3. Der Westen
An den Bonner Rheinauen und in den Chefetagen der Industrie wird kräftig spekuliert. Die Regierungsparteien versuchen, die Auswanderungswelle aus der DDR für ihre Systempropaganda zu nutzen, in der Industrie kalkulieren nicht wenige mit einer Art fünfter Kolonne im Arbeitnehmerlager. Des Weiteren wird versucht, mehrere Klassifizierungen von in die Bundesrepublik Einreisenden zu schaffen. Divide et impera!
Trotz der vollmundigen Erklärungen aus der Kohl GmbH und Co. KG. sticht die Unsicherheit ins Auge, mit der die West-Sozialisation der ehemaligen DDR-Bewohner beobachtet wird. Scharfe Propagandisten der vor allem von der FDP angestrebten Revitalisierung des Manchester-Kapitalismus finden sich unter den Neuankömmlingen nur selten. Dass es in der Bundesrepublik über die Erscheinungen von Freude und Eierkuchen hinaus auch noch Wohnungsnot, Arbeitslosigkeit, Menschenhandel etc. gibt, wird sehr schnell registriert. Ob das perfide Kalkül aufgeht, aus den neuen Bundesrepublikanern Sturmtrupps gegen die Gewerkschaften zu formieren, hängt unter anderem davon ab, wie die organisierte Arbeitnehmerschaft ihnen gegenüber operiert. Politische Offensive ist gefragt.
Im internationalen politischen Dominospielchen sieht die Sache für die imperialen Hardliner gar nicht so rosig aus. Hinter dem augenblicklichen Propagandabonus verbirgt sich nämlich die Gefahr, dass eine starke Protestbewegung in der DDR sich mit ihren Forderungen, die bis dato hier kaum jemand kennt, im Westen Gehör verschafft. Dann kommt nämlich heraus, dass die ökonomischen Verhältnisse der DDR durch politische Demokratisierung effektiviert, die Grundrechte des Individuums verbrieft und das Koalitionsrecht garantiert werden sollen und es keinesfalls um die Fusion ganz Deutschlands unter der Ägide des Kapitalismus geht. Und es bestünde vielleicht die begründete Gefahr, dass – um einmal im Bonner Jargon zu reden – eine solche Entwicklung in der DDR als ein Faszinosum in den Westen strahlte. Außerdem verlören die militaristischen Planspiele der Haardthöhe noch mehr an Attraktivität als es schon der Fall ist. Es brächen schlechte Zeiten für großdeutsche Träume an.
In dieser Situation, die ja global gesehen die Möglichkeit immenser Veränderungen im Ost-West-Gefüge denkbar macht, zeigt sich die Phantasie- und Konzeptionslosigkeit im westlichen Lager. Und darin besteht die Affinität zur welken Intellektualität der SED-Führung.

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Oje. Da hat man so Wunschträume, wenn Großereignisse heraufziehen…
Das erinnert mich an meine eigenen von anno89: Reformieren der DDR im Perestroikastil. – Man kannte es ja nicht besser. Dass die DDR verschwinden könnte, konnte ich mir bis März1990 nicht vorstellen. Die Grenzen des Status Quo von 1945 bzw. 1949 in Frage stellen?
Das war einem doch von Kindheit an eingehämmert worden! „Kein Rütteln am Status Quo, wie er im Zuge des II.Weltkrieges entstanden war!“ Helsinki! Amen!
Und dann kams anders – und in unserem Rausch bemerkten wir lange nicht, dass das „drühm“ lediglich ein Begeisterungsstrohfeuer gewesen war und wir zu Askaris wurden: Westlich gewandet zwar unter „unseren Palmen“ wohnend, aber zu „fremden Klängen“ marschierend.
Massa Kohl und Massa Schäuble sahen sich selber so. Strichen gläubig-glasig-glotzenden Dresdnern übers Haar und brachten uns die neue Bibel: „Konz‘ 1000 legale Steuertricks“.
Aber drüben dachten sie ja ganz anders…
Damals nickte ich schließlich einsichtsvoll zum Willy Brandt Satz: „Nun wächst zusammen, was zusammengehört.“ Und ich schüttelte den Kopf zu Westernhagens Skepsis: „Die beiden Deutschlands gleichen zwei Lovern, die nach einem one-night-stand gleich zusammenziehen. Aber, man kennt sich doch gar nicht!“ Ja, das war damals gar nicht gern gehört.
Aber er hatte recht.