Archiv für den Monat Juli 2023
Zur Lage: Achten Sie auf Elefanten, Affen und Tiger!
Wenn Turbulenzen zum Normalzustand werden, ist es ratsam, sich für eine Weile mit grundsätzlicheren Phänomenen zu beschäftigen. Denn, vor allem vor dem Hintergrund der geschichtlichen Entwicklung, vieles von dem, was im Jetzt für so manche Aufregung sorgt, ist bereits viele Male von Natur wie Gesellschaft durchgespielt worden. Das hilft zwar nicht, gegenwärtige Dilemmata im Sinne einer Rezeptur zu lösen, aber es vermittelt einen Gemütszustand, der bei der Findung von Lösungen erforderlich ist. Das Überhitzte, das Emotionale, das Empörte hat noch nie zu einem vernünftigen Strukturwandel beigetragen. Auch das zeigt die Geschichte. Eine gewisse stoische Gelassenheit hat hingegen oft zu weisen Entscheidungen geführt.
Um eine Idee von dem zu bekommen, sei, nur so als Einstieg, die Lektüre von Büchern des Briten Simon Winchester empfohlen. Er hat in zahlreichen seiner Bücher genau diese Distanz wahren können, die erforderlich ist, um große, vielleicht auch durch Katastrophen ausgelöste Veränderungen der Zivilisationsgeschichte begreifen und daraus die richtigen Schlüsse ziehen zu können. Was sich immer wieder herausstellt bei dieser Lektüre, bei der es um Vulkanausbrüche, Erdbeben, grandiose Fehlannahmen oder erfolgreiche wissenschaftliche Betrachtungsweisen geht, ist die Tatsache, dass vieles, was zur Lösung bestimmter Probleme beigetragen hat, nicht im allgemeinen Fokus der jeweiligen Zeit gestanden hat. Es heißt, dass sich die Öffentlichkeit, wie sie auch immer konstituiert war, schön am Rande der wirklichen Entwicklung bewegt hat, während eher Außenseiter, intellektuelle wie indigene und sogar Tiere mit ihrem Verhalten auf Phänomene hinwiesen, die als große Katastrophe auf der Agenda standen. Und nicht selten haben oder hätten diese Außenseiter auch vieles verhindern können, wenn man auf sie geachtet hätte. Aber, das nur am Rande, mögen nur die bezichtigen, die frei von Schuld sind.
Hätten die Einwohner Jakartas dem Elefanten, der kurz vor dem Ausbruch des Krakatau in einem Nobelhotel der Stadt Amok gelaufen ist eine tiefere Aufmerksamkeit geschenkt, dann wäre ihnen vieles erspart geblieben. Dann wäre es ihnen vielleicht so ergangen wie den vielen Einwohnern der Adamanen, die den schreienden Elefanten und Affen, die plötzlich ins innere der Insel auf die Berge rannten, gefolgt sind, bevor der Tsunami alles verschlang. Die Fähigkeit, den Tieren eine existenzielle Vernunft zuzuschreiben, rettete vielen Menschen das Leben.
Betrachtet man die gegenwärtigen Naturkatastrophen und Kriege, beides miteinander verwoben und sich gegenseitig bedingend und befeuernd und sieht sich die Reaktion der gesellschaftlichen und politischen Institutionen an, egal wo, so muss man zu dem Schluss kommen, dass ein menschlicher, gesellschaftlicher, politischer und zivilisatorischer Lösungsansatz nicht von dort aus zu erwarten ist. Und zwar unabhängig davon, mit welchen Gesellschaftssystemen und Regierungsformen wir es zu tun haben. Denn die tatsächlichen Probleme, die auf das Existenzielle hinweisen, spielen bei den vorhandenen Institutionen immer nur eine untergeordnete Rolle.
Die Konsequenz ist schlicht. Es ist sinnvoll, sich von den Aufmerksamkeitsakkumulatoren konsequent abzuwenden, die Probleme unabhängig von taktischen Vorteilen zu beschreiben, sich mit den grundsätzlichen Entwicklungstendenzen von Mensch und Natur zu beschäftigen und auf die kleinen, am Rande zu entdeckenden Zeichen zu achten, die vielleicht den Keim einer Lösung in sich tragen. Wer sich heute feiert, weil er alles erklären kann und für alles eine Lösung parat hat, ist nichts anderes als ein Bestandteil der näher kommenden Katastrophe. Beim Erscheinen dieser Figuren kann man die Korken knallen lassen, die Hymne auf die Andrea Doria singen und den Augenblick genießen. Führen wird es zu nichts. Achten Sie lieber auf Elefanten, Affen und Tiger!
Streumunition: Der Glaube an einen Sieg ist dahin!
Hitler wusste es und hat es unumwunden zugegeben: Hat Deutschland Zugriff auf die ukrainischen Getreide- und die russischen Ölfelder am Kaspischen Meer, dann steht der globalen Blüte des Dritten Reiches nichts mehr im Weg. Das mit dem ukrainischen Getreide hätte ja noch gelingen können, denn es gab starke Allianzen vor Ort. Aber die Augen waren größer als der Magen. Nach dem Debakel um Stalingrad war der Traum der Weltherrschaft ausgeträumt. Nach den verheerenden Niederlagen der Wehrmacht dort konnten die USA, in der aktuellen hiesigen Geschichtsschreibung die alleinigen Befreier vor dem deutschen Faschismus, in den Krieg mit Deutschland ohne erhöhtes Risiko eintreten und sich auf die Rendite freuen.
Der aktuelle Krieg in und um die Ukraine hatte einen Aspekt, der sich auf die nahezu unbeschwerte Demütigung einer in sich zusammen gesunkenen imperialen Macht beruhte, nämlich formulierte Sicherheitsinteressen. Sie wurden der „Regionalmacht“ Russland abgesprochen. Dass da auch, neben der alten Rivalität der USA mit Russland, wieder der ukrainische Weizen mit ins Spiel kam, war eine Frage der Zeit. Wer militärisch mitmischt, will Beute. Und so kam es, wie bereits immer wieder berichtet, dass Konglomerate wie Black Rock, Monsanto und diverse andere, us-amerikanische, bereits nach dem von den USA betriebenen Regime Change 2014 sich von den dann regierenden Oligarchen landwirtschaftliche Flächen ungeahnten Ausmaßes in der Ukraine sicherten. Gesprochen wird von einer Dimension, die der gesamten landwirtschaftlichen Fläche Italiens entspricht.
Wenn, wie nun gemeldet, die USA Streumunition in die Ukraine liefern, dann ist das nicht nur die eigene Rückkehr zur systematischen Anwendung von Kriegsverbrechen wie im Falle Vietnams und ein Debakel über die Integrität deutscher Amtsträger, die die Ächtung dieser Waffen unterschrieben haben, aber davon nichts mehr wissen wollen, sondern auch eine Auskunft über die militärischen Aussichten des Konfliktes. Denn Streumunition zerfetzt nicht nur Menschen, sondern sie macht die Flächen, auf denen sie abgeworfen wird, auf viele Jahre hin unbrauchbar.
Wenn jetzt mit Streumunition operiert wird, bedeutet es, dass man nicht mehr davon ausgeht, die Flächen selbst in naher Zeit nutzen zu können. Die Erkenntnis, die sich also mit dem Hinweis auf die Lieferung von Streumunition verbirgt, gestaltet sich nicht unbedingt als ein Geheimnis: die Zuversicht in einen Sieg über die russischen Streitkräfte ist dramatisch gesunken. Die Enttäuschung, die die ukrainische Delegation auf dem NATO-Gipfel erfahren musste, entspricht dieser Entwicklung. Es hat sich in den USA und somit auch in der Administration der NATO die Erkenntnis durchgesetzt, dass der Krieg in und um die Ukraine verloren ist. Folglich ist die Reaktion nur konsequent: Was wir nicht haben können, soll Russland erst recht nicht bekommen. Die Lieferung von Streumunition ist dafür ein starkes Indiz.
Dass sich der gesamte Werte-Westen mit diesem Zug in der Welt wiederum weiter isoliert, dürfte außer der hier propagandistisch verseuchten Öffentlichkeit keinem mehr ein Rätsel sein. Längst werden die Vertreter des Westens in nahezu jedem Teil der Welt mit der eigenen Doppelmoral konfrontiert. Und dass hierzulande Inhaber von Ämtern, die zu den wichtigsten des demokratisch verfassten Staates gehören, sich nicht mehr an die eigenen Verbindlichkeiten halten, um nur nicht den amerikanischen Gebietern einmal widersprechen zu müssen, ist nicht nur ein Indiz für deren Armseligkeit, sondern auch für das Fiasko, in dem sich dieses Land befindet.

Du muss angemeldet sein, um einen Kommentar zu veröffentlichen.