Archiv für den Monat Januar 2024

Die einfache Wahrheit des Oliver Hardy

Es könnte alles so einfach sein, wenn das, was die meisten Menschen auf diesem Erdball gelernt haben, als Maßstab für höhere Organisationen auch gälte. Ich erinnere mich gut an die These eines weit gereisten Freundes, der immer wieder zu bedenken gibt, dass, bis auf wenige Ausnahmen, in nahezu allen Kulturen dieser Welt die Grundsätze menschlichen Zusammenlebens und des eigenen Verhaltens in ähnlicher Weile vermittelt werden. Ob in den christlich geprägten, in den muslimischen, in den buddhistischen und hinduistischen und bei den den Verhaltenskodex prägenden Naturreligionen: überall gilt das Prinzip der Aufrichtigkeit, des Respekts vor Mensch und Natur, der Rücksichtnahme, der Wunsch nach Gerechtigkeit und Frieden. Sieht man sich die Lebenswelten jenseits der medial kolportierten und von die Welt umdeutenden Interpreten tatsächlich einmal genauer an, dann stimmt das. Wie gut erinnere ich mich an ein Gespräch mit einer früheren Kollegin auf der Insel Java, ihrerseits eine streng gläubige Muslima, dass sie damals ihren Sohn, der in der Pubertät steckte und mit seinem Verhalten für Furore sorgte, in ein Jesuiten-Internat geben wollte. Und als ich sie fragte, wie ich das denn in Bezug auf ihren Glauben verstehen sollte, antwortete sie mir: Es geht mir um Leistung und Disziplin, die gelehrte Ethik ist doch nicht so verschieden.

Ich für meinen Teil gebe dem Freund mit seiner These Recht. Was gut und was böse, was richtig und falsch ist, kann als eine zivilisatorische Voraussetzung in vielen Kulturen nicht nur als gegeben, sondern als nahezu deckungsgleich genommen werden. Dass sich manche Gesellschaften von dieser archaischen Ethik entfernt haben, spricht nicht für sie. Und wenn sie sich soweit davon wegbewegen, dass viele Glieder gar nicht mehr wissen, was richtig und was falsch ist, dann sind sie zwar autoritär regierbar und lassen sich für viele abstruse Gelüste begeistern, eine Referenz an die Zivilisation sind sie jedoch nicht.

Die Geschichte zeigt, dass sich die Konstellation der Kulturen, Staaten und sie führenden Individuen in einem ständigen Wechsel befinden, kulturell wie geographisch. Mal dominieren die, die sich so verhalten, wie der zivilisierte Mensch es gelernt hat und sie genießen global ein großes Ansehen, mal dominieren die Despoten, die die Regeln eines wertvollen menschlichen Zusammenlebens und andere tyrannisieren. Und weil es wechselt und niemand gegen den Verfall der guten Sitten gefeit ist, ist Wachsamkeit angebracht und Vorsicht geboten. Nur eines sollte klar sein: das Wort gilt, die Tat aber auch, oder, wie Heinrich Heine, einer der klügsten Prognostiker seiner Zeit es einmal formuliert hat: Das Wort geht der Tat voraus. Wer Krieg, Destruktion, Tyrannei und Verfolgung schamlos in den Mund nimmt, der wird auch dazu bereit sein, den Frevel in die Tat umzusetzen.

Es taucht immer wieder die Frage auf, was man denn machen kann, um derartigen Gedankengängen einen realen Bezug zu geben. Die Frage ist gut und berechtigt. Und es erweist sich, zumindest für mich, immer als gut, einen kleinen Test mit sich selbst zu machen. Einfach zu fragen, ist es richtig oder falsch, was du da treibst. Ist es richtig oder falsch, was da eine Regierung macht. Ganz gemäß dem Muster, das die meisten Menschen auf diesem Planeten als Kompass im Kopf haben. Dann klärt sich vieles. Versuchen sie es! Und, bevor jetzt im Jahr der Kant-Festivals wieder irgendwelche Abstraktionsneurotiker das Wort ergreifen, sei der amerikanische Komiker Oliver Hardy zitiert, der ganz einfach wusste, worum es geht:

„You know, there ´s a right and a wrong way to do everything.“ 

Fehlbar sind immer nur die Anderen!

Kennen Sie diese Menschen? Die, sobald etwas nicht so funktioniert, wie es sollte, jeglichen Zusammenhang zwischen der jetzigen Situation und ihrem eigenen Handeln leugnen? Ich stelle einmal die Behauptung auf, dass ich hier nicht von einigen, verirrten Individuen spreche, sondern von einem Massenphänomen rede. Die meisten Menschen halten ihr eigenes Handeln nur dann für existent, wenn etwas gelingt. Läuft etwas in die falsche Richtung, dann waren es zumeist andere, wie auch immer zu identifizierende Akteure. Oder der große Gott des Unerklärlichen. Aber selbst, selbst hatte man doch alles richtig gemacht, oder?

Trainerinnen und Trainer, die Menschen beibringen, wie sie mit neuen Techniken umgehen können, kennen das Phänomen aus jeder Einheit. Da macht ein Gerät etwas anderes, als es machen soll, und die jeweiligen Teilnehmer leugnen vehement, etwas mit dieser Fehlleistung zu tun zu haben. „Ich hab nichts gemacht!“ heißt es dann, aus dem Brustton der Überzeugung. Etwas, das bei der Fehlersuche natürlich auffliegt. Irgendein Knopf wurde gedrückt, irgend ein Befehl wurde genuschelt oder was auch immer. Das Instrument, seinerseits verpflichtet auf Logik und Befehlsstrukturen, setzt es um und dann stellt sich heraus, dass der so genannte Input unangebracht war und zu dem unerwünschten Resultat geführt hat.

Dass diese Art des individuellen Umgangs zu einem Massenphänomen für alle Lebensbereiche hat anwachsen können, ist ein Mysterium, das unbedingt zu entschlüsseln ist. Weil es letztendlich die Stärke von Gesellschaften, die sich in ihren Ursprüngen einmal auf Aufklärung und Vernunft gegründet haben, erodiert hat. Um es allgemein verständlich zu formulieren: wer jegliches Verschweigen fehlgeleiteten Handelns akzeptiert und jede dumme Ausrede widerspruchslos hinnimmt, steht bereits auf dem Humus totalitärer Gesellschaften. Und wenn dann noch hinzukommt, dass die Klage über die schlechte Entwicklung mit ein bisschen Hass zu einem drallen Feindbild aufgehübscht wird, dann ist der Himmel dieser Gesellschaft dauerhaft bedeckt.

Es ist nicht erforderlich, im eigenen Alltag zu suchen, um diese Entwicklung zu dechiffrieren, obwohl auch das aufschlussreich ist. Nein, es genügt, sich den Umgang mit den vielen Krisen in der uns umgebenden Politik zu beschäftigen, die uns umgeben. Da überfällt plötzlich Russland die Ukraine, da attackiert die Hamas ganz überraschend friedliche Menschen und metzelt sie hin, da schießen Huthi unvermittelt auf Schiffe im Roten Meer, da kommen Afghanen, Iraker, Syrer und Libyer in großen Kohorten und beantragen Asyl, da laufen Menschen Amok im eigenen Land – egal, was man nimmt: ein Zusammenhang mit der eigenen Politik und mit den Aktivitäten all derer, die im eigenen Bündnis beheimatet sind, wird nicht hergestellt. Die Ursache für diese Krisen, in denen unzählige Menschen gequält und getötet, in denen blühende Landschaften in Trümmerwüsten verwandelt und in denen die Zukunft für eine zivilisatorisch erstrebenswerte Entwicklung versiegelt wird, liegt exklusiv am Charakter von Autokraten und den schäbigen Intentionen anderer Entitäten.  

Steht das eigene Handeln in irgend einem Kontext zu dem, was da zu beobachten ist? Hört man sich an, was aus dem öffentlichen Diskurs an unsere Ohren dringt, dann ist die Antwort Nein! Eigene Aktivitäten nicht, eigene Fehleinschätzungen nicht, eigene Schwäche nicht, nicht der eigene Verstand und nicht die eigene Haltung. Ist es die eigene Selbstüberschätzung? Oder die Unterschätzung anderer, die ihrerseits eigene Ziele haben? Kann das sein? Auf keinen Fall? Fehlbar sind immer nur die Anderen. Damit das klar ist!

Die Boshaftigkeit der Wahrheit und der eigene Bauchnabel

Nun wollen wir einmal gemein sein an einem solchen Tag. Oder nein. Sprechen wir einfach von der Wahrheit. Nicht ist erregender, wie wir alle wissen. Menschen, die von morgens bis abends ihr eigenes Ich im Zentrum der Betrachtung haben, mögen in friedlichen Zeiten und unter wohlständigen Verhältnissen durchaus durch den Tag kommen. Und vielleicht sogar durch den Großteil ihres Lebens. Irgendwann jedoch stoßen sie auf Phänomene, von denen sie ein falsches Bild hatten und die ihnen den Weg versperren. Dann sind sie ratlos. Und sie werden aggressiv oder depressiv. Je nach Disposition. Es ist nicht einmal jenes Unbekannte, dessen Opfer sie werden. Nein, es ist der eigene Egozentrismus, der sie an Grenzen geführt hat. Wer seinen Blick nicht weitet, wer das Fremde nicht versucht zu beschreiben und zu verstehen, muss irgendwann sehr irritiert sein. Und die Irritation treibt ihn in einen Zustand, der die Regeln des Sozialen hinter sich lässt. Dann ist es entweder die Krankheit an seiner selbst oder die Feindschaft zum Anderen.

Die Teufel und Hexen haben bei der bisherigen Lektüre längst begriffen, dass es nicht nur um verlorene Individuen geht, sondern auch um Entitäten. Wie zum Beispiel ganze Länder und Kontinente. Immer, wenn der Zentrismus alles überstrahlt, ist die Prognose berechtigt, dass der Verlauf der Geschichte auf ein unschönes Ende hinweist. Die neunmalschlauen Geschichtsbücher sind voll davon. Sie erzählen uns eine Geschichte nach der anderen über den Aufstieg, die Blüte und den Niedergang von Imperien, die letztendlich an verschiedenen Malaisen scheiterten. Zum einen waren sie satt und unersättlich zu gleich. Sie vergaßen die Mühen, die den eigenen Aufstieg garantierten. Und sie sahen nicht die Anstrengungen anderer, die noch auf dem Weg nach oben waren. Sie glaubten, ihre Attraktivität wie Macht währten ewig und sie neigten zu dem, was an einer anderen Stelle in den Journalen die strategische Überdehnung genannt wird. Sie mussten irgendwann mehr Mittel aufwenden, um ihre Macht zu erhalten, als die selbst erwirtschaften  konnten. 

Ihre längst erworbene eigene Schwäche und ihre Unkenntnis gegenüber denen, die auf dem Weg nach oben waren, wurde ihnen zum Verhängnis. Erzählte ich hier die Geschichte über Alexander den Großen, das Römische Reich oder das British Empire, dann widerspräche mir niemand. Erboste ich mich aber, dass es auch eine Skizzierung dessen wäre, was die USA und ihre europäischen Verbündeten beträfe, trüge ich sehr schnell das Prädikat eines Verschwörers und dem Irrsinn Verfallenen. In diesem Kontext erlaube ich mir, auf den Umgang untergehender Imperien mit denen hinzuweisen, die ähnliches von sich gegeben haben. Sie landeten in Kerkern oder im Exil. Ihre Stimme durfte nicht gehört werden. Sie war lebensgefährlich für die, die den Niedergang begleiteten, ihn aber nicht wahrhaben wollten und leugneten. Sie bezogen ihren eigenen kritischen Blick nicht auf die selbst zu verantwortenden Zustände, sondern auf die Boshaftigkeit der Konkurrenz und deren subversiven und intriganten Charakter. 

Letzteres ist der Schlüssel zur Aktualität der Zustandsbeschreibung. Nicht die ernst gemeinte Kritik an Zuständen, die die Dinge zum Besseren wenden könnte, hat den Charakter der Subversion, sondern ihre Kriminalisierung. Und da sind wir in sicheren Händen. Wer allerdings nur auf den eigenen Bauchnabel blickt, kommt aus dieser Falle nicht heraus.