In gewisser Weise macht es keinen Sinn mehr, sich zu echauffieren. Über eine Entwicklung, die vor zwanzig Jahren mit dem amerikanischen Irak-Krieg begann. Da kam man auf die glorreiche Idee, Berichte über den Krieg nur von denen zuzulassen, die von den eigenen Streitkräften, d.h. einer aktiven Kriegspartei, instruiert wurden. Gerade die amerikanische Armee wusste, wie negativ es sich auswirken kann, wenn unparteiische Kriegsreporter berichteten, was sie sahen. Hätte es solche, und man verzeihe mir die Formulierung, hätte es solche Helden nicht im Vietnam-Krieg gegeben, wer weiß, wie lange das Morden und das Abladen von Agent Orange noch angedauert hätte. Die neue Form der von der eigenen Kriegspartei geführten Reporter nannte man eingebetteten Journalismus (imbedded Reporting). Dass es sich dabei um nichts anderes als Propaganda handelte, war den Initiatoren egal. Ganz im Gegenteil, die Kriegspropaganda war das Ziel.
Damals, wie gesagt, vor zwanzig Jahren, kam ein Aufschrei aus den Redaktionen aller Zeitungen des freien Westens. Vor allem in Deutschland schüttelte man den Kopf. Aber, auch das sollten wir uns noch einmal vor Augen halten, da gab es auch einen Bundeskanzler, der sich an diesem Krieg nicht beteiligte, weil er wusste, dass sein Anlass auf einer Lüge basierte. Dass die dann ca. eine Millionen Tote verursachte, wurde von Politikern der Kriegspartei danach immer noch als sachgemäß bezeichnet. Nur mal so, zur Vergegenwärtigung.
Sieht man sich die Berichterstattung sowohl über den Krieg in der Ukraine als auch in Gaza an, dann wird deutlich, dass sich die von den aktiven Kriegsparteien favorisierte eingebettete Art der „Information“ zumindest in einem Großteil der Medien durchgesetzt hat. Da sind Journalistinnen und Journalisten unterwegs, die offen bekennen, dass sie Partei sind. Teilweise tragen sie sogar die Uniformen einer Kriegspartei und rauschen auf deren Panzern an die Front. Und bitte, verzeihen Sie mir auch diese Analogie, der Gedanke entspringt meinem Entsetzen über diese Formen der Verlotterung eines einstmals ehrwürdigen Berufsstandes, ein Josef Goebbels würde diese Entwicklung mit Genugtuung zur Kenntnis nehmen.
Gesellschaftlich, so scheint es, tragen zumindest viele politische Mandatsträger diese Perversion durch parteiische Propaganda mit und blasen in das gleiche Horn. Man sehe sich nur an, wie selbst die exponiertesten und dreistetesten Propagandisten einer Kriegspartei noch mit den Ehrungen der Republik geschmückt werden. Was wir in dieser Hinsicht mit anschauen müssen, ist eine kaum erträgliche Dokumentation demokratischen Verfalls. Dass das die Akteure nicht merken, sondern noch davon überzeugt sind, dass sie richtig handeln, zeugt von dem tatsächlichen Zustand des Modells Demokratie.
Und, nur als kleiner Hinweis in Bezug auf andere Zeiten, um sich einen Eindruck zu verschaffen, wie die Darstellung kriegerischer Konflikte aussehen könnte, ohne auf dem Panzer einer Partei zu sitzen, sei ein Griff ins Bücherregal erlaubt:
Peter Scholl-Latour, Der Tod im Reisfeld,
oder ebenfalls informativ und unter die Haut gehend,
Christopher J. Koch, Das Verschwinden des Michael Langford.
Wenn Sie dann noch glauben, Sie hätten es bei den gegenwärtigen Konflikten mit etwas anderem zu tun, als mit Propaganda, dann lesen Sie Dantes Inferno. Das verschafft bestimmt Erleichterung!

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immer wieder bereichernd bei Ihnen zu lesen, und ich bin voller Respekt, wie man so auf den Punkt formulieren kann.
Vielen Dank für die Blumen!