Archiv für den Monat Dezember 2023

Es flackert noch ein Licht

Es ist ein leises Wimmern. Überall zu vernehmen. Wenn die Sinne noch funktionieren. Es ist die Klage über zu viele schlechte Bilder. Die in den Köpfen Platz genommen haben. Krieg, Vernichtung, Rache, Eigennutz. Der Blick für das Paradies ist verstellt. Vor allem der für das irdische. Und die Klage ist in aller Munde. Über das schlechte Leben. Obwohl das im Vergleich zu vielen anderen Plätzen auf der Welt eine Unverfrorenheit ist. Deshalb versteht man die nicht, die tatsächlich im Schatten stehen. Und es ist seit langem klar, dass der Geldsack in der eigenen Hand nicht der Zugang zum Glück ist. Doch die Erkenntnis nützt dem wenig, bei dem es in der Tasche nicht klimpert. Ja, es ist nicht einfach. Aber ist es schwer? Trotz aller Möglichkeiten, die weit über denen vieler anderer liegen? Was sollen die sagen, die ihre Primärbedürfnisse nicht befriedigen können? Über das Wetter klagen, über die unfreundlichen Nachbarn? Oder über andere Lebenskonzepte? Nicht ein Hinweis, wie es besser werden könnte. Schreit denn alles nach dem großen Desaster, um schätzen zu lernen, was das Dasein ohne den großen Wurf, den es sowieso nicht gibt, bieten kann? Nichts, was du nicht bräuchtest, kannst du nicht erreichen. Wenn du nur willst und Menschen findest, die mit dir gleich tun. Der Individualismus ist eine feine Sache. Bist du seine Grenzen siehst. Bist du begreifst, dass alles ohne die anderen nichts ist. Dann ist alles schrecklich. Schrecklich einsam, schrecklich langweilig, schrecklich monoton. Ganz weit hinten, im letzten Winkel dieser unserer Welt, flackert noch ein Licht, das die Erkenntnis bescheint. Wir sind ein soziales Wesen, das nur in Kooperation eine Zukunft hat. In menschlicher, in sozialer, in kultureller und in politischer Hinsicht. Und alle, die die Raubritterfahne schwingen, egal wo sie stehen oder woher sie kommen, wollen, dass wir diesen Winkel nicht finden. Aber es gibt ihn. Und die dort verborgene Erkenntnis wartet, entdeckt zu werden. Mit oder ohne Desaster. Mit oder ohne Hilfe. Nicht unbegrenzt. 

Fundstück: Blut geleckt

Fitti Merz, der Randalebruder aus der Briloner Eisküche, hat tatsächlich wieder Blut geleckt. Alle, die die Wirkung kennen, bezeugen, dass es zwar geschmacklich und olfaktorisch sehr ambivalent anfängt, mit dem sanguinen Konsum, dass die psychedelische Wirkung jedoch recht schnell das Süß-Saure und das Stinken überstrahlt. Deshalb hat sich Fitti auch so schnell von dem Schock erholt, dass der Putsch gegen Merkel und AKK nicht gelungen ist. Als er, für die Kulisse, noch aufstehen und wie ein fairer Verlierer der obsiegenden Konkurrentin applaudieren musste, wirkte seine Physiognomie wie die eines Huhnes bei schwerem Gewitter. Aber was ein chronischer Blutsäufer ist, der erholt sich schnell.

Und schon schickte der lange Schlackel Angie einen Brief und bot großzügig seine Dienste als Minister an. Insider kolportieren, dass er wohl Gefallen an dem Ministerium der Verteidigung hätte. Zum einen, weil die Auftragsvergabepraxis der jetzigen Ministerin penetrant die Aura von Korruption versprühe und ihre Halbwertzeit aufgrund dessen noch einmal gesunken sei. Zum anderen, weil der Fitti noch heute seinen Jugendtraum pflegt, dabei sein zu dürfen, wenn es darum geht, dem zotteligen russischen Bären einmal so richtig den Pelz zu verbrennen. Dass die kalte Maria aus der Uckermark ihm jetzt den Traum verwehrt hat, bedeutet nicht, dass der Fitti ihn nicht weiter träumt. Welche Träume bleiben einem eingefleischten Atlantiker denn sonst noch? Der freie Westen?

Ob die gesamte Mischpoke, die sich hinter der hochtrabenden Chiffre „Andenpakt“ verbirgt, den finalen Schlag bereits überwunden hat, ist mehr als fraglich. Am schlimmsten muss es wohl die Revolverschnauze aus dem Badenerland getroffen haben. Um die Welt gingen die Bilder, wie er verzweifelt den Kopf geschüttelt hat ob der Dummheit seiner Parteifreunde, der Merkel-Doublette mit dem Kürzel eines Schnellfeuergewehrs, AKK, das Vertrauen ausgesprochen zu haben. Da wurde dem Wolfi bewusst, dass er eigentlich Radio hört, und immer denselben Satz, den er seinerseits fälschlicherweise einem historischen Fußballspiel in der Schweiz zugeordnet hatte: Das Spiel ist aus! Ich werd verrückt, das Spiel ist aus!

So schön war alles eingefädelt, die Knallchargen von Koch bis Öttinger in Stellung gebracht und mit dem Fitti ein richtiger Joker aus dem Chapeau Claque gezogen. Aber es ist nicht aufgegangen. Mein etwas zum Ordinären neigender Nachbar sagt immer, wenn die richtig großen Scheißhaufen verladen werden, dann ist der Wolfi immer mitten drin.

Entweder, so der Nachbar, und, ich wage es kaum auszusprechen, der Mann ist Lehrer, entweder er putscht, oder er zieht ein ganzes Volk über den Tisch. Geputscht hat er nun zweimal, einmal gegen den Kanzler der Einheit und einmal gegen dessen „Mädchen“. Und ein Volk über den Tisch gezogen hat er nun auch zweimal, einmal die Ostdeutschen mit dem Einigungsvertrag und einmal die Griechen mit dem Rettungspaket. Wenn alle guten Dinge drei sind, so der Pädagoge, dann Gute Nacht Germanistan!

Na ja, ganz so dramatisch muss es nicht beleuchtet werden. Obwohl – der Wille von Fitti, doch noch Minister werden zu wollen, das hat schon etwas sehr Notorisches. Der ganze Klüngel, der da den Putschplänen von Schäubles Wolfi aufgesessen ist, scheint so ein Konvolut aus am Stolz zerbrochenen Machismo aus dem letzten Jahrtausend zu sein. Darüber können auch die bereits in jungen Jahren auf der Karriereleiter völlig durchgescheuerten Talente nicht hinwegtäuschen, die von Es Annegret, dem Schnellfeuergewehr, als Hoffnungsträger verkauft werden.

Doch tief im Innern lieben wir alle das Theater. Ein kleiner Trost muss sein.

Der gute Hirte?

Die Begründungsbemühungen für das, was gegenwärtig politisch auf dem Globus geschieht, sind ihrerseits ein einziges Abenteuer. Einerseits kommen die Politologen, Historiker und Beobachter vor Ort auf ganz alte, ja archaische Muster, die sie zu entdecken glauben. Andererseits erblicken sie Phänomene, die nur durch einen detaillierten Ritt durch die Weltgeschichte erklärbar werden. Dass da die vermeintliche Gegenseite an Schlichtheit nicht mehr zu überbieten, das eigene Agieren jedoch das Subtilste wie Komplexeste ist, was die Weltgeschichte bisher zu Gesicht bekam, findet kein Gegenargument. Skepsis ist angebracht, wenn da auf der einen Seite die blutigste, despotischste, und unberechenbarste Reaktion am Werk ist, und es nur durch die Allianz der Erleuchteten zu einer Form der Linderung kommen kann.

Da durchdringen Begrifflichkeiten den Orkus, dass es nur noch so scheppert. Da existieren Hüter und Hegemonen, Trabanten, Vasallen und gleichberechtigte Partner, da wird die liberale Demokratie um die Welt getragen, auch wenn dabei nicht Tausende, nicht Hunderttausende, sondern Millionen über die Klinge springen, dann sind das Kollateralschäden, die nun einmal immer anfallen. Und dass die Blutrünstigen, sollte man jemals mit einer Bilanz von Opfern einverstanden sein, in den letzten Dekaden weit weniger Köpfe haben fallen lassen, um ihre Einflusssphären zu sichern, wird abgetan wie ein lässlicher Rechenfehler. Sei es drum. Wer für das Gute unterwegs ist, darf auch einmal über die Stränge schlagen.

Und die semantische Aufteilung der Welt hört mit den Trennlinien zwischen dem eigenen Lager und dem Feindesland nicht auf. Auch innerhalb der Allianz werden Fraktionen geortet, die den Unterschied ausmachen. Damit sind nicht die kleinen Stinker gemeint, die aufgrund ihrer lokalen Nähe zum ausgemachten Feind ein wenig leise treten wollen, sondern drüben, in der transatlantischen Schaltzentrale, konkurrieren zwei Lager miteinander. Das der Guten, die sich als Hüter des Bündnisses sehen und die Egomanen, die nur ihr eigenes Interesse im Auge und den Charakter eines Hegemonen haben. Ja, die USA,  die global gesehen ihre alleinige Vormachtstellung gefährdet sehen, treten mal mit dem Gesicht des Hüters auf (Joe Biden) und mal mit dem des Hegemonen (Donald Trump). Und deshalb sei es geraten, den ersten mit seiner Politik zu unterstützen und den zweiten zu fürchten. So die allseits versierten Analysten. 

Ich weiß nicht warum. Aber bei der Lektüre eines dieser Essays, in denen die Welt mal vereinfacht und mal überkomplex erklärt wird, fiel mir eine Filmszene ein. Es handelt sich um den „guten Hirten“ von und mit Robert de Niro. In ihm wird die Entstehung der amerikanischen Geheimdienste während des Aufstiegs der USA zu einer Supermacht dargestellt. Mit den sozio-kulturellen Hintergründen, mit den Menschen, die man dafür rekrutierte und mit dem Selbstbildnis, dass diese Organisationen entwickelten und verinnerlichten. In einer Szene sitzt ein Agent einem italienischen Immigranten gegenüber und sucht ihn zu nötigen, Informationen über andere Bürger ihm gegenüber preiszugeben. Da fragt der Italo-Amerikaner den weißen, protestantischen Ostküstenmenschen: Die Iren haben ihre Tradition, die Juden haben ihren Glauben, wir Italiener haben die Familie und selbst die Schwarzen haben ihre Musik. Und ihr, was habt ihr eigentlich? Worauf der Agent ihm ohne eine Miene zu verziehen antwortet: Wir haben die Vereinigten Staaten von Amerika. Und ihr seid hier alle nur zu Besuch. 

Auf den Punkt gebracht!