Archiv für den Monat Juli 2023

Es ist Löwenzeit!

Traditionell sind die Rajons von Berlin oder Brandenburg nicht unbedingt bekannt für ihre avantgardistische Spürnase. In diesem Jahr waren sie allerdings dem Rest der Welt um einige Tage voraus. Sie riefen nämlich die Löwenzeit schon vorher aus, indem sie davon sprachen, dass eine ausgewachsene Löwin in ihrem jeweiligen Gebiet auf Pirsch sei und bereits ein Wildschwein, wovon es in dieser Gegend bedrückend viele gibt, mit Haut und Haaren verputzt habe. Die Truppen wurden entsandt, alles, was Uniform trug, wurde in Wald und Flur beordert, um das Schlimmste zu verhindern. Unterlegt wurde die wahrhaftig abenteuerliche Geschichte noch durch einen Tweed, der abgesetzt worden sei, in dem sich ein Mitglied eines Berliner Clans hilfesuchend an die Öffentlichkeit gewandt habe, ihn bei der Suche nach seiner entlaufenen Löwin zu unterstützen.

Wie es der Zufall so will, oder, vielleicht auch, weil es die Nachrichten unserer Tage so an sich haben, hat sich die Geschichte nach einigen Tagen der Hektik und Panik in Luft aufgelöst. Eine Löwin wurde nicht gesichtet, Experten identifizierten das Objekt, von dem eine einzige Nachtaufnahme auf einem Handy existierte, seinerseits nicht als Löwin, sondern selbst als Wildschwein und das Clan-Mitglied und sein Tweed verschwanden im Nirvana.

Irgendwie erinnert das alles an die wunderbaren Geschichten, die im so genannten und jedes Jahr sich wiederholenden Sommerloch aufpoppen und die Gemüter wie zum Training noch einmal in Wallung bringen. Erinnerungen an den Kaiman Sammy und den Problemstorch Ronny werden wach und werfen, bei ein wenig Gelassenheit, ein mildes Licht auf das Genre, das darauf konditioniert ist, uns permanent in einen Zustand großer Adrenalinproduktion zu versetzen. Manchmal gehts auch lustig zu, könnte man sagen. Und vielleicht folgt auf die Berlin-Brandenburgische Löwin ja noch eine andere Geschichte, die uns nach Jahren der antrainierten Ernsthaftigkeit einmal wieder zum Lachen bringen kann.

Man sollte sich bei dieser Thematik allerdings auf das Boulevard beschränken. Alles, was in der Vergangenheit noch die Reputation der Seriosität genoss, bringt nicht nur nichts mehr zum Lachen, sondern hat sich zunehmend zu einer Gattung entwickelt, die als Grüner Stürmer noch freundlich tituliert wäre. Da sind kriegsgeile Faktenfälscher und üble Hetzer am Werk, die den Rechtsstatt systematisch aushebeln, die ihrerseits allerdings unter Artenschutz fallen, solange sie sich gleichzeitig von der AFD distanzieren. Das ist der Freibrief und es ist an Perversion nicht zu überbieten. Sehen Sie sich das genau an, löschen sie die Embleme der Quellenerkennung und vergleichen sie einmal das Gehetze. Wer da noch rätselt, dass sich immer mehr Menschen von dieser Art der öffentlichen Kultur abwenden, dem kann keine irdische Instanz mehr helfen.

Und auch unter diesem Aspekt muss man ausnahmsweise den Avantgardismus aus Berlin und Brandenburg loben: die Löwenzeit ist überfällig. Es wird Zeit, die Welt neu zu erkunden, es wird Zeit, sich umzuschauen, wo der Magen gefüllt werden kann und man ist gut beraten, sich nächtens zu bewegen, weil da die Hetzer und Panikmacher mit dem guten Gewissen im Bett liegen. Abgerechnet wird, wenn das Wildbret auf dem Tisch liegt.  Jetzt kommen die Löwen. Männlich wie weiblich. Mit großem Hunger, großer Geschicklichkeit und keiner pervertierten Moral. Sie sind die Avantgarde. 

Die Ukraine im Spiel der Räuber: „Der Mohr hat seine Schuldigkeit getan“

Eines muss man den USA lassen und ist über jeden Zweifel erhaben: sie verfügen über eine Strategie. Und die lautet, nach wie vor „Full Spectrum Dominance“. Es handelt sich dabei um eine Universaldoktrin, die davon ausgeht, dass die USA die Regeln internationalen Verkehrs bestimmen und auch in der Lage sind, diese notfalls militärisch durchzusetzen. Wer daran zweifelt, dem sei die Lektüre amerikanischer Strategiepapiere empfohlen, die jedem Interessierten zugänglich sind. Zwar wird auch in den USA gestritten. Allerdings über den Weg, und nicht über das Ziel.

Full Spectrum Dominance bedeutet in diesen Tagen die unbedingte Schwächung Russlands, um die Hände frei zu bekommen im Kampf gegen China. Letzteres ist mit seiner Entwicklungsdynamik auf allen Sektoren die Gefahr für die alleinige, globale Herrschaft. Die Schwächung Russlands als taktischer Verbündeter Chinas war und ist dabei ein erster Schritt. Die Ukraine ist bei diesem Schachspiel ein Bauer, der geopfert wurde und der dabei auf der Strecke geblieben ist. Man höre die Stimmen aus dem Weißen Haus und alles ist klar. „Der Mohr hat seine Schuldigkeit getan.“ Es wird entweder einen noch andauernden Schwelbrand geben, oder einen Waffenstillstand mit Russland, der die russischsprachigen Gebiete einschließlich von Donezk und Luhansk und der Krim Russland überlässt.

Wie sich die mit den USA wähnenden Verbündeten dabei generieren, kann den USA selbst relativ egal sein. Im Falle Afghanistans hat man auch so gehandelt, wie man es für richtig hielt. Und dass kritische Stimmen aus dem NATO-Lager laut würden, ist nach den bereits dem einstmals ökonomisch starken Deutschland zugefügten, und ohne einen Laut hingenommenen Demütigungen unwahrscheinlich. Es sei denn, die momentan gelähmten, in der EU versammelten Gesellschaften kämen in nächster Zeit in Wallung und besännen sich auf ihre eigenen Interessen. Wäre dies der Fall, dann befände sich Europa allerdings in einem revolutionären Zustand, der selbst die USA überraschen würde. So manches Bild aus Frankreich deutet darauf hin, dass eine solche Vision nicht ausschließlich einer Illusion entspricht.

Und, als liefe alles in besten Bahnen, übernimmt, wer sonst, die deutsche Abteilung des State Departments in der Bundesregierung bereits die neue Parole: China ist systemischer Rivale. Dass mit den ersten Statements von deutscher Seite in dieser Richtung bereits das Schicksal von Größen wie VW besiegelt wurde, interessiert diese sektiererische Bewegung aus Moralismus und Fremdbestimmung nicht. Das wurde expressis verbis während des Krieges in der Ukraine bereits durch die Außenministerin in voller Unbefangenheit formuliert. Was, so ihre Ansage, interessiert mich die Meinung meiner Wähler?

Und so ist es, nachdem nun gegen China geblasen wird, kein Wunder, dass die grüne Intelligenz jetzt Indien als nächsten Bündnispartner ausgemacht hat. Da fliegen dann schon mal die moralischen Späne. Während die in Brüssel stationierte Adipositas aus Heidelberg regelmäßig Schnappatmung bei der Nennung der Volksrepublik China bekommt und in alle Richtungen das Schicksal der Uiguren beklagt, liegt sie bei dem neuen Bündnispartner Indien wohlig schlummernd auf der belgischen Schlemmercouch und scheißt etwas auf die Situation der Muslime in Kaschmir. Wer nichts als die eigene Verkommenheit als Referenzpunkt aufzuweisen hat, ist auch für alles zu haben. Und der Kanzler? Der wartet immer noch auf die Bestellungen. Alles läuft bestens, solange man nur dabei ist. Den Rest überlässt man den schlecht Gelaunten.   

„Wer auch immer siegt, stürzt ab“. Homer

Alexander Kluge. Kriegsfibel 2023

Ja, sie existieren noch. Noch! Menschen, die den großen Krieg im letzten Jahrhundert erlebt haben. Rechnerisch gesehen sind es die Kind. Ein Kind dieser Zeit, in der der Krieg zu Ende ging, in der die Westanbindung eines Teils Deutschlands vollzogen wurde, in der der Kalte Krieg wütete und beendet wurde und die in einen neuen, zunächst kalten und dann heißen krieg mündete, ist Alexander Kluge. Er hat sich früh nach dem russischen Einmarsch in der Ukraine zu Wort gemeldet. Mit der Publikation „Russland Container“ erinnerte er daran, was zwischen Deutschen und Russen an Gemeinsamkeiten wie Grausamkeiten geschah und im Keller des kollektiven Bewusstseins liegt. Mit der „Kriegsfibel 2023“ schreibt Kluge ein weiteres Kapitel. Nicht über die Ambivalenz von Nationen, sondern über die Unwägbarkeiten des Krieges und seine Permanenz. 

Es beginnt mit einem Déjà-Vu. „Der Krieg ist wieder da“ erinnert sich der Autor als Zeitzeuge und vieles, was immer noch in seinen Sinnen präsent ist, hat eine eigentümliche Aktualität. Um in der Folge aufzuräumen mit den Mythen, die jeder Krieg produziert. Von der Illusion technischer Sicherheit, von den ständig wiederkehrenden Ressentiments und den ebenso oft vorkommenden Zufällen, die gravierende Wenden nach sich ziehen und den vorübergehenden Ausgang des Krieges beeinflussen können. Und Kluge stöbert nicht nur in dem nun vor uns liegenden Konflikt zwischen Zentral- und Osteuropa, sondern auch im amerikanischen Bürgerkrieg, der eiternde Wunden bis ins Heute geschlagen hat und die amerikanische Gesellschaft immer wieder zu schmerzhaften Erlebnissen führt. Nein, so Kluge, Kriege verlaufen nie so, wie die, die sie beginnen, sich das vorstellen. 

Wer glaubt, mit der „Kriegsfibel 2023“ ein Buch zu erwerben, das den jetzigen Krieg in der Ukraine erklärt und dokumentiert, wird enttäuscht werden. Alexander Kluge ist beikamt dafür, dass er in die tiefen Schichten von Phänomenen eindringt und sehr viel von seiner Leserschaft verlangt. Und die Botschaften, mit denen er sich als guter Didakt sehr zurückhält, haben es in sich. Sie zwingen zu einem gravierenden Perspektivenwechsel, egal, auf welcher Seite man steht.

Die eine Quintessenz, die Kluge preisgibt ist die Gewissheit, dass die wahren Chronisten des Krieges die Kinder sind.  Da ist es unerheblich, was ein Herr Putin, ein Herr Biden, die Schreihälse subalterner Mächte oder die waffenstarrenden Militärbündnisse zum besten geben. Wie es weiter gehen wird, nach der großen Vernichtungsshow, das werden die sein, die als Kinder Zeugen dieser Material- und Menschenschlacht werden. Auf beiden Seiten! 

Und, auch das so ein Apercu, das nur von einem Menschen kommen kann, der über das hohe Gut der Erfahrung verfügt: „Ist der Krieg ausgebrochen, hört die Herrschaft über ihn auf. Krieg duldet keine Vorgesetzten.“ Führen Sie sich das vor Augen. Und versuchen Sie eine Prognose.

Kluge, ein Grandseigneur philanthropischen Denkens, hält sich auch da zurück. Er will nicht belehren, vielleicht weil er weiß, dass dieses Instrument in unseren Tagen durch häufigen Missbrauch allzu abgenutzt darniederliegt. Alexander Kluge reicht auch da ein Zitat:

„Wer auch immer siegt, stürzt ab“. Homer

  • Herausgeber  :  Suhrkamp Verlag; 1. Edition (17. April 2023)
  • Sprache  :  Deutsch
  • Gebundene Ausgabe  :  126 Seiten
  • ISBN-10  :  3518431536
  • ISBN-13  :  978-3518431535