Archiv für den Monat März 2024

Napoleons Diktum

Von Napoleon Bonaparte soll die Bemerkung stammen, dass man die handelnden Personen eines Staates nur dann versteht, wenn man sich die Zeit vor Augen führt, in welchem Zustand Land und und Kultur des jeweiligen Landes war, als diese Personen zwanzig Jahre alt waren. Das Diktum zeugt von einer tiefen Einsicht in die Funktionsmechanismen von Geschichte und sein Inhalt wird von heutigen Sozialwissenschaften wie Historikern sicherlich nicht negiert. 

Dei heutige Situation in der Welt, die in eine beschleunigte Bewegung gekommen ist, wenn man sich die politischen Konstellationen, die Entwicklungen der unterschiedlichen Zivilisationen und die geoökologischen Tendenzen ansieht, ist eine exzellente Folie, um mit der napoleonischen Bemerkung ein wenig zu spielen.

Wenn wir uns die handelnden Protagonisten ansehen, dann haben wir es mit dem amerikanischen, dem russischen und dem chinesischen Präsidenten allesamt mit Menschen zu tun, die ihre primäre politisch-kulturelle Sozialisationsphase als Zwanzigjährige in den Sechzigerjahren Jahren erfahren haben. Die wohl wichtigste russisch-amerikanische Konfrontation war zu dieser Zeit die Kuba-Krise, und die junge Volksrepublik China hatte gerade die verheerenden Kämpfe des anti-kolonialen Kampfes und den Bürgerkrieg hinter sich und begann sich als unabhängiger Faktor weltpolitisch zu positionieren. Der Konflikt um die Stationierung russischer Raketen in Kuba hatte die Welt an den Rand eines erneuten Krieges gebracht und erst die Kompromissbereitschaft sowohl der Russen als auch der Amerikaner hatte im letzen Moment die atomare Eskalation verhindert. Und China hatte aus diesem Konflikt die Erkenntnis gezogen, dass es klug sei, sich Richtung Neutralität zu bewegen und der Bewegung der Blockfreien anzuschließen.

Allein dieser kleine Aufriss zeigt, wie nah die handelnden Personen an dieser historischen Konstellation mental zu verorten sind. In ihren Köpfen arbeiten, selbstverständlich mit Abstrichen, die Konzepte der Zeit, als sie zwanzig Jahre alt waren. Und selbstverständlich kann man die napoleonische These auch noch an anderen Personen überprüfen. In Deutschland erlebten die Führungen der klassischen Parteien vor allem die finale Phase des Kalten Krieges etc..

Eine solche Erkenntnis steht im Raum, ohne dass sie Konsequenzen hätte. Aber sie erklärt vieles von dem, was wir momentan erleben. Eine Möglichkeit, sich generell gegen die mentale Wiederholung von Geschichte zu immunisieren, ist das, was eigentlich jeder Organisation zu raten ist, die sich weder durch historisches Unwissen meucheln noch durch Innovationsmüdigkeit gesättigter Erfahrung dahinsiechen will. Am besten fahren die, deren Führung eine Normalverteilung in der Altersstruktur aufweisen und mit drei unterschiedlich sozialisierten Generationen an den richtungsweisenden Entscheidungen arbeiten. An dieser Stelle könnte mit der Altersstruktur der gegenwärtigen Bundesregierung argumentiert werden, bei der dieses zutrifft. Unter dem Aspekt von Napoleons Diktum würde dies nichts ändern, die genaue Aufschlüsselung der jeweiligen Generationen (achtziger und neunziger Jahre) müssten noch vollzogen werden.

Letztendlich bliebe, um einen Kurswechsel in der Personalpolitik vorzunehmen, bei der zugespitzten heutigen Situation keine Zeit. Die Lage ist so, wie sie ist. Dass die Kinder des Kalten Krieges heute in der Verantwortung sind, erklärt jedoch ihre Unbedarftheit bei einer möglichen Architektur von Frieden. Eskalation und Aufrüstung waren das Mantra ihrer Jugend. Zumindest bei Biden und Putin. Da kennen sie sich aus. Und Xi Jingping wuchs zu einer Zeit auf, als China sich an einem Konstrukt zu beteiligen begann, das gegen die bipolare Welt gerichtet war. Napoleon lag wohl richtig mit seiner These.

Plötzliche Karrieren

Kennen Sie das? Sie haben bis dato ein durchschnittliches Leben geführt. Sie haben einen durchaus passablen Weg hinter sich. Der war außerhalb des Rampenlichts. Und wäre es so weiter gegangen, dann hätten Sie sich nicht beklagt. Und plötzlich tut sich eine Chance auf. Mit dieser hätten Sie niemals gerechnet. Niemand hätte mit einem Ereignis gerechnet, das alle bisherigen Gewissheiten außer Kraft setzt. Bis, dieser kleine Einschub sei erlaubt, auf diejenigen, die sich ab und zu die Mühe machen, sich in die Lage anderer zu versetzen, mit denen man zu tun hat. Aber das steht auf einem anderen Blatt.

Und, der große Knall kommt, und während die meisten Menschen in einer Art Schockstarre verharren, kommen Sie aus Ihrem Bau und kommentieren die Lage. Mehr noch, Sie nutzen die Stille und sagen dem perplexen Publikum, was zu tun ist. Das Erstaunliche: Ihre Vorschläge wären vor wenigen Tagen noch undenkbar gewesen und Sie hätten zu Ihrer Ächtung geführt. Alle wussten, dass man derartige Vorschläge nicht machen kann. Sie auch. Aber jetzt? Genau. Jetzt ist die Chance, in ungeahnter Weise zur Attacke zu blasen.

Und das machen Sie. Noch erstaunlicher für Sie wie für das konsternierte Publikum ist, dass plötzlich die gesamte mediale Öffentlichkeit Sie vor die Mikrophone zerrt. Sie sind gefragt. Sie stehen im Rampenlicht. Sie sind der Mensch der Stunde. Und egal, was Sie von sich geben, es ist in Funk und Fernsehen zu hören und in jeder Zeitung zu lesen. Und nichts, was Sie von sich geben, und sei es noch so aggressiv und grotesk, wird in Zweifel gezogen.

Es ist klar, dass sich bei Ihnen ein Gefühl ausbreitet, dass Sie alles machen können. Sie sind auf einer Wolke. Sie sind unantastbar. Mittlerweile haben Sie nicht nur die Medien im Rücken, sondern auch das große Geld. Denn das, was Sie vorschlagen, lässt die Kassen klingeln. Und die Verlierer, die es bei jedem großen Geschäft gibt, die sieht man dort, wo Sie vor den Mikrophonen stehen, nicht. Die liegen weit weg in der Erde verscharrt. Und dass Sie selbst Ihre Vorschläge mit deren jämmerlichem Ende begründen, treibt Ihnen selbst Tränen in die Augen. Nicht, weil es heftige Kollateralschäden bei diesem Geschäft gibt, sondern weil die Welt, in der Sie vorher als anonyme Nummer herumgelaufen sind, Ihnen alles glaubt, was Sie an Argumenten fabrizieren. So absurd es ist. Sie haben das, was man in dem Geschäft, in dem Sie nun mitmischen, die absolute Lufthoheit nennt. Sie sind so stolz. Ihre Mitstreiter sind stolz. Und alle glauben, so wie Sie, es gäbe keine Grenzen. Und es könnten keine Grenzen auftauchen. Sie haben es geschafft und sind berauscht und Sie glauben, Sie könnten nun alles machen.

Sie kennen das nicht? Und Sie kandidieren auch nicht für das Europaparlament? Dann haben Sie großes Glück. Denn die erzählte Geschichte wird noch einen zweiten Teil haben, der nicht mehr lange auf sich warten lässt. 

Das fiktive und das tatsächliche kollektive „Wir“

Ich muss gestehen, dass ich mir seit einiger Zeit die Frage stelle, ob ich zu dem kollektiven Wir noch gehöre. Zum Beispiel, wenn es heißt „Wie weit sind wir gekommen?“, oder „Wo kommen wir denn hin?“. Das kollektive Wir und das Bekenntnis, dazuzugehören, ist eigentlich das Minimum einer Gemeinschaft. Allerdings sind viele Erscheinungen, die ich täglich ertragen muss, weil sie medial omnipräsent sind und den Schein erzeugen, sie spiegelten das Wir, dermaßen krass und ekelerregend, dass ich mir die eingangs gestellte Frage stelle. Zu diesem medial erzeugten Wir, das zu Hass aufruft, das strotzt vor Intoleranz, das hier den industriell erzeugten Mord verniedlicht und ihn dort anklagt, das nichts, aber auch gar nichts aus der Geschichte gelernt hat und das sehenden Auges eine ganze Nation ins Verderben zu stürzen bereit ist, mit diesem Wir will ich nicht nur nichts zu tun haben, sondern es ist die Ursache aller Übel, mit denen wir, d.h. diejenigen, die Millionen, die noch über zivile Umgangsformen verfügen, die noch in der Lage sind, sich konträre Meinungen anzuhören, ohne gleich nach dem Scheiterhaufen zu rufen, die noch zwischen einem Rechts- und einem Gesetzesstaat unterscheiden können und die trotz allen Entsetzens nicht auf die Idee kommen, in der Gewalt eine Lösung zu suchen, uns jeden Tag konfrontiert sehen. 

Sie kommen mit allem auf den Jahrmarkt der öffentlich proklamierten Dummheiten, was sie in ihren morbiden Hirnen ausgebrütet haben. Seien es Taschenspielertricks wie dem Ringtausch von Marschflugkörpern, die die Briten versilbern werden wie jede destruktive Hehlerware, über die sie verfügen, bis hin zu der von Faschisten durchsetzten ukrainischen Nomenklatura, die den Papst nun seinerseits als faschistischen Kollaborateur zu denunzieren versucht, weil er gerade sie an eine Verantwortung gegenüber dem eigenen Volk erinnert hat, die sie als Marionetten geopolitischer Strategen aber gar nicht kennen. Für wie dumm, für wie abgehalftert, und, auch das werden sie noch erfahren, für wie wenig bereit zum Widerstand halten diese Hazardeure eigentlich die Bevölkerung? Die Begriffsstutzigkeit ist ihnen eigen. Denn sie können nicht begreifen, dass die Sympathien all denen zuströmen, die die Politik gegenüber Russland für falsch und die israelische Reaktion auf die HAMAS-Attacken für unverhältnismäßig halten. Wer schlau ist, kritisiert das Gejohle des medialen Wir, und schon klingeln die Wählerstimmen in den Urnen. So einfach ist das. Und so wird es weiter gehen.

Die Klugen werden sich neu orientieren und wir, und damit meine ich das tatsächliche, kollektive Wir jenseits des lauten, fiktiven, werden in nächster Zeit erleben, wie so mancher Falke klamm und erbärmlich vom Himmel der Aufmerksamkeit fallen wird. Es ist noch etwas früh, aber wir, die wir täglich unter der medialen Propagandamaschine zu leiden haben, die parteiisch ist, die uns eine Meinung aufdrücken will, die unseren Willen, das selbst machen zu wollen verachtet und die uns alles vorenthalten will, was uns der Wahrheit näher bringen könnte, werden bald erleben, wie der Wind sich drehen wird. Es wird zur Geltung kommen, was der Wahrheit am nächsten ist. Und das beruhigt ungemein.