Archiv für den Monat März 2023

Fundstück: Instabil wie kriegsaffin

24.02.2015

Zum Angriff wurde schon längst geblasen. Keine Gelegenheit wird ausgelassen, um nicht die dunklen Schimären des Ressentiments, der Verängstigung durch das Fremde und die Aggression als Schutz vor dieser Furcht zu mobilisieren. Morgens ist es der Grieche, der einem das Leben vergällt, mittags droht der Russe mit schwarzem Pulver und großem Knall und abends lauern die Muselmänner in jeder dunklen Ecke, um zu ihrem koranischen Halali zu blasen. Hinzu kommen die ganzen Syrer und Mohren, die unseren blonden Töchtern nachstellen. Als wäre das alles nicht genug, gesellen sich nun seit einiger Zeit auch noch stinkende Fleischfresser und pestende Raucher hinzu. Germanistan ist ein Jammertal, das immer nur bezahlen muss, damit der ganze Schmutz und die ganze Bedrohung, welche auf der Welt herrschen, von ihm fern gehalten werden. Deutschland, erwache! Das ist der Schrei, den die etablierte Presse verbreitet. Deutschland, lass dich nicht ausnutzen von bösen und faulen Griechen, lass dich nicht auslachen von marodierenden Russen und lass dich nicht verhöhnen von Muselmännern mit langen Bärten.

Nein, was in diesen ersten Zeilen steht, ist keine rhetorische Überzeichnung. Nahezu im Wortlaut steht das mittlerweile jeden Tag in unseren Zeitungen. Ja, wir sind wieder soweit. 70 Jahre nach dem großen, heillosen und verlorenen Krieg stehen wir wieder am Anfang. Die Dummheit regiert und die Zerstörung macht sich gerade zurecht, um zu folgen. Das Phänomen ist nicht einfach erklärt. Die Fragen, die bewegen, sind jedoch sehr präzise zu beschreiben.

Wie kann es sein, dass in einem Land, das sich auf die Fahnen geschrieben hatte, dass nie wieder Krieg von seinem Boden ausgehen dürfe, von diesem Weg abweicht? Wie kann es sein, dass das Bekenntnis zur Demokratie, das das Prinzip der Toleranz beinhaltet, formal so weiter leuchtet, in der Praxis jedoch zu einer Wucherung der Ignoranz und des selbst bezogenen Absolutismus verkommen ist? Wie kann es sein, dass die Lehre aus dem Desaster, die darin bestand, dass es viele, schöne, gleichberechtigte Kulturen auf diesem Planeten gibt, zur Vergötterung einer Monokultur mutierte, wie sie selbst das historische Vorbild nicht an Einfältigkeit hervorzubringen vermochte?

Viele, die heute die Regiebücher für die neue Mobilmachung schreiben, kamen aus der Bewegung gegen den Krieg. Das machte sie, aus deren eigener Perspektive, zu etwas Besserem, als allem, was vorher war. Im Gegensatz zu jenen, die den Krieg selbst erlebt hatten, wussten sie allerdings nicht um die Fehlbarkeit auch der als gut Verstandenen. Sie glaubten sich als die Guten und daher tappten sie in die Falle, die die Geschichte immer wieder dem Hochmut stellt. Sie glaubten sich moralisch erhöht im Verhältnis zu allen, die anderer Meinung waren. Damit leiteten sie das Ende dessen ein, was einst, als die Welt noch unter dem Primat von Realisten stand, als die Form von Koexistenz die Beziehungen von Unterschieden zueinander beschrieb.

Die Eiferer für den heißen Konflikt, über die man überall stolpert, sind weder intellektuell noch emotional der Koexistenz fähig. Das ist ein Novum und zeigt die Krankheit unserer Zeit. Ohne nach Schuldigen zu suchen, müssen wir feststellen, dass die digitale Revolution die Fähigkeit, zu differenzieren nahezu flächendeckend liquidiert hat. Und der Anti-Autoritatismus hat anscheinend nicht dazu erzogen, Machtverhältnisse, die nicht schmecken, auszuhalten, um sich selbst zu organisieren. Der Konflikt an sich wird als eine Ambiguität erlebt, unter der man nicht leben kann und die eigene, gefühlte Überlegenheit rät zu schnellen Handlungen. Da treiben Subjekte in den Krieg, die nicht wissen werden, wie ihnen geschieht.

Zoon Politikon, Bindung und Dressur

Bei der Erziehung eines Hundes spricht man von zwei essentiellen Faktoren: Bindung und Dressur. Je nach Rasse und Temperament sind beide Komponenten zu berücksichtigen. Die eher eigenwilligen, selbständigen Charaktere gewinnt man über die Bindung. Die Beziehung zwischen Mensch und Tier ist das Entscheidende. Stimmt diese Beziehung, ist sie von Vertrauen und Verständnis geprägt, dann ist damit zu rechnen, dass das Tier mit einem ausgeprägten eigenen Willen dennoch zu einer guten Beziehung mit dem Menschen fähig ist und das Auftreten beider in der Gesellschaft ohne Probleme gewährleistet ist. Stimmt die Beziehung nicht, ist keine Bindung vorhanden, dann ist das Chaos vorhersehbar.

Bei anderen, eher angepassten Charakteren reicht es aus, die Gesellschaftsfähigkeit über Dressur herzustellen. Das Verhalten wird eingeübt. Regel und Sanktion. Negativ wie positiv. Die so konditionierten Individuen funktionieren, solange der Dompteur in der Nähe ist und sie scheren auch nicht in die Wildnis aus, wenn der Herr und Meister nicht vorhanden ist. Sie verkümmern. Anders bei den Individuen, die sich nur durch Bindung domestizieren lassen. Ihre Chance, auch ohne den Menschen klar zu kommen, ist weitaus größer. Sie sind fähig, eigene Entscheidungen zu treffen. Je mehr Wolf im Spiel ist, desto wichtiger die Bindung. Und je höher die Domestizierungsanteile, desto wichtiger die Dressur.

Ja, es ist gewagt und pointiert, aber die Übertragung auf die politischen Verhältnisse unserer Tage hat doch einen gewissen Reiz. Betrachten wir es als eine von der Dramaturgie gesponserte Übung! Wodurch ist der Zoon Politikon, mit dem wir es hierzulande zu tun haben, am meisten geprägt? Zeichnet er sich durch einen starken eigenen Willen aus und folgt er der Regierung aufgrund einer Bindung, die durch Vertrauen und Wertschätzung geprägt ist? Oder ist sein domestiziertes Verhalten zurückzuführen auf eine lange Periode der Dressur? 

Oder anders herum: Welches Verständnis haben die politischen Mandatsträger zu denen, von denen sie das Mandat erhalten haben? Halten sie sie für starke Individuen, denen sie ihrerseits ihre Loyalität zeigen müssen, bevor sie etwas von ihnen verlangen? Oder halten sie sie für Wesen, die man mittels einer Pädagogik von Regel und Sanktion dressieren und abrichten kann? Und die dann gehorchen? 

Die Fragen mag jeder für sich beantworten. Doch egal, zu welchen Antworten man kommt, die Grundidee einer Demokratie ist Bindung und nicht Dressur. Wenn die Bindung stimmt, dann sind gesellschaftliche Krisen eine Herausforderung, der sich alle stellen. Ist das Gefüge durch Dressur bestimmt, dann sind Krisen existenziell. Dann ist die notwendige Widerstandsfähigkeit nicht gegeben. Dann besteht die Gefahr, dass alles implodiert.

Es sei denn, unter der Decke einer unaufhaltsam veranstalteten Dressur befindet sich doch noch ein Charakter des domestizierten Zoon Politikon, der bei einem Ausmaß der Zumutung umschlägt in den Autokompass. Dann geht er von sich aus auf Jagd und sucht nach Optionen, die ihm das Überleben sichern. Dann nützen die kleinen durch Dressur erworbenen Kunststückchen nichts mehr, dann geht es ums Überleben. Und dann ist das alles nicht mehr lustig. Weil dann gebissen wird, weil Blut fließt und weil dann solange der Gegner geschüttelt wird, bis das Genick gebrochen ist.

Wie gesagt, manche Gedanken muss man manchmal durchspielen, um einen anderen Blick auf die immer wieder aus der gleichen Perspektive betrachteten Erscheinungen zu bekommen.