Archiv für den Monat September 2023

Fundstück: Koloniale Wirkungen

1.08.2016

Nicht, dass die Völker, die unter dem kolonialen Joch gelitten haben, besonders nachtragend wären. Nein, für das, was sie in der Regel mit den europäischen Kolonisatoren erlebt haben, verhalten sie sich in der Regel äußerst moderat. Der Verweis, dass der Kolonialismus lange vorbei sei, hält einer ernsthaften Probe für die historische Version dieses Kolonialismus nicht stand. Die Zeiten, in denen die betroffenen Länder unter dem Regime einer europäischen Kolonialmacht standen, dauerten weitaus länger als die kurze Periode, die seit der Unabhängigkeit hinter ihnen liegt. Die gemeinsame Vergangenheit der meisten ehemaligen Kolonien bezieht sich auf mehrere Hundert Jahre und das Argument, sie seien mittlerweile lange genug unabhängig, um zu beweisen, dass sie es besser könnten, ist ein letztes Indiz für die nicht endende koloniale Arroganz.

In Anbetracht der Traumata, der strukturellen Veränderungen und physischen Ausbeutung haben viele der ehemaligen Kolonien in den letzten 50-70 Jahren erstaunliche Erfolge erzielt und Großartiges geleistet. In der Darstellung der ehemaligen Kolonisatoren ist dass jedoch alles nichts und nur ein weiterer Beweis für ihre substanzielle Unterlegenheit. Die Eliten seien zumeist korrupt, die alten Mängel wie die Unfähigkeit, Substanz zu erhalten und wirtschaftlich zu planen seien so aktuell wie eh und je und die Mentalität sei eine der modernen Gesellschaft nicht entsprechende.

Bei diesen Vorwürfen handelt es sich um die Erinnerung der Täter. Sie waren es, die das Mittel der Korruption installierten und jahrhundertelang einübten, um die kolonisierten Gesellschaften zu spalten, sie waren es, die über den gleichen Zeitraum wirtschaftliche Ausbeutung ohne die geringste Überlegung an strukturelle Schäden oder nachhaltige Entwicklung zu bemühen und sie waren es, die durch ihr brutales Regime eine Mentalität erzeugten, die von dem Trauma der Inferiorität und einem auf persönlicher Finesse beruhendem Überlebenswillen geprägt war.

Der Kolonialismus, der weltweit zu beklagen ist, bezieht sich auf den gesamten Erdball und er lässt sich nicht auf Europa als Kontinent der Urheber reduzieren. Auch die Araber kolonisierten in Südostasien und auch die Japan gab sich die zweifelhafte Ehre in China. Und auch heute wird kräftig kolonisiert, doch diese Betrachtung hat später zu folgen. Entscheidend ist die ungeheure Gravität, mit der das europäische koloniale Erbe bis heute die internationalen Beziehungen belastet. Und es ist an der Zeit sich klarzumachen, dass die aus dem heutigen Europa an die Welt gerichteten Appelle nichts fruchten und in der Regel das Gegenteil dessen bewirken, was sie zu bewirken suchen.

Um nur zwei Bespiele zu nennen: Wie verrückt ist es eigentlich, einem Land wie Indonesien, in dem 250 Millionen Menschen leben, das eine Ost-West-Ausdehnung von 5.500 Kilometern hat und in dem ungefähr 200 Ethnien mit unterschiedlichen Sprachen leben, dessen Mehrheit Muslime sind, das aber Religionsfreiheit gewährt, das im nächsten Jahr seinen 70. Unabhängigkeitstag feiern wird und das vorher 300 Jahre durch die Niederländer durch ein ausgeklügeltes Korruptionssystem kolonisiert war, Korruption vorzuwerfen? Und wie seriös ist es, China, das in zwei Opiumkriegen nicht nur besiegt wurde, sondern dessen Bevölkerung systematisch, massenhaft und durch Anwendung von Gewalt in die Drogenabhängigkeit gezwungen wurde, von einer Säule Europas, dem Königreich von Großbritannien, gegen das das Drogenkartell von Medellin wie ein Kindergeburtstag wirkt, wenn diesem China heute vorgeworfen wird, es stelle sich aus niedrigen, ökonomischen Gründen gegen eine nachhaltige Entwicklung? 

Wer die eigenen Taten vergisst, läuft nicht nur Gefahr, alte Fehler zu wiederholen. Zudem haben sich die Verhältnisse auf dem Globus geändert. Und zwar gewaltig.

Perspektive: waffenstarrend und rückständig?

Wenn man nicht der einen oder anderen Seite mit den jeweiligen Propagandaorganen glaubt und sich die Mühe macht, seriöse Quellen zu finden, die sich jenseits des jeweiligen strategischen Ziels auf Faktoren wie Material, Logistik, Soldaten, die militärische Lage auf dem Feld und die tatsächliche Stimmung im eigenen Land konzentrieren, kommt man zu einem anderen Ergebnis. Auf beiden Seiten gibt es erhebliche Defizite, die Logistik funktioniert nicht, durch die hohen Verluste – insgesamt wird von einer halben Millionen Toten gesprochen – gehen die Soldaten aus, die wirtschaftlichen Auswirkungen auf die Zivilbevölkerung sind schlimm, die Kritik am Krieg und an der Kriegsführung und gegenüber der eigenen Regierung wächst und ein schnelles, für die eine oder andere Seite erfolgreiches Ende ist nicht in Sicht. 

Alles spricht dafür, in einer solchen Situation mit Vorschlägen einer Beendigung der Kampfhandlungen aufzuwarten. Sie müssten seriös wie annehmbar sein, sie müssten von Ländern oder Politikern kommen, die eine gewisse Macht wie Reputation verkörperten und man müsste ihnen unterstellen können, dass sie es ernst meinen. Alle Faktoren sprechen für die Beendigung des Krieges, wären da nicht die Kräfte, die von einem Endsieg träumten und denen das Schicksal beider Kontrahenten egal ist bzw. die immer noch darauf hoffen, dass eines der beiden Länder zusammenbricht. Bei der Ukraine ist das allerdings bereits der Fall, denn sie wäre ohne militärische wie finanzielle Hilfe nicht mehr handlungsfähig.

Betrachtet man die nun auch von westlichen Politikern beklagte Kriegsmüdigkeit im vermeintlichen eigenen Lager, dann würden Initiativen, die ein Ende der Kampfhandlungen zum Ziel haben, sicherlich auf positive Resonanz stoßen. Bei dieser Gemengelage kann man davon ausgehen, dass angesichts einer im Großen und Ganzen friedensunwilligen wie friedensunfähigen politischen Führung und den Auswirkungen einer de facto bereits existierenden Kriegswirtschaft der Unmut wachsen wird, Wahlen anders als kalkuliert ausgehen und Konfrontationen am Horizont lauern, die, weil ohne politische Führung, zu Gewaltausbrüchen führen werden. 

Wer daran zweifelt, schaue sich den Charakter des konzipierten Bundeshaushalts an, der eindeutig auf Kriegswirtschaft ausgerichtet ist. Da von einem Pakt der Modernisierung zu sprechen, zeugt von einer kaum noch zu therapierenden Verblendung. Die Frage, um die es konkret in Deutschland geht, ist die ob Krieg oder zivile Entwicklung. Bei der de facto bereits existierenden und weiter beabsichtigten Entwicklung stehen alle Zeichen auf Krieg. Das zu erwartende Resultat hat die Kontur eines Staatswesens, das prädestiniert ist für eine autokratische Führung: rückständig und waffenstarrend. 

Bei der Formierung einer neuen Weltordnung, die nicht so aussehen wird, dass die eine Seite exklusiv als Sieger und die andere als besiegt dastehen wird, sollte man den Blick für realistische Prognosen nicht verlieren. Die strukturelle Schwäche der anderen Seite ist mitnichten die eigene Stärke. Ein ohne den Faktor Krieg vonstatten gehende Veränderung der Verhältnisse auf der Welt kann nur durch eine eigene realistische Strategie und dem starken Willen gelingen, globale Gemeinsamkeiten in den Fokus zu stellen. Davon gäbe es genug: Ökologie, Bekämpfung des Hungers, Bildung, Infrastruktur etc. etc.. Es müsste ein großer und guter Plan sein und zu seiner Verwirklichung müssten alle eingeladen werden. 

Hand aufs Herz, wo sind die Länder und Politiker zu sehen, die zu so etwas fähig wären? Oder anders betrachtet, wollen wir tatsächlich einen Zustand zusteuern, der als waffenstarrend und rückständig beschrieben werden kann?

Weltlage: Onkel Joe und Captain Silver

Man muss schon sehr angestrengt aus dem Fenster der Abwendung schauen, um zu ignorieren, wie sich die Kräfte in der Welt neu formieren. Die alte Dominanz der von den USA beherrschten Bünde hat sich auf den einen oder anderen Vasallenstaat und einen europäischen Torso reduziert. Und Bündnisse wie BRICS 11, die Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit (SOZ) und die Eurasische Wirtschaftsunion (EAEU) wachsen stetig. Dass bei BRICS nun auch Saudi Arabien zu finden ist und damit eine Abwendung vom Petrodollar absehbar wird, ist vor allem für die westliche Führungsmacht verheerend. Sollte der Dollar als internationale Leitwährung seine Dominanz verlieren, ist es aus mit der Finanzierbarkeit des gigantischen Militärapparates der USA. Dann kann kein Geld mehr bis ultimo gedruckt werden.

Die Strategie der USA lautet nach wie vor Full Spectrum Dominance. Es ist ihnen gelungen, die EU für ihre Einkreisungspolitik Russlands zu gewinnen. Die europäischen, vor allem die deutschen Kollateralschäden sind dabei immens. Man möge damit aufhören, Russland das Vorgehen in der Ukraine als eine neue Qualität vorzuwerfen, wenn es in diesem Falle exakt das gemacht hat, was die USA seit sieben Jahrzehnten immer wieder praktizieren. Die ultimative Ratio des militärischen Handelns wurde von den USA seit 1945 immer wieder kultiviert und es gehört zum wesentlichen Attribut ihrer globalen Vorherrschaft. Und wer das weiß und immer noch aus dem Fenster schaut, der soll das mit sich ausmachen, einen Anspruch auf eine Diskussion einer eigenständigen Strategie hat er nicht. 

Die Administration um den Heilsbringer Joe Biden, der tatsächlich in den hiesigen Medien als der große Zivilisator nach den vier Jahren Donald Trumps gefeiert wird, hat sich dafür entschieden, eine Verhandlungslösung im Russland-Ukraine-Konflikt auszuschließen und die europäischen Kontrahenten sich gegenseitig ausbluten zu lassen, während man sich selbst für den Showdown mit China präpariert. Dass sich bei dem Präludium für diesen Konflikt nun auch Deutschland mit zwei Fregatten vor der chinesischen Küste beteiligt, zeigt lediglich, wie verloren die deutsche Politik in einer Zeit großer Veränderungen geworden ist. Und wenn jetzt ein Kanzler wie einst Captain Silver mit einer Augenklappe herumläuft, zeigt das vielleicht, welche Nummer dort bereits vor dem Spiegel der Verblendung geübt wird. Ernst könnte man das alles nicht mehr nehmen, wenn es nicht so tragisch wäre. Das von Frankreich immer wieder angemahnte europäische Selbstbewusstsein ist der Geste der kompletten Unterwerfung gewichen. In der Psychologie weiß man, dass von den Mächtigen die Devoten am meisten verachtet werden. Nur das haben die Sensibelchen in der Verantwortung noch nicht gemerkt. 

Die normale Reaktion auf eigenen gravierenden Irrtum ist eine konsequente Kurskorrektur. Die Ausführungen der völlig überforderten Außenministerin hinsichtlich der Unwirksamkeit der eigenen Sanktionen bei der Schädigung Russlands und den negativen Auswirkungen auf die deutsche Wirtschaft dokumentiert, dass mit einem Strategiewechsel nicht zu rechnen ist. Wer mit Trotz und Jähzorn auf die Erkenntnis einer eigenen Fehleinschätzung reagiert, dem können in der Regel nur noch Therapien helfen. Mit Verstand, der die Grundlage einer politischen Räson darstellt, hat das alles nichts mehr zu tun. Die zunehmend von den Verantwortlichen beklagte Kriegsmüdigkeit hat etwas mit der allgemeinen Erkenntnis zu tun, dass der eingeschlagene Weg der falsche ist. Aber wem sagt man das?