In den historischen Wissenschaften taucht immer wieder ein Begriff auf, der von den Kausalisten, Deterministen und Zivilisationstheoretikern eher müde belächelt wird. Es ist der der Imponderabilien. Damit sind schlicht Unwägbarkeiten gemeint, die dann doch, im einen oder anderen Fall, den Lauf der Geschichte in nicht unerheblichem Maße beeinflussen. Das kann die Tageslaune eines Protagonisten sein, das kann eine Fehlannahme sein, es kann das plötzliche Auftreten eines Naturereignisses sein oder einfach irgendwo ein technisches Versagen. Und, die Annalen betrachtet, so selten ist es nicht, dass diese Imponderabilien ganz entscheidend dazu beigetragen haben, Bedingungen zu schaffen, die uns heute als selbstverständlich gelten.
Wie es insgesamt ein äußerst zweifelhaftes Geschäft ist, Geschichte als die logische Folge bestimmter Voraussetzungen anzusehen und daraus eine theoretisch begründete Prognostik abzuleiten. Der durch die Aufklärung, bis heute meines Erachtens eine der Sternstunden der westlichen Welt, erarbeitete Begriff des Fortschritts ist so eine Sache. Die Überhöhung der eigenen Sichtweise hat den Fortschritt doch zu einer exklusiv westlichen Vorstellung gemacht, und die vielen reichen, komplexen Sichtweisen auf die Entwicklung der Dinge in anderen Teilen der Welt wurden schlichtweg kolonisiert.
Alles, was unter dem Terminus der Verwissenschaftlichung stattgefunden hat, ist mit zwei zweifelhaften Phänomenen immer einher gegangen: zum einen wurde der anthropozentrische Standpunkt zum Allgemeingut und somit ein nicht instrumentalisierender Blick auf die Welt ausgeschlossen. Zum anderen wurde immer die Möglichkeit der Unvorhersehbarkeit durch die kleinen Finten des Schicksals als infantile Abenteuergeschichte verbannt. Dass Wissenschaft als Zugang zu Erkenntnis auch Interessen folgt, und dass sie reihenweise irrt, gilt bei deren Apologeten bereits als Blasphemie.
Insofern, ohne gleich einen Anspruch zu formulieren, der wiederum in der Begründung einer neuen Theorie läge, wäre es ratsam, sich einfach Ereignisse in den Kopf zu rufen, die durchaus als Imponderabilien bezeichnet werden können und die den Lauf der Geschichte beeinflusst haben. Nicht, um der notwendigen Anwendung von Wissenschaften einen Streich zu spielen, sondern um so etwas zu erzeugen wie ein bisschen Demut vor der komplexen rollenden Bewegung der Kugel, die wir unsere Erde nennen.
Hätte der deutsche Stadtkommandant von Paris, Dietrich von Choltitz, nicht des Befehl verweigert, gäbe es das heutige Paris in dieser Form wohl nicht. Hätte Armin Laschet nicht während der Flutkatastrophe im Ahrtal während der Rede eigenes anderen in einer zurückliegenden Fahrzeughalle zusammen mit Feuerwehrleuten ausgelassen über einen Witz gelacht, währe er vielleicht heute Kanzler. Hätte es auf dem Bremer Parteitag der CDU im Jahr 1989 noch Fischbrötchen gegeben, auf die sich der angeschlagene Kanzler Kohl so gefreut hat, dann hätte er nicht mit einer derartigen Rigorosität die innerparteiliche Opposition liquidiert. Und hätte am 9. November desselben Jahres ein ZK-Sekretär Günter Schabowski nicht vor laufenden Kameras eine sehr verkürzte Interpretation des neuen DDR-Reisegesetzes gegeben, dann wäre die Geschichte in Sachen deutscher Einheit vielleicht doch ganz anders verlaufen. Und, um die kleine Revue zu beenden, die ein Nichts ist im welthistorischen Maßstab, wären die Vertreter der untergehenden Sowjetunion nicht überraschender Weise guten Glaubens gewesen, was sie sonst nicht waren, und hätten sich bei allem, was sie vereinbarten, durch Verträge absichern lassen, dann gäbe es vielleicht heute auch keinen Krieg in der Ukraine.
Die Wissenschaft lehrt uns das Fliegen. Die Imponderabilien zwingen zu manch harter Landung.

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