Ist noch Zeit mit bestimmten Erkenntnissen im Dunkeln zu verharren und sich der Illusion auf bessere Zeiten hinzugeben? Angesichts der immer heißer werdenden Konflikte und dem Totentanz um den qualmenden Korpus des intakten Menschenverstandes scheint das kein guter Rat zu sein. Wer verbrannt werden soll, wird dem Schicksal nicht entrinnen. Und wenn es überhaupt eine Erkenntnis gibt, die die Geschichte liefert, dann ist es der fatale Zusammenhang zwischen dem Verschweigen der Wahrheit und dem großen Feuer, das alles vernichtet.
Es fällt auf, dass die Annahme, außergewöhnlich und einzigartig zu sein, im kollektiven Bewusstsein der jeweiligen Entität den Irrglauben freisetzt, zu jeder Form von Handlung autorisiert zu sein und jedwede Art von Widerstand mit allen, auch von jeglicher Zivilisation verpönten Mitteln brechen zu müssen und zu dürfen. Es schmerzt besonders, wenn man bedenkt, dass diese Konstellation in der Neuzeit bereits dreimal die Menschheit in ein Tal der Tränen versetzt hat.
Es begann mit der Hybris der auserwählten Rasse, die dazu diente, andere zu unterjochen, zu berauben und eliminieren. Es setzte sich fort mit dem auserwählten Land, das kein Mittel scheute, um das Glück auf Erden allen bringen zu können, die sich diesem Muster zu widersetzen suchten. Und es spielt sich momentan, nicht zum ersten Mal, im Namen eines auserwählten Volkes ab, das sich dem Muster zugesellt. Da existiert keine Kausalität mehr, keine Verhältnismäßigkeit und vor allem nichts mehr, was an die schönen Bilder einer heilen Welt erinnern würde.
Dass diese drei Formen der Auserwähltheit exakt dort entstanden und gelebt werden, wo die Form der westlichen gesellschaftlichen Zivilisation stattfinden sollte, ist die große historische Tragödie. Ändern wird sich allerdings dadurch nichts. Die Tyrannen der Vergangenheit, mit ihren furchtbaren Abhängigkeitsverhältnissen, mit ihren blutigen Eroberungskriegen und ihren dekadenten Untergängen, gegen die sich das Narrativ der Auserwählten ausdrücklich wendet, ist nichts anderes als das, was die auserwählte Rasse, das auserwählte Land und das auserwählte Volk wie aus einem teuflischen Drehbuch nachleben. Lassen Sie sich nicht täuschen! Sie reden von Vielfalt, aber sie meinen nur sich. Und sie eliminieren tendenziell immer auch die Toleranz im eigenen Lager. Sie unterliegen keinem Maß mehr, sie begründen jeden Frevel mit ihrem überirdischen Interesse und sie sind, und das ist vielleicht eine Gewissheit, mit der der Rest der menschlichen Zivilisation ohne Rücksicht auf eigene Moralgrundsätze zu handeln haben wird – sie sind unheilbar. Nur die totale Niederlage ist in der Lage, sie zu befrieden. Weil der Größenwahn die Währung der Vorstellung der eigenen Auserwähltheit ist.
Lassen Sie sich das durch den Kopf gehen. Denken Sie an die Blutbäder und ihre Einzigartigkeit, mit denen die Strahlemänner von Rasse, Land und Volk durch die Geschichtsbücher schreiten und fragen Sie sich, was dafür spricht, diese zivilisatorischen Frevel heilig zu sprechen. Im Namen von was? Von Freiheit? Von Selbstbestimmung? Von Recht? Die Antwort ist leicht zu geben. Die Niederstreckung des Drachen nicht. Aber mit der Erkenntnis fängt es an!

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