Impertinenz orchestriert.

Das Ganze wird noch davon übertroffen, dass diejenigen, die sich nicht um Mehrheiten und deren Interessen kümmern, in aller Ruhe darüber räsonieren können, was Demokratie ist und was nicht. Sie betrachten das Konstrukt der Demokratie als ihr Eigentum, über das sie verfügen können, wie es ihnen beliebt. Und sie brüsten sich noch in aller Öffentlichkeit damit, dass sie in bestimmten, vitalen Fragen, sich einen feuchten Kehricht um die Mehrheitsmeinung der eigen Bevölkerung scheren. Das hat mit Demokratie nichts zu tun. Und dieses Tun, nicht durch die dafür vorgesehenen Organe kritisiert, ist ein Indiz für einen Zustand der Willkür. Für Willkür allerdings bedarf es keiner Legitimation durch die Bevölkerung. 

Insofern haben wir eine Dimension erreicht, die fälschlicherweise als Krise der Demokratie bezeichnet wird. Wie aber kann etwas in der Krise sein, das so gar nicht existiert? Die Geschichte, dass man in Europa aus Wahlen das Gegenteil dessen zu machen in der Lage ist, was die Mehrheit der Bevölkerung will, ist mittlerweile lang. Voten, die nicht passten, wurden strikt ignoriert und Funktionsträger, die nicht zur Wahl standen, wurden etabliert. Die Situation ist mittlerweile so grotesk, dass manche Formulierung aus den Dekreten der Pariser Kommune wieder brandaktuell sind. 

Die Erkenntnisse über dieses Drama setzen sich zunehmend in der als Westen bezeichneten Welt durch. Und es zeigt sich wieder einmal, wie in allen Phasen der Dekadenz, dass das willenlose Aasen in Reformhäusern und Feinschmeckerläden Gift ist für das kritische Bewusstsein. 

Die eigene Reflexion ist primordial!

Manchmal scheint es, als hätten vermeintliche Plattitüden den tiefsten philosophischen Gehalt. Dass alles seine Zeit hat ist so eine Weisheit, die bereits in den ersten Aufzeichnungen unserer Zivilisation verbucht ist. Dieser Erkenntnis wird sich niemand entgegenstellen, wenn es sich um einen Diskurs auf der Meta-Ebene handelt. Wer zweifelte seine Gültigkeit bei einer historischen Reflexion auch an? Bis, diese Einschränkung sei erlaubt, bis auf momentan so die Mode bestimmende Exemplare der individualistischen Kernleere, die auf den öffentlichen Kanälen herumkrakeelen. De facto jedoch, im richtigen Leben, d.h. im profanen Alltag der menschlichen Existenz sind auch sie, wie alle großen und kleinen Geister vorher, das Opfer des Zwiespalts zwischen der kollektiven Erkenntnis der Gattung Mensch und der Selbstüberschätzung des Individuums. 

Die Bilanz jedoch lässt keine Zweifel aufkommen: Wenn die Reiche der Antike, das große China, das Hordenreich des großen Khans, das mächtige Rom, die Imperien der europäischen Seefahrer bis hin zum British Empire und der Episode des 1000jährigen Reiches und die Sowjetunion, wenn sie alle irgendwann ihren Zenit überschritten hatten und in die Bedeutungslosigkeit stürzten, warum nur sollte das jemals anders sein? Wir selbst sind derzeit die lebenden Zeugen, dass ein die Welt beherrschender Adler unter großem Geschrei vom Himmel fällt.

Es hat noch nie genutzt, sich gegen den großen Lauf der Geschichte und ihrer Gesetze stellen zu wollen. Denn alles, was aufsteigt, fällt auch wieder herunter. Bei einem derartigen Prozess sich dem Narzissmus individueller Existenz hinzugeben, scheint das Törichste zu sein, auf das man kommen kann. Was bleibt, ist die scharfe Beobachtung der Prozesse, die eine Qualität erreicht haben, dass sie unabhängig vom Willen einzelner Akteure vonstatten gehen. Das muss klar sein, sonst sind selbst die Klügsten verloren. Schaut man auf die Dokumente, die uns Hochkulturen hinterlassen haben, dann sind die Erkenntnisse um diese ewigen Prozesse des Lebens, von der Entstehung, dem Erblühen bis hin zum Welken das, was letztendlich von jeder historischen Periode als Substanz im Reagenzglas übrig bleibt.

Ob es schwarze Magie war, eine eis- und Eisen-kalte Form der Herrschaft, das Blaue Blut, die bürgerliche Konstitution oder die in allen historischen Perioden auftauchenden Tyrannen, das, was eine Zivilisation zu hinterlassen in der Lage ist, sind die Vorstellungen von der Bestimmtheit der individuellen Existenz, ihren jeweiligen Platz in der Gemeinschaft, sprich der humanen Kooperation und ihres Verhältnisses zur Natur. Alleine diese semantische Triade öffnet die Ebene zu einer Reflexion in Demut. Wer bin ich? Wer ist mit mir? Wie sind wir mit der Natur und wie ist die Natur mit uns? Das Räsonnement darüber zeigt, wie zeitraubend und heikel diese Beziehungen sind, dass sie nie abschließend geklärt werden können und dass selbst die Phasen dieser Reflexion den Konjunkturen der jeweiligen Zivilisation unterliegen.

Und wieder endet auch diese Überlegung in der Empfehlung, grundsätzlich und in Ruhe darüber nachzudenken, wer wir sind, mit wem wir interagieren, welchen Biologismen wir unterliegen und in welcher gesellschaftspolitischen Phase wir uns befinden. Vielleicht fällt uns bei dieser Übung auch etwas Kluges ein, das weit über das hinausgeht, was uns die Discounter eines vermeintlichen Zeitgeistes an jeder Ecke feilbieten. Die eigene Reflexion ist primordial, d.h. von erster Ordnung. Und schleiche sich niemand davon!