Rassistische Hetze hier und Gewaltexzesse dort, im Fokus immer das, was Aufmerksamkeit erregt. Alle Seiten haben Recht, niemand muss seine Positionen überdenken. Nicht das, was gelingt, steht im Mittelpunkt, sondern das, was erregt und spaltet. Das Absurde, das sich hinter diesem Erregungsspiel verbirgt, ist das systematische Ausblenden der tatsächlichen Ursachen. Die meisten Formen von Massenmigration sind zurückzuführen auf Kriege. Nicht, dass im weltweit vernetzten Zeitalter nicht auch attraktive Lebensformen zu einer weiten, beschwerlichen und zuweilen lebensgefährlichen Reise verleiteten. Aber zumeist ist es der Verlust der eigenen Lebensgrundlagen, die Traumatisierung durch Gewalt, die Angst um die eigene Existenz. Kriege haben das Zeug, alles das zu bewirken.
Sieht man sich die Migrationsbewegungen nach Europa an, dann muss man keinem Geheimzirkel mit besonderen Kenntnissen angehören, um einen Konnex herzustellen zwischen kriegerischen Handlungen und Flucht. In den letzten zehn Jahren waren es vor allem Menschen aus Syrien und aus Afghanistan, die sich auf die Flucht begaben. Ohne Vorbereitung, ohne Mittel, ohne interkulturelles Training, ohne Kenntnis der Sprache, die gesprochen wird, wohin es sie verschlug. Wer da leugnet, dass die militärischen Interventionen des Westens dazu beigetragen haben, setzt auf die Dummheit und Ahnungslosigkeit des Publikums. Und man höre auf, die Märchen zu erzählen, man hätte das alles nur getan, damit Mädchen in die Schule gehen können, um böse Diktatoren zu stürzen oder dem einfachen Straßenhändler die Freiheit zu bringen. Immer, immer ging es um geostrategische Vorteile und den Zugriff auf Ressourcen. Im Irak, in Libyen, in Syrien, in Afghanistan. Und, warten Sie es ab, bis sich die aus Gaza vertriebenen Palästinenser auf den Weg machen.
Der imperialistische Krieg kommt auch ohne Bösewichter aus. Da reicht schon, dass sich ein Land samt Regierung schwertut mit der Einreihung in ein aggressives Bündnis. Da hört der Spaß dann ganz schnell auf. Sehen Sie einmal nach in den Journalen, hierzulande, in denen ein Assad und seine Gattin bis in die Regenbogenpresse gefeiert wurden, bis sie Nein sagten zu einer Gas-Pipeline, die durch ihr Land führen sollte. Da wurde aus einem Hoffnungsschimmer der Demokratie in Syrien über Nacht eine schlimme Diktatur. Und das Exerzitium erstreckt sich nicht nur auf vermeintlich entlegene Regionen, im ehemaligen Jugoslawien hat man es auch schon durchgeführt und in weiteren Ländern Europas ist diese Übung gar nicht unwahrscheinlich.
Momentan kristallisiert sich eine Konstellation heraus, die historisch ihresgleichen sucht. Da sind auf der einen Seite die Opfer der imperialistischen Kriege, die ihr Heil in den Ländern suchen, von denen die Gewalt ausging und da sind die Opfer in den Ländern selbst, denen die Kosten, die Lasten und die eigene Verschlechterung der Lage präsentiert wird als das Werk der anderen Opfer. Da stehen sich zwei Typen von Opfern gegenüber. Und man setzt alles daran, sie für das Elend der anderen Seite verantwortlich zu machen. Divide et impera! Da offenbart sich ein uraltes Prinzip von Herrschaft als durchaus noch probat. Und es scheint zu funktionieren.
Die absurdeste Form der Irritation ist dabei jedoch die Position vermeintlich Aufgeklärter, die sich als gut und human definieren, die den einen Opfern vorwerfen, sie befänden sich auf der falschen Seite. Und den imperialistischen Krieg dabei ausblenden. Es ist die armseligste Position in diesem Spiel.

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Ihre Kritik, mit ihrem Sprachgebrauch, zielt nicht auf den Kreml, der seine neue Weltordnung, vorerst in der Ukraine, mit seinem Angriffskriegen, durchsetzen will.