Archiv für den Monat August 2023

Im Kriege sind sich alle gleich!

Biermanns Zeilen aus dem Jahr 1965, in denen es hieß, „Soldaten sind sich alle gleich, lebendig und als Leich“, ist nach wie vor eine berechtigte Sichtweise auf den Krieg. Was bei dieser Betrachtung nicht zur Sprache kommt, ist die Perspektive derer, die die Kriege inszenieren, in die Länge ziehen und nicht genug davon bekommen. Sie enden nicht als Leichen, sondern sie verdienen am Krieg, vielleicht erhalten sie sogar Machtzuwachs und im schlimmsten Falle enden sie in einem goldenen Käfig. 

Die Motivation, einen Krieg vom Zaun zu brechen, ist immer dieselbe. Es geht um Macht, Land und Ressourcen. Das gilt für alle, die den Krieg inszenieren. Damit keine Missverständnisse entstehen: es gilt auch aktuell für alle. 

Bei der Argumentation, warum Kriege geführt werden, stellt der II. Weltkrieg mit den Fieberphantasien des nationalistischen Imperialismus und den Zerstörungen, die er gebracht hat, eine Zäsur dar. Das Grauen, das die Feldzüge und die industrielle Massenvernichtung hervorgerufen haben, betraf nicht nur die Opfer, sondern auch die Täter. Bei den Opfern ist das naheliegend, der millionenfache Verlust von Menschenleben spricht für sich. Bei den Tätern ist es eine andere Sache. Niederlagen schmerzen und die Transparenz, die über das Leid, das Elend und den Schaden nach Beendigung des Krieges nur in Ansätzen hergestellt werden konnte, hat auch auf der Täterseite einen Schock ausgelöst, der bis heute Bestand hat. Sieht man sich das Psychogramm der Deutschen an, so kann von einer nachhaltigen Wirkung gesprochen werden. 

Die Beidseitigkeit des Traumas hat dazu geführt, dass die neuerliche Begründung von Kriegen, die  übrigens nie einer positiven Läuterung durch vergangene Kriege entsprechen kann, mit den Gräueln der Vergangenheit begründet werden. Nicht im revanchistischen Sinne, sondern in der Vorspiegelung einer wohl gemeinten Prävention. Nach dem II. Weltkrieg werden die völkerrechtswidrigen Kriege, die auf europäischem Boden geführt wurden und werden, mit der Begründung begonnen, man müsse eine Wiederholung der Verbrechen durch einen neuerlichen Faschismus verhindern. Bestimmte Vorfälle und Vorgänge, die allesamt jenseits der Zivilisation, des Humanismus und des Völkerrechts zu verzeichnen sind, werden als Vorwand genommen, um einen neuen Krieg zu beginnen. Und zur Erinnerung: auch dabei geht es nicht um Humanismus oder eine liberale Demokratie, sondern um Macht, Land und Ressourcen.

Das Fatale dabei ist die identische Argumentation. Wer sich die Mühe macht, sich die Begründungen des völkerrechtswidrigen Krieges gegen Serbien und der Invasion in die Ukraine anzusehen, wird überrascht sein, dass sowohl, nennen wir doch die Wortführer beim Namen, im Falle Serbiens ein Joschka Fischer und eine ihn ordinierende Madeleine Albright genauso argumentierten wie heute Wladimir Putin. Natürlich hatten sie edle Motive, natürlich ging es darum, den Faschismus zu verhindern und zu bekämpfen und natürlich ging es um Menschenrechte. Die Perversion dieser Argumentation ist ohnegleichen, zudem ist sie auf beiden Seiten identisch.

Es sei geraten, auch die aus diesem Unsinn resultierende weiterführende Argumentation im Kriegsverlauf zu verfolgen. Da werden alle, die den eigenen Feind auch zu ihrem erklären, zu Verbündeten und zählen zu den Guten. Ein aktuelles Beispiel: in der New York Post avancierte über Nacht der abgestürzte Bluthund Prigoschin zum Dissidenten. 

Sehen Sie sich die Argumente für die Fortführung des Krieges genau an! Auf beiden Seiten! Im Kriege sind sich alle gleich! Nicht nur die Soldaten! 

Ein russischer Spion im Kanzleramt?

Da forderte die Schwester Agnes vom Waffenkontor im öffentlichen Kriegskanal den Kanzler auf, sein Herz über den Zaun zu werfen und der deutschen Lieferung von Taurus-Raketen in die Ukraine zuzustimmen, als dieser noch auf der Reaktionswelle seiner in die jüngere Geschichte eingehenden Münchner Rede ritt. Dort hatte er Demonstranten, die mit Friedenstauben aufgetreten waren, bescheinigt, sie seinen gefallene Engel aus der Hölle. Beide Formulierungen sind ungewöhnlich und illustrieren die aufgeladene Situation, in der wir uns befinden. Was die Waffenlobbyistin mit dem über den Zaun geworfenen Herzen meint, kann man sich denken, eine gewisse Trunkenheit im Sinne geistiger Vernebelung ist allerdings festzustellen. 

Was nun des Kanzlers Worte anbelangt, da ist kein Zweifel erlaubt. Er hat in der Rede den Großteil der Bevölkerung, der diesen Krieg nicht oder nicht mehr will, in ziemlich barscher Weise ausgegrenzt. Ja, er ging, einmal abgesehen von der seither immer wieder zitierten Stelle noch weiter, und bezeichnete den Willen zum Frieden als eine direkte Unterstützung des russischen imperialistischen Übergriffs. 

Einmal abgesehen von der Frage, wie imperialistisch die NATO unter Führung der USA insgesamt formiert ist, stellt sich bei diesem Desaster von Kanzler-Rhetorik tatsächlich die Frage, ob die russische Spionage es nicht mittlerweile geschafft hat, in den inneren Zirkel des bundesrepublikanischen Kanzlers vorgedrungen zu sein und sogar Einfluss auf die Konzeption seiner Reden hat. Und die mit dem guten Gedächtnis wissen, dass wir das alles schon einmal hatten. Willy Brandt, der von vielen so schrecklich vermisste Kanzler des Friedens und der Versöhnung, der wie kein anderer aus der deutschen Geschichte gelernt hatte, fiel einem solchen Konstrukt zum Opfer. Als der Spion der DDR, Günter Guillaume, in seinem engsten Kreis enttarnt wurde, trat Brandt prompt zurück. Und während sich im Westen viele Menschen weinend um den Hals fielen, sang man in der DDR: Wir grüßen Hauptmann G. Aus Bonn, wir haben noch mehrere davon! 

Wie gesagt, sollte tatsächlich ein russischer Spion sich in des Kanzlers Berliner Waschmaschine geschlichen haben, dann hat er ganze Arbeit geleistet. Denn die Münchner Rede, wie sie allenthalben genannt wird, wird ihrerseits Auswirkungen auf die bevorstehenden Wahlen in Bayern haben. Und sie hat das Zeug, den Fall eintreten zu lassen, der heute schon so manchen Sozialdemokraten nachts schweißgebadet vom Bette der Verzweiflung das eine ums andere Mal hochschnellen lässt. Dass nämlich die Partei nicht nur in ihrem bereits erbärmlichen Zustimmungsstatus verharrt, sondern sich merklich Richtung der Fünfprozentigen-Grenze nähern wird. Und träte dieser nicht unwahrscheinliche Fall ein, so berichten gut unterrichtete Kreise, dann drohe der ganzen Partei eine Nacht der langen Messer.

Insofern ist der stilistische Lapsus der eisernen Agnes eher eine Bagatelle, die ein altbekanntes Muster widerspiegelt. Die Ukraine fordert etwas, einige NATO-Verbündete kommen dieser Forderung nach, der Kanzler zögert und wird dann durch die Propagandamaschine weichgeklopft. Die andere Geschichte mit seiner Rede wiegt hingegen viel schwerer in Bezug auf das Schicksal seiner Existenz als Kanzler. Wer sich so verrennt, ist bald weg vom Fenster. 

Und die Frage, ob die Lieferung des besagten Waffensystems das Risiko eines Kriegseintritts erhöht, mutet doch an, seien wir einmal ehrlich, wie ein Kalauer. Längst befindet sich die NATO in toto im Krieg mit Russland. Das Bequeme daran ist die Tatsache, dass das kämpfende Bodenpersonal ausschließlich ukrainische Uniformen trägt. Und, sieht man sich den Verlauf der Kampfhandlungen an, so sind die Zähne des Tigers wohl doch nicht so scharf wie stets behauptet. Nach Afghanistan jetzt die Ukraine. Aber das ist eine andere, wenn auch lebenswichtige Geschichte. 

Spott: Charakter einer Henkersmahlzeit

Diejenigen, die die vermeintlich goldenen Zeiten des Dritten, des tausendjährigen Reichs noch selbst erlebt hatten, waren voll von Geschichten über die Funktionsweise der Propaganda auf der einen und deren ironische Umkehrung durch große Teile der Bevölkerung auf der anderen Seite. Das scharfe Auge und die spitze Zunge des Volkes gab es schon immer. Im alten Rom, wo bereits Graffitis die mächtigen Kaiser dem Spott freigaben,  im Ancién Regime des monarchistischen Frankreichs oder in der spanischen Diktatur, die sich durch Schilder in Gasthäusern des Spottes erwehren wollte, auf denen das Singen bei Strafe verboten war. Und heute, im so genannten und durch Begriffsverwirrung bis zur Unkenntlichkeit entstellten Kommunikationszeitalter, ist das nicht anders. Auch wenn sich die Stimmen häufen, die glauben beobachten zu können, dass sich in dieser Hinsicht nichts täte, sie liegen falsch.

Es ist richtig, dass da eine mächtige Maschine läuft, die glauben machen will, dass die Wirklichkeit dem entspricht, was als die objektive Sichtweise der Dinge täglich millionenfach verkauft wird. Ebenso richtig ist aber auch, dass die Welt bei Umfragen trotz der Überdosis an manipulierten Sichtweisen ganz anders aussieht. Vielleicht, aber das nur am Rande, wären diejenigen, die sich in der Verantwortung wähnen, gut beraten, sich die Sichtweise der Bevölkerung etwas mehr zu Herzen zu nehmen und diese nicht kategorisch als zu dumm für die eigene, mehrheitlich desaströse Polititk zu deklarieren. Dann ginge ihnen vielleicht ein Licht auf, warum die Prognosen für die AFD im Moment für diese so rosig aussehen. 

Dass Politiker zunehmend mit ihren Aussagen nicht mehr ernst genommen werden und dem Spott ausgeliefert sind, hat mit der Diskrepanz zwischen ihrer Wirklichkeit und dem täglichen Erleben großer Teile der Bevölkerung zu tun. Und sie wird befeuert durch die offizielle Rechthaberei und dem Insistieren hinsichtlich einmal falsch getroffener Entscheidungen. Wer immer noch glauben machen will, der Krieg in der Ukraine sei das alleinige, wahnwitzige Werk des Satans, der im Kreml residiert, wer immer noch glauben machen will, die NATO in der Uniform der Ukraine könne diesen Krieg „gewinnen“, wer immer noch glauben machen will, dass die Sanktionen gegen Russland selbiges tödlich treffen würde und kein Schuss ins eigene Knie sei, wer immer noch glauben machen will, dass die schnell und in der Hektik gesuchten neuen Kooperationspartner in der Phalanx eines weltweiten Krieges um die amerikanische Monopolstellung Vertreter des Gedankens der liberalen Demokratie seien, wer immer noch glaubt, dass die Militarisierung des eigenen Haushaltes die Zukunft sicherer machen würde und wer immer noch glauben machen will, der alte Slogan „Kanonen statt Butter“ würde schon irgendwann, wenn die propagandistischen Hunde laut und lange genug bellten, in die Köpfe des Volkes eindringen und für Zustimmung sorgen, der darf sich nicht wundern, wenn als letztes Mittel der Spott auf den Schlachtfeldern der öffentlichen Meinung das Kommando übernimmt.

Nicht, dass die Entwicklung in toto zu preisen wäre! Denn das Lachen ist ein Substitut für das Ausbleiben einer realen Alternative auf dem Terrain der Politik. Gäbe es Alternativen, d.h. politische Bewegungen und Parteien, die formulieren könnten, wie eine von Demokratie und Zivilisation getragene Politik in der Zukunft aussehen müsste, dann wäre der Spott nicht so auf dem Vormarsch. So sehr es Spaß macht, sich ihm hinzugeben. In gewisser Weise hat er den Charakter einer Henkersmahlzeit.