Stockholm

Zuweilen lassen die ersten Pinselstriche die Kontur bereits erstaunlich gut erkennen.

Schweden ist leer, Kulisse ohne Menschen.

Obwohl noch hell in Stockholm, sind alle schon im Bett.

Im Tabakladen: Keine Zigarren, aber 50 Sorten Schnupftabak.

Ein Frühstück für die Götter, wenn Ultima Thule der Garten Eden ist. Heringsfilets in süßlicher Senfsoße, Lachs, vom eisigen Wind geräuchert. Nette Afrikaner, die Schiffstouren anbieten, Chinesen, die mit der Familie Urlaub machen: nur in Schweden. Freundliches asiatisches Personal überall. Ältere schwedische Frauen, die irgendwie emanzipierter wirken. Viele Deutsche, die sich zu benehmen wissen. Und immer wieder leuchtende Wesen, die aus alten Märchen in die Gegenwart geflohen sind.

O ´Leary´s Sportbar, total digitalisiert, du musst einen Code einscannen, bekommst dann eine elektronische Speisekarte, erhältst zu jeder Bestellung gefühlt 30 Rückfragen und kommst dir nach kurzer Zeit vor wie bei einer Anhörung im Amt. Weit und breit keine Bedienung in Sicht. Waren dann bei einem Griechen. Der hat sich richtig gefreut und geschmeckt hat es auch. Im digitalisierten Endzeitkapitalismus ist der Kunde ein Haufen Scheiße.

Heute ist Stockholm Pride, was meinen Eindruck, der sich aufdrängte, relativiert. Vor allem internationales Publikum ist aus diesem Anlass hier.

Södermalm, ein Stadtteil, der im Industriezeitalter entstand, ist Working-Class-Domäne im Wandel, Fabriken werden zu Ateliers, Fett- und Salzküchen für das noch vorhandene Prekariat, Gluten freie Landkost für die urbane Elite. Greta Garbo kam hier aus einem Arbeiterregal und die Fabrik der Familie Nobel flog hier in die Luft. Die alternativen Lebenskonzepte, die den Wandel begleiten, sind bald das Refugium für das neue Prekariat, wenn die bereits lauernden Plutokraten die Häuser in Besitz nehmen.

Die Geschichte hier inspiriert mit jedem Atemzug, sie ist Kulisse für einen trivialen Alltag. Gamla Stan, der alte Kern Stockholms, natürlich eine Insel, ist ein Eldorado aus Kneipen, Restaurants und Souvenir Shops, alte, an die Hanse erinnernde Bausubstanz, ansonsten Touristenströme wie überall in der Welt. Die Kulisse versinkt im Konsum.

Djurgardens, wie ein Mannheimer Bekannter als ideal für im Sommer empfahl, sei der Luisenpark der Stockholmer. Sagen wir mal so, unabhängig von der Größe: eine gelungene Mixtur von Amusement und Bildung, Tivoli und historischen Museen, bezahlbarer Gastronomie und Naturkunde, einfach und billig mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu erreichen. Publikum: Familien mit Kindern, Studenten und Gelehrte, Verliebte und Individualisten. Mycket avslappnad – sehr entspannt!

Allenfalls das Prekariat hat noch Geld in der Tasche. Zumindest in Stockholm ist der Zahlungsverkehr komplett elektronisch. Die Schweden selbst sind extrem digitalisierungsaffin. Selbst in vielen Restaurants läuft das komplette Bestellwesen digital: seitens des Gastes! 20 Prozent der Beschäftigten in Stockholm verdienen ihr Geld im IT-Bereich. Das kleine Land (Bevölkerung: 10,5 Millionen) scheint sich gut als Labor zu eignen. Vielleicht ist auch daraus die große Präsenz chinesischer Staatsbürger zu erklären. Abgesehen von der Digitalisierung, Traditions- und Premiummarken wie Volvo laufen längst unter chinesischer Regie.

Östermalm, das bürgerliche Pendant zu Södermalm. Institutionen von Kunst und Bildung, eine Markthalle mit kulinarischem Flair. Mein Highlight: Ein, wenn auch kleiner Peter-Weiss-Platz. Obwohl sein Stück „Die Ermittlung“ in einer neuen deutschen Verfilmung gerade große Aufmerksamkeit erreicht, wird kein Wort über den Autor verloren. Peter Weiss, 1916 – 1982, deutscher Schriftsteller, Maler, Grafiker und Filmemacher starb 1982 in Stockholm. Er war aus seinem schwedischen Exil nicht zurückgekehrt. Eine Ikone der deutschen Exilliteratur und Autor der Ästhetik des Widerstands! Hier gehört er dazu! In toto: hierher muss ich zurückkommen. Es gibt noch viel zu entdecken!

Ein Gedanke zu „Stockholm

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