Und wieder geht eine Art Gespenst um in Europa. Diesmal ist es nicht das des Kommunismus, sondern ein ganz anderes. Dieses Gespenst ist Bote einer Erkenntnis, die beklemmender nicht sein könnte. Es ist die Vorstellung zunehmend vieler Länder, dass es nicht mehr sie sind, die ihr Schicksal selbst bestimmen können. Dass sie anderen Mächten auf Gedeih und Verderb ausgeliefert sind. Egal, welche Partei sie auch ergreifen, sie fühlen sich wie Bauern bei einem Schachspiel, bei dem sie Objekt sind. Die Subjekte sitzen am Rand und führen Regie.
Ein Land, dem das, vielleicht bis auf die gegenwärtige Führung, bitter bewusst geworden ist und das es in seiner jetzigen Form wahrscheinlich nicht mehr geben wird, ist die Ukraine. Sie wurde geopfert im geopolitischen Spiel zwischen den USA und Russland. Und egal, wem sich die wie auch immer geordneten Reste zugesellen, sie selbst werden gar nichts mehr bestimmen, was die eigenen Belange angeht. Ruiniert, dezimiert und verschuldet ist dieses ehemalige Land den jeweiligen Kräften der Großmächte ausgeliefert.
Hier, in Deutschland, mag man die Verhältnisse anders beurteilen, obwohl auch Deutschland ein exzellentes Beispiel dafür ist, dass es im Hinblick auf die eigene Zukunft gar nichts mehr zu melden hat. Die Schächtung durch den großen Verbündeten hat bereits stattgefunden, nur dass die Verblendung dafür gesorgt hat, dass die Erkenntnis über den tatsächlichen Zustand noch etwas auf sich warten lässt. Aber der Augenblick wird kommen und das Entsetzen wird groß sein. Gewiss ist, dass Gorbatschows Zitat noch einmal, unter sehr traurigen Umständen, zu Ehren kommen wird: Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben!
Groß hingegen ist die Furcht auf dem Balkan. Dort weiß man seit jeher, dass es andere Mächte sind, die immer wieder durch die eigenen Lande zogen, alles verwüsteten und nichts hinterließen als schreckliche Ressentiments. Dort geht die Erzählung um, bis zum nächsten großen Krieg seien es nur noch Monate, und danach seien alle Areale leer, was bleibe, sei kontaminiertes Brachland und die Jungen und Qualifizierten müssten sich in anderen Regionen verdingen.
Und dass an der Grenzen zur Ukraine, wie in Ungarn, Moldavien und Rumänien ähnliche Gespenster das Tageslicht verdunkeln, kann nicht verwundern. Dort sitzen demoralisierte Menschen aus der Ukraine zu Tausenden und berichten. Und diese Berichte haben einen anderen Charakter, als die verlogene Kriegspropaganda, die uns hier von den Aktionären des Todes und ihrem korrumpiertem Tross erreichen.
Und auch im Baltikum grassiert die Angst. Machen wir uns nichts vor. Der schlechteste Ratgeber in komplex schwierigen Situationen, die Angst, die Panik, der Schrecken, hat massenhaft Zulauf und wird zu Entwicklungen führen, die nicht absehbar sind. Der einzige Lichtblick, der vielleicht zu vernehmen ist, entstammt der zunehmenden Einsicht, dass die Parteinahme im Kampf der Giganten zu nichts als der ständigen Wiederholung des Spieles führen wird. Die Bauern stehen in Europa. Ob in Ost oder West oder in der Zentrale. Nie war dieser Kontinent, mit Ausnahme Russlands, weiter entfernt von der eigenen Souveränität als heute. Das ist eine bittere Erkenntnis. Ob sie zu einem Umdenken führen wird, steht in den Sternen. Das Gespenst lässt sich nicht aufhalten, solange die Bauern das Spiel nicht unterbrechen. Was für eine abwegige Vorstellung.

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